Herr Biver, Rolex, Tudor, Patek Philippe, Chanel, ­Chopard und alle LVMH-Uhrenmarken kehren der Baselworld den ­Rücken. Ihr Kommentar?
Dass die Messe 2021 in Genf stattfindet, zudem gleichzeitig mit der Watches & Wonders und auch noch am gleichen Ort im Palexpo, führt dazu, dass in Genf ­etwas stattfindet, das so ist, wie es früher war, da alle wichtigen Marken in Basel ausgestellt hatten. Aus Sicht der Kunden der Uhrenbranche ist der Entscheid richtig: Sie unternehmen eine einzige Reise, an einem Datum, und sehen innerhalb von drei ­Tagen alles. Bref: Für Basel ist es schade, für Genf und die Kunden ist es gut.

Wurden Sie bei diesen Entscheiden zu Rate gezogen?
Der Erste, der mich in dieser Angelegenheit angerufen hat, war Jean-Frédéric ­Dufour, CEO von Rolex. Er ist ein sehr ­enger Freund von mir, besitzt wie ich ein Chalet in Crans-Montana. Er hat mir den Entscheid erklärt.

Und?
Ich selber habe 45 Jahre lang an der Baselworld teilgenommen, und klar tut es mir leid für diese Messe. Aber man kann nicht nur mit dem Herzen agieren, sondern muss auch immer wieder den Kopf einschalten.

Rolex begründet den Weggang damit, dass die Baselworld 15 Prozent der ­Teilnahmekosten für 2020 einbehält. Die Baselworld behauptet, das sei ein Vorwand. Was stimmt?
Der Hickhack erstaunt mich nicht, jetzt regiert das Ego, keiner will das Gesicht verlieren.

Wem glauben Sie?
Jean-Fred, weil ich ihn sehr gut kenne. Die Baselworld hat gepokert.

Und wie schätzen Sie die Rolle von Rolex in dieser Sache ein?
Rolex ist die führende Marke der Schweizer Uhrenindustrie, und eine Leaderposition erfordert auch, dass man ab und zu das Heft in die Hand nimmt. Dufour hat die Schweizer Uhrenindustrie zusammen­gerufen und Leadership bewiesen. Dazu kann ich nur sagen: Bravo.

Wie geht es der Branche mit Covid-19?
Man muss schauen, wie es ihr vor dem ­Virus ging: gut. 2019 stiegen die Exporte abermals um 3,5 Prozent. Und wenn man die Exporte von Uhren, die von 3000 Franken an aufwärts kosten, berücksichtigt, dann ist die Steigerung noch bedeutend höher gewesen. Wer das hinbekommt, ist nicht in der Krise.

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«Die Pandemie wird eine Spur hinterlassen – in jedem von uns. Und mittelfristig die Welt verändern.»

Fakt ist, dass das Geschäft gerade am ­Boden ist.
Das hat mit der Uhrenbranche selbst aber nichts zu tun, sondern ist eine Folge davon, dass alles gestoppt worden ist, klar geht da nichts mehr. Ich gehe jedoch tatsächlich davon aus, dass es nie mehr so wird, wie es war. Die Pandemie wird eine Spur hinterlassen – in jedem von uns. Und mittelfristig die Welt verändern.

Wie?
Die Millennials haben ab 2030 das Sagen, und wenn jemand die Welt retten kann, dann sie mit ihren Werten, Erkenntnissen, Wünschen und Idealen, nicht wir Alten. Ich habe 50 Jahre im letzten Jahrhundert gelebt, bin in diesem Geist erzogen und geprägt. Meine Kinder wachsen mit ganz anderen Selbstverständlichkeiten auf. Und das wird den Unterschied machen.

Ein Beispiel?
Mein ökologisches Bewusstsein zum Beispiel. Ich habe Batterien mit der grössten Selbstverständlichkeit in den Abfalleimer geschmissen, bis mein Sohn mir sagte: Bist du eigentlich verrückt? Heute trennen wir hier alles. Von mir aus hätte ich das nie ­gemacht, zu faul, zu wenig Bewusstsein.

Was muss die Uhrenindustrie tun, um nicht von der Zeit überholt zu werden?
Die Zeit spielt für mechanische Uhren. In der ganzen Fragilität und Vergänglichkeit, die uns derzeit vor Augen geführt wird, wächst und wächst die Sehnsucht nach Dingen mit Substanz und Bestand. Dazu gehört Kunst. Picasso ist noch immer da, Millionen hören Mozart. Und mechanische Uhren sind auch Kunst, sie laufen auch in hundert Jahren noch. Gerade junge Leute werden das wie ein Wunder wiederent­decken. Wow, eine mechanische Uhr ist ja ökologisch, wow, die braucht ja nur die Energie desjenigen, der sie trägt.

Smartwatches sind auf dem Vormarsch.
Die Uhrenindustrie wird sich zweiteilen: einerseits in echte Uhrmacherkunst, an­dererseits in Smartwatches.

«Mechanische Uhren werden überleben, Smartwatches nicht, weil sich Technologie ständig weiterentwickelt.»

Das ist doch heute schon so.
Das wird sich noch akzentuieren. Und wissen Sie was, mechanische Uhren werden überleben, Smartwatches nicht, weil sich Technologie ständig weiterentwickelt.

Davon sind wir noch weit entfernt, der Trend zeigt in die andere Richtung.
Die Smartwatch hat es geschafft, dass man sie tragen muss. Nicht wegen der Zeit­angabe, sondern weil sie ein Computer am Handgelenk ist. Sie ersetzt das Smartphone, wie einst die Armbanduhr die ­Taschenuhr ersetzt hat. Aber sie ersetzt nicht die Schweizer Uhrenindustrie mit ihrer hohen Qualität und ihrem Savoir-faire.

Eine Smartwatch ist keine Konkurrenz?
Überhaupt nicht, im Gegenteil, sie ist eine Wegbereiterin für richtige Uhren. Ich sehe es so: Es ist einfacher, jemandem ein Paar Schuhe zu verkaufen, der schon Schuhe getragen hat, als jemandem, der nie Schuhe getragen hat. So ist es auch mit Uhren.

Jean-Claude Biver

Geerdet: Jean-Claude Biver (71) hat Marken wie Blancpain, Hublot, Zenith und TAG Heuer wachgeküsst.

Quelle: Philipp Mueller Photography
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Was halten Sie vom Trend Certified ­Pre-Owned, kurz CPO?
Super! Ein untrügliches Zeichen, dass ein Umdenken in Gang gekommen ist. Vor zehn Jahren wäre es noch undenkbar ­gewesen, Luxusuhren im grossen Stil ­secondhand zu verkaufen. Dank CPO ­werden hochwertige Uhren auch für die junge Generation attraktiv.

Ihre Zuversicht würde gewissen Uhrenchefs derzeit guttun, die Stimmung scheint vielerorts an einem Tiefpunkt.
Dann haben Sie nur mit Schönwetter­managern gesprochen. Die sehen die Chance nicht, die diese Krise für sie auch bedeutet. Letztes Jahr reichte es noch, an der Bahnhofstrasse in Zürich einen Laden zu eröffnen und zu warten, bis die Kunden hereinspazieren. Das ist vorbei. Derzeit gewöhnt sich die Gesellschaft gerade ­daran, digital einzukaufen, meine Frau mit eingeschlossen. Sie hat dies nie zuvor ­gemacht, fast aus Prinzip.

Sie wird wieder in die Geschäfte gehen, sobald diese offen sind – wie alle.
Wenn die Massnahmen gelockert werden, geht es vielleicht zuerst einmal in Richtung Vor-Virus, aber nachhaltig wird das nicht, da bin ich überzeugt. Die Menschen werden auf die neuen Erfahrungen, die sie jetzt in der Krise machen, zurückkommen.

Die Herausforderung für Ihre Branche heisst?
Die Antwort zu liefern auf die Frage, ­warum ich die Uhr A kaufen sollte und nicht die Uhr B. Zur Kunst, von der ich spreche, gehört nicht nur Handwerk, ­sondern auch Seele und Liebe, und zwar von der Empfangsdame bis zum CEO.

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Der ideale Moment für Sie, noch mal ­allen zu zeigen, wie es geht.
Ja und nein. Es wäre der ideale Moment vom Zeitpunkt her, aber der schlechteste Moment für mich persönlich.

Warum?
Ich habe nichts selber erreicht. Meine Stärke sind meine Leute, meine Erfolge sind meine Leute. Der Dufour war über 10  Jahre bei mir, ist nun Chef von Rolex. Ricardo war 20 Jahre bei mir, ist heute Chef von Hublot. Leute wie sie haben mir geholfen und meinen Erfolg ausgemacht, weil sie die Besten waren und die Fleissigsten und Innovativsten. Sie haben alle Karriere gemacht und sind nicht mehr verfügbar.

Finden Sie neue!
Haha, ich bin zu alt. Diese Chemie auf­zubauen, braucht Jahre.

Dann haben Sie mit dem Thema ­ab­geschlossen?
20 Jahre jünger und mit meinem Team: sofort. Aber nochmals bei null anfangen, nein. Das Einzige, was ganz vielleicht sein könnte – ich betone «vielleicht» und «könnte» –, wäre, wenn ein junger Artisan mit sehr hochwertigen Produkten jetzt in Schwierigkeiten geriete. Dann könnte ich eventuell einen Anteil oder auch die ­Mehrheit kaufen und hätte so eine Basis, um diese Marke dann zu entwickeln.

Die Chancen, dass kleine, unabhängige Uhrmacher in Schwierigkeiten geraten, stehen dank Covid-19 gut.
In ein paar Wochen vielleicht, die Krise dauert ja erst wenige Wochen, und die kann jeder überleben. Nach zehn, zwölf Wochen sieht es dann vielleicht schon ­anders aus. On verra.

Wie steht es um die grossen Mitspieler?
Die Branche ist hochgradig konzentriert. Bei meiner ersten Uhrenmesse in Basel 1974 gab es rund 60 renommierte Marken, Breitling von Herrn Breitling und Piaget von Herrn Piaget – alles Individualisten, Unternehmer, Privatleute. Heute werden 80 Prozent des Uhrenexports von vier gros­sen Firmen gestemmt. Ob das richtig ist? I don’t know, aber ich habe manchmal meine Bedenken.

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Passioniert

Jean-Claude Biver gilt nicht von ungefähr als Steve Jobs der Schweizer Uhrenindustrie: Er hat mit seiner leidenschaftlichen Art nicht nur einzelne Brands neu belebt, sondern die ganze Branche. Vor zwei Jahren hat er sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, ist aber nach wie vor omnipräsent. Biver lebt mit seiner Frau und seinen beiden Hunden in Schindellegi SZ.

Was für Bedenken?
In diesen Konzernen arbeiten öfters zu viele Leute an ihrer Karriere und nicht für die Marken. Aber es braucht dringend Leute, die etwas von der Uhrenindustrie verstehen und eine Leidenschaft haben. Ich habe Uhren gesammelt, nie nur von meinen eigenen Marken. Warum? Weil ich eine Leidenschaft habe. Die meisten Manager haben die nicht. Sie kaufen nicht einmal die Uhren der Marken, die sie führen, sondern sie bekommen eine zum Tragen, und das ist dann jeweils auch die einzige, die sie tragen.

Sie tragen heute gar keine.
Noch nicht. Ich war erst mit den Hunden unterwegs, dann hatte ich um acht Uhr eine Konferenz mit 400 Zuhörern in Singapur, Malaysia, Hongkong, Australien, Neuseeland und Vietnam, alles Mitarbeiter ­eines grossen Retailers in Asien.

Was war das für eine Konferenz?
Man wollte, dass ich einen Speech halte, den Leuten Mut mache und eine Perspektive aufzeige.

Was für Ratschläge haben Sie erteilt?
Keine. Ich habe ihnen erklärt, was der Satz «All you need is love» von den Beatles bedeutet.

Und?
Die Beatles haben die Liebe als Lebens­konzept definiert. Es besteht aus drei ­Commands: teilen, respektieren, verzeihen. Ich habe erzählt, was ich darunter verstehe, wie das jeden von uns betrifft und wie es jeden, der das versteht, weiterbringt – auch durch eine solche Krise.

Wie ein Guru … Ihre Zuhörer hatten wohl eher erwartet, dass Sie ihnen sagen, was jetzt konkret zu tun ist.
Möglich, aber dafür bin ich nicht 71 Jahre alt geworden.