Für einmal trügt der Name «Bellavista»: Der Nebel steht an diesem kalten Novembertag wie eine Mauer in der Franciacorta. Der Besucher muss sich die Aussicht vorstellen. Sie soll von der Kuppe, auf der das Weingut thront, über eine sanfte, von Reben durchsetzte Hügellandschaft zum Lago d’Iseo reichen.

Direktor und Chef de Cave Mattia Vezzola hält sich deshalb nicht lange draussen auf. Er zeigt bloss auf die beiden grossen Holzpressen im Hof, mit denen die Trauben für Bellavistas Schaumweine, auf traditionelle Art wie in der Champagne, besonders sanft gepresst werden. Dann führt er durchs Weingut, das auch architektonisch beeindruckt.

Wir durchqueren hohe Räume mit blitzenden Stahltanks und eine stille Kathedrale von Eichenfässchen. In beiden vergären die Grundweine aus der Chardonnay- und Pinot-noir-Rebe. Wir laufen im Dämmerlicht durch breite Gänge, gesäumt von Flaschengebirgen. Hier vollzieht sich die Flaschengärung, die dem Wein Schaum, Perlen und Komplexität schenkt. Wir begegnen den Rüttelpulten mit den schräg kopfüber lagernden Flaschen, die täglich von den Kellerarbeitern um eine Achtelsbewegung gedreht werden, damit das Hefedepot langsam zum Flaschenhals gleitet und dann beim Degorgieren entfernt wird.

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Dem Handwerk verpflichtet

Obwohl jährlich rund 1,3 Millionen Flaschen Schaumwein den Keller von Bellavista verlassen, hat sich das Weingut ganz der handwerklichen, traditionellen Arbeitsweise verschrieben. Mattia Vezzola, der die Weingebiete der Welt bestens kennt und die Produktionsmethoden vergleichen kann, versteigt sich zur kühnen Aussage: «Die Zukunft des europäischen Weins liegt im Handwerk.»

Dass dies etwas kostet, zeigen die stolzen Preise von Bellavista. Auf dem Schwesterweingut Contadi Castaldi wird mechanisierter gearbeitet. Dessen ebenfalls vorzügliche Schaumweine sind günstiger, erreichen aber nicht die Ausdruckskraft der Bellavista-Gewächse.

Zur Gruppe Terra Moretti

Bellavista und Contadi Castaldi gehören zur Gruppe Terra Moretti. Deren Besitzer, Bauunternehmer Vittorio Moretti, weitete sein Geschäft auf den Schiff- und Weinbau aus. Neben den lombardischen Spumante-Betrieben zählen in der Toskana Petra und Tenuta La Badiola zum Besitz. Moretti stammt aus der Gegend. Seine Vorfahren waren Weinbauern. «Irgendwann spürte ich, dass ich nicht nur im Baugewerbe tätig sein wollte. Schliesslich fliesst in meinen Adern Bauernblut.» In den Siebzigern gründete er Bellavista und zehn Jahre später Contadi Castaldi.

Franciacorta heisst die Hügellandschaft westlich von Brescia und südlich des Lago d’Iseo. Ihren Namen hat sie von «Francae Curtes»; so nannte man im Mittelalter die Steuerbefreiung für ansässige Klöster. Heute steht sie für hochklassigen Schaumwein nach der Champagnermethode aus den in der Champagne ebenfalls verwendeten Rebsorten Chardonnay und Pinot noir.

Kein Stress wegen mangelnder Traubenreife

Pioniere wie Franco Ziliani (Berlucchi), Maurizio Zanella (Ca’ del Bosco) und Vittorio Moretti erkannten als Erste die Eignung des Gebiets für die Spumante-Produktion. Die Böden liegen auf einer Gletschermoräne. Kühlende Luftströme der Alpen sorgen für ein mildes Klima, das durch den See und den südlich gelegenen Monte Orfano stabilisiert wird. Der Bergzug schützt vor den heissen Winden der Poebene.

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Der Rebbau findet nicht unter grenzwertigen Bedingungen wie in der Champagne statt. Kein Stress wegen mangelnder Traubenreife. Im Gegenteil: Ein Franciacorta ist etwas alkoholreicher und weicher als ein Champagner. Dennoch besitzt er ein zartes Bouquet, eine lebhafte Säure und einen eleganten Körper.

Führender Schaumweinproduzent Italiens

Franciacorta ist eine Erfolgsgeschichte. Inspiration, handwerkliches Können und finanzielle Mittel machten das Gebiet in wenigen Jahrzehnten zum führenden Schaumweinproduzenten Italiens. Mit 3000 Hektaren hat die Anbaufläche die maximale Grösse erreicht. Rund hundert Betriebe erzeugen jährlich zehn Millionen Flaschen – gegenüber den 350 Millionen der Champagne ein Klacks.

Den Qualitätsvergleich mit der Champagne besteht ein gelungener Fanciacorta allemal. Das zeigt die spektakuläre Degustation, zu der Mattia Vezzola nun bittet. Anwesend ist auch Vittorio Moretti mit Tochter Francesca. Man sagt dem 85-jährigen Unternehmer ein sonniges Gemüt nach; und seine Schaumweine geniesst er auch noch im Alter.

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Von «gut» bis «meraviglioso»

Gut ist schon der Basiswein Bellavista Alma Brut mit einer Auflage von einer Million Flaschen (80 Prozent Chardonnay, 20 Prozent Pinot nero, 30 Monate auf der Hefe ausgebaut). Er gefällt mit Frische und feiner Würze. Komplexer, tiefgründiger, finessenreicher ist die Vittorio Moretti Riserva 2008 (höherer Anteil Pinot nero, sieben Jahre auf der Hefe). Er begeistert mit reifer Frucht, Schmelz und saftiger Säure. Ganz gross schliesslich der Meraviglioso aus der Magnumflasche – Premiere und Derniere zugleich.

Den einzigartigen Wein wird es so nicht mehr geben, denn der «millesimo dei millesimi» ist Mattia Vezzolas Meisterstück – eine Komposition der Jahrgänge 1984, 1988, 1991, 1995, 2001 und 2002, die zwölf Jahre auf der Hefe ruhte. Als ihn Vittorio Moretti nach dem Degorgieren das erste Mal probierte, rief er aus: «Meraviglioso!» Das ist er. Frisch, komplex, reintönig, intensiv, kraftvoll, delikat – die Quadratur des Kreises. Einzigartig. Mattia Vezzola stellt sich dem aufbrandenden Applaus, und Vittorio Moretti verdrückt eine Träne.

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