Eine neue Studie zeigt den Rückstand Europas und der Schweiz in Sachen Start-up-Finanzierung gegenüber den USA und China. Demzufolge sind in der Schweiz seit 1995 insgesamt zehn Milliarden Franken an Venture Capital geflossen. In den USA waren es im gleichen Zeitraum 870 Milliarden, in China 399 Milliarden Dollar.

Die Folgen zeigen sich in der jeweiligen Wirtschaftslandschaft: Die so entstandenen Firmen haben in den USA eine Marktkapitalisierung von 6750 Milliarden Dollar, 34 Prozent des BIP, und beschäftigen 5,8 Millionen Mitarbeiter, 11 Prozent der Erwerbstätigen. In der Schweiz verzeichnen Avaloq, MindMaze, Roivant und Co. lediglich 14 Milliarden Franken Marktkapitalisierung (2 Prozent des BIP) und 15 400 Mitarbeiter (0,3 Prozent der Erwerbstätigen).

Auch die grossen chinesischen Firmen sind VC-basiert. Zusammen haben sie eine Marktkapitalisierung von 1469 Milliarden Dollar und erwirtschaften 222 Milliarden Umsatz. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Techkonzerne Alibaba, Tencent, Baidu und JD: Sie sind selber an 19 anderen Start-ups beteiligt, von denen jedes einen Unternehmenswert jenseits der fünf Milliarden Dollar aufweist.

Fast nur Family Offices investieren

Die Studie in Auftrag gegeben hat Klaus Hommels, der wohl erfolgreichste Tech-Investor der Schweiz. Den Grund für den Rückstand sieht der 52-Jährige darin, dass hierzulande und im Rest Europas fast nur Family Offices und wohlhabende Einzelpersonen in Venture-Capital-Fonds investieren. In den USA und China kämen noch Pensionskassen, Versicherungen, Stiftungen und staatliche Fonds hinzu. «Die USA und China haben die Dringlichkeit der Digitalisierung verstanden», sagt Hommels.

In Zukunft dürfte sich der Abstand noch vergrössern, auch weil Techunternehmen vor einem Börsengang zunehmend mehr private Mittel aufnehmen: Waren es 2012 im Schnitt noch 64 Millionen Finanzierungsvolumen vor dem IPO, sind es inzwischen 239 Millionen. Doch auch bei den führenden europäischen Digitalunternehmen wie Spotify, Zalando, Delivery Hero oder Klarna stammt der Grossteil des Kapitals aus Übersee. Auch an den insgesamt 132 Finanzierungsrunden der weltweit 20 grössten digitalen Plattformen waren nur 14-mal europäische Investoren beteiligt. Heute halten sie weniger als zwei Prozent des investierten Kapitals.

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Staatliche Investitionen erforderlich

«Aufgeben ist hier aber absolut keine Alternative», sagt Hommels. «Der Versuch, aufzuholen und Rückstand gutzumachen, ist ein Muss.» Hommels fordert daher in Europa staatliche Investitionen in der Höhe von 10 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr für 40 weitere Start-ups. «Wenn wir länger nur als Zuschauer agieren, lassen wir unsere Chancen ziehen, die wichtigsten Industrien der nahen Zukunft zu gestalten», sagt er. «Wir können nicht alles in Bezug auf Start-ups und Technologie an die USA oder andere Länder abgeben.»

Er selber geht mit gutem Beispiel voran: Sein jüngster Fonds Lakestar III, mit einem derzeitigen Volumen von 630 Millionen Euro (entspricht etwa 700 Millionen Franken) einer der grössten Europas, investiert zu 60 Prozent in europäische Firmen. Der Rest fliesst in amerikanische und asiatische Firmen, die nach Europa kommen.