Es hat Tradition, dass die Zürcher Galerien in Aussersihl, links und rechts der Limmat sowie im Löwenbräu-Areal und Umgebung gemeinsam in die Herbstsaison starten. Rund 60 Galerien bestreiten jeweils diesen attraktiven Fixpunkt im Kulturkalender der Stadt. Nach zwei Jahren dauerndem Umbau ist nun auch das Löwenbräu-Areal in neuem Glanz wieder dabei. Neben der Kunsthalle und dem ­Migros Museum stehen hier die Galerien Hauser & Wirth, Bob van Orsouv und Eva Presenhuber für hochkarätige Kunst.

Daneben bieten, über die Stadt verteilt, auch kleinere Galerien eine Fülle an Kunstentdeckungen. Irène Preiswerk etwa zeigt in ihrer Galerie Semina rerum unter dem Titel «Tea Time in Tehran» Fotogra­fien von Beatrice Minda. Während ihrer fotografischen Erkundungsreisen durch Privathäuser im Iran 2010 und 2011 hat Beatrice Minda im Herzen des alten Teheran, inmitten des hektischen Autohändlerquartiers, eine alte Patriziervilla hinter hohen Mauern entdeckt. Einst einem Konsul gehörend, ist dieses Anwesen stilistisch eine einzigartige Mischung aus westlichen und traditionellen persischen Elementen. Nun liegt das geschichtsträchtige Haus samt Garten im Dornröschenschlaf, nur noch von einem Diener bewohnt. Die Zeit scheint stehen geblieben. Bis vor kurzem haben sich hier wöchentlich ältere Damen zu Tee und Teheraner Zuckergebäck in Louis-XVI-Fauteuils niedergelassen, während draussen die islamische Revolution die Lebensverhältnisse veränderte.

Mit Anna Handick zeigt das Art Forum Ute Barth die diesjährige Preisträgerin des Young Art Award, den die Galeristin bereits zum fünften Mal vergeben hat. In Zeichnungen und Installationen beschäftigt sich die 27-jährige Künstlerin mit unentdeckten Lebensformen und Augenblickaufnahmen aus der Zukunft. Aus Hanf und Pappmaché kreiert sie organische Formen, die an verlassene Nester, Behausungen, ausgeschlüpfte Eier und exotische und fleischfressende Pflanzen erinnern. Die unregelmässigen Oberflächen, die gedämpften Farben, der Geruch des Hanfs sowie das leichte Schaukeln der von der Decke herabhängenden Installationen regen die Phantasie an und lassen im Betrachter die Frage entstehen, wer oder was diese Hüllen und Behausungen wohl soeben verlassen hat.

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Die Galerie Andres Thalmann widmet ihre neue Ausstellung Ian Davenport, einem herausragenden Künstler der Young British Artists, der 1991 für den Turner Prize nominiert war. Die Farbe und ihre Energien sind zentraler Bestandteil seiner Werke. Mittels einer am oberen Bildrand angesetzten Spritze lässt Davenport Acrylfarbe auf dünnen Stahlblechflächen herabfliessen, sodass sich in lückenloser Abfolge ein Streifen kontinuierlich an den anderen reiht. In seinen Puddle Paintings unterbricht er den Fluss der Farbe, indem er den unteren Teil der Blechplatte zu einer waagerechten Fläche biegt, auf der die Farblinien zu Pfützen auslaufen. Zufall und Berechnung treffen in Davenports Werk überraschend aufeinander.

Die Christophe Guye Galerie zeigt zur Saisoneröffnung eine neue Werkgruppe des 28-jährigen Zürcher Künstlers Roger Eberhard, die in Hamburg entstanden ist. Sie behandelt die Auswirkungen von Fluglärm und zeigt eine entvölkerte Strasse in Neuenfelde, wo die Stadt Hamburg Häuser kaufte, um Klagen gegen den Pistenausbau des nahe gelegenen Airbus-Werks zu verhindern. Neuenfelde ist zum Geisterdorf mit scheinbarer Vorstadt-Idylle verkommen: Die Rasenflächen sind gemäht, gelegentlich schalten sich Lichter an, nachts patrouillieren Wachmänner. Doch längst ist jedes Leben aus diesen Häusern gewichen, zum Vorschein kommt eine staatlich vorgegaukelte Idylle. Katrin Bachofen

Galerie Semina rerum: Beatrice Minda, Cäcilien­strasse 3; bis 13. Oktober 2012.Art Forum Ute Barth: Anna Handick, ­Kar­tausstrasse 8; bis 29.September.2012.Galerie Andres Thalmann: Ian Davenport, Talstrasse 66; bis 27. Oktober 2012.Christophe Guye Galerie: Roger Eberhard, Dufourstrasse 31; bis 29. September 2012.