Eine der zurzeit vitalsten Kunstszenen hat sich in den letzten Jahren auf dem in­dischen Subkontinent herausgebildet. Anders als beim chinesischen Kunstmarkt entstand sie zunächst als reiner Binnenmarkt. Doch Kunstschaffende wie Subodh Gupta, Shilpa Gupta, Nalini Malani oder Jitish Kallat haben sich längst auf dem internationalen Kunstmarkt etabliert. Der internationale Durchbruch erfolgte 2006/2007, als bei internationalen Auktionen die ersten Millionenzuschläge fielen. Die Käufer sind häufig Inder aus New York und London, welche die Auktionspreise in die Höhe treiben.

Die zeitgenössischen indischen Künstler, von denen etliche dank Stipendien weit gereist sind, verstehen es, die Ästhetik der Postmoderne gekonnt mit indischen Themen zu kombinieren. Auffällig sind die vibrierende Vielfalt und der grosse erzählerische Reichtum. Im Gegensatz zu den lange Zeit gehypten chinesischen Künstlern gehen die Inder viel freier mit ihrer Kreativität um und sind mehr gegenwartsbezogen. Auffallend ist auch der starke Anteil an weiblichen indischen Künstlerinnen.

Am diesjährigen St. Moritz Art Masters – mit Länderschwerpunkt Indien – haben Julia Ritterskamp und Gérard A. Goodrow ihr sehr informatives Buch «Passages – Indian Art Today» vorgestellt. Es stellt sowohl etablierte als auch Nachwuchskünstler aus In­dien vor, aber auch indischstämmige Künstler im Ausland. Behandelt werden die Themen Politik, Gender, Kunstmarkt, Fotojournalismus, Abstraktion und gezielte Rückgriffe auf traditionelle Techniken. Das Buch mit deutschen und englischen Texten erscheint im Herbst bei Daab Books und stellt eine hervorragende und umfassende Einführung in die aktuelle indische Kunstszene dar.

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Die Galerie & Edition Stephan Witschi zeigt vom 10. Oktober bis 22. November in Zürich exklusiv die erste Einzelausstellung der indischen Künstlerin ­Smriti Dixit aus Mumbai. Die Ausstellung «Stitching for Healing & Togetherness – Part 2» in Sils war Teil am diesjährigen St. Moritz Art Masters und wird nun mit neuen Werken ergänzt.

Textile Materialien als Ausgang

Smriti Dixit (geboren 1971 in Bhopal) zählt zu den international erfolgreichen Künstlerinnen Indiens. Mit ihrem ganz eigenen Stil – sie arbeitet mit Textilien, Woll- und Plastikfäden, Kleidungstücken und Alltagsobjekten – hebt sich die Künstlerin aus der breiten Künstlermasse heraus. Demnächst wird ihre Installation «Trap» (ein handgemachtes Spinnennetz aus Plastikaufhängern von Preisschildern) als Teil des grossen Airport-Kunstprojekts am Flughafen in Mumbai präsentiert. Nächstes Jahr werden ihre neuesten Werke Teil einer Ausstellung im ältesten Museum in Mumbai, im Dr. Bhau Daji Lad Museum, sein, in dem bislang nur die besten zeitgenössischen Kunstschaffenden Indiens gezeigt wurden.

Smriti Dixit verwendet in ihren abstrakten Werken alle Arten von textilen Materialien: Fäden, Fasern und Stoffe finden sich in genähter, gestickter oder geknüpfter Form oder in Kombination aller Techniken. Dixit experimentiert mit Texturen, Mustern und Farben. Die natürlichen Materialien verbindet sie oft mit Textilien aus der Konsumwelt, denen man selten ­Beachtung schenkt, wie Wäscheetiketten. Bei Dixit stehen textile Gemälde und Objekte gleichbedeutend nebeneinander. Über die Jahre hat die Künstlerin eine eigene Sprache entwickelt, die signifikant für ihre Themen ist. Ihre Werke setzen sich mit Fragen wie Wiedergeburt, Wiederverwertung und Erneuerung auseinander. Der Prozess des eigenen Schaffens und Schöpfens, die Arbeit des Nähens, Strickens oder Drapierens des textilen Materials gilt als das zentrale Element ihrer Kunst.

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