Antoine Martin: Zeitgenössisches aus Obwalden

Martin Braun und Bruno Jufer – beide stehen mitten im Leben und sind in der Uhrenbranche längst keine unbeschriebenen Blätter mehr. Während die Uhrenkreationen des Pforzheimer Uhrmachermeisters Braun ab der Jahrtausendwende für Gesprächsstoff sorgen, ist der Grenchner Bruno Jufer für namhafte Uhrenunternehmen wie Carl. F. Bucherer (CFB), Jaquet Droz, Maurice Lacroix oder Zenith als Marketing- und Verkaufschef unterwegs.

2007 schliesst sich Braun Frank Mullers Watchland in Genthod/Genf an und zieht mit seiner Familie nach Sarnen, wo Muller in der Innerschweiz eine zusätzliche Produktionsstätte unterhält. Die Zusammenarbeit dauert allerdings nur zwei Jahre, da sich die Unstimmigkeiten im Watchland auf Braun zu belastend auswirkten. Er kündigt die Partnerschaft und verliert das Recht auf den Herstellernamen seiner Uhren. Diese tragen seinen eigenen Namen.

Derartige Sorgen kennt Bruno Jufer nicht. Er wird sie hoffentlich auch nicht in der neu gegründeten Manufaktur MHO AG in Alpnach OW mit Martin Braun erfahren. Jufer ist am Unternehmen finanziell nicht beteiligt, sondern als angestellter Chief Executive Officer (CEO) für Design, Produktausstattung, Marketing und Verkauf verantwortlich. Geldgeber und VR-Präsident ist der Jurassier Antoine Meier, heute wohnhaft in Hünenberg ZG. Von dessen Vornamen und jenem Brauns ist der neue Markename abgeleitet: Antoine Martin.

Der Name gefällt, wie Braun und Jufer bei der Vorstellung des ersten Meisterwerks mit eigenem Manufaktur-Handaufzugskaliber auf der diesjährigen «BaselWorld» feststellen. Der Ewige Kalender PQ01 präsentiert sich mit einer modernen Interpretation klassischer Guillochierung und einer neuen Art der applizierten Ziffern. Das grosse Datum ist bei 6, die Tag-Nacht-Anzeige bei 9 und die Schaltjahresanzeige bei 12 Uhr platziert. Wochentag und Monat zeigen sich in einem Fenster links und rechts des Markennamens auf der oberen Zifferblatthälfte.

Noch eindrücklicher ist das Innenleben dieser Komplikation, das 39,5 Millimeter grosse Handaufzugswerk. Da es Braun vor allem um eine Verbesserung der Ganggenauigkeit geht, beschäftigt er sich seit Jahren mit der Ankerhemmung. Die eigenen Vorstellungen liessen sich erst mit der Verfügbarkeit von Silizium umsetzen; so muss seine modifizierte Silizium-Hemmung HPE nicht mehr geschmiert werden. Das schlagende «Herz», die Unruh aus Titan Grade 5, ist Brauns schönstes Bauelement und hat einen Durchmesser von 17,5 Millimetern. Deren primäre Funktion ist die Stabilisation der Amplitude, damit der Gang gleichmässig bleibt. Auch das Gehäuse aus 84 Teilen ist an Komplexität kaum zu überbieten.

Für Jufer ist die Markenvision klar: «Wir bauen Antoine Martin zu einer weltweit anerkannten Uhrenmanufaktur im Luxussegment auf.» Dazu ist Jufer in fremden Märkten unterwegs, während Braun mit seinem dreiköpfigen Uhrmacher- und Konstruktionsteam bereits an der nächsten Komplikation arbeitet.

Steckbrief

Namen: Martin Braun (links)/Bruno Jufer
Geboren: 29. April 1964 in Karlsruhe/ 13. Juli 1965 in Grenchen
Ausbildung: Uhrmacherlehre und Meister-Matura; Prüfung in Pforzheim/BWL-Studium Uni Bern
Familie: Verheiratet, drei Kinder/ verheiratet, zwei Kinder
Funktionen: Gründer und Meisteruhrmacher/Chief Executive Officer (CEO)
Unternehmen: MHO, Manufacture Horlogère Obwalden AG, Alpnach
www.antoinemartin.ch

 

Andreas Strehler: Seine Welt ist das Uhrwerk

Mit 40 Jahren kann Andreas Strehler bereits auf eine lange Selbstständigkeit ohne Bindung blicken. Er zählt zu den talentiertesten Uhrmachern der Gegenwart. Obwohl er schon vor zehn Jahren als Vollmitglied in den erlauchten Kreis der AHCI, Académie Horlogère des Créateurs Indépendants, aufgenommen wurde, wirkt er noch immer gerne im Hintergrund. Das nötige Know-how erwirbt sich Strehler nach Abschluss der Uhrmacherlehre bei Renaud & Papi in Le Locle. Dort wird sein technisches Verständnis und mechanisches Talent erkannt; als erst 22-Jähriger wird er Leiter der Abteilung Prototypenbau. 1995 kehrt er zurück in seine Heimatstadt Winterthur und wagt den Sprung in die unternehmerische Selbstständigkeit.

Bei Strehlers erstem ehrgeizigem Objekt handelt es sich um eine Kalender-Tischuhr mit mobiler Taschenuhr. Wird diese aus der Station entfernt, bleibt der Kalender so lange stehen, bis die Uhr wieder an ihren Platz zurückgelegt wird. Augenblicklich stellen sich alle Kalenderanzeigen auf das richtige Datum ein. Bis zu drei Wochen kann die Taschenuhr das Datum speichern. Sie erinnert den Besitzer sogar rechtzeitig daran, die Uhr an ihren Platz zurückzulegen. Sie war die Sensation am AHCI-Stand auf der «BaselWorld» 1998.

Viel Lob und Bewunderung erhält Strehler ebenfalls für seine zweite innovative Entwicklung, die Armbanduhr «Zwei». Mit nur zwei Zeigern ist die Uhr mittels Drücker in der Lage, Stunden und Minuten oder Monat und Datum anzuzeigen. Um diesen raffinierten Wechsel anzeigen zu können, baut Strehler im mechanischen Uhrwerk ein kompliziertes Differentialgetriebe ein, das zwischen den beiden Anzeigen hin- und herspringen kann.

Die Branche registriert sein Können, sodass er von so namhaften Unternehmen wie Chronoswiss, Maurice Lacroix oder H. Moser für die Entwicklung mechanischer Uhrwerke mit Komplikationen angegangen wird. Für diese Tätigkeiten gründet Strehler die Aktiengesellschaft UhrTeil, wo er heute mit vier Fachkräften Herausragendes leistet. Zum Beispiel baut er die Opus 7 für Harry Winston (siehe Seite 26).

«Mein Kopf ist ununterbrochen in der Mechanik», betont Strehler. Für seine innovativen Mechanismen entwickelt er oftmals auch gleich die Maschinen und benötigten Computerprogramme selbst. Strehlers Motivation liegt in der Erneuerung, um die Uhrmacherkunst weiterzubringen, anstatt Altes zu kopieren. So sieht er denn auch seine neue Papillon als Gegentrend zur Tourbillon-Inflation. Das Ablesen der Zeit im offenen Uhrwerk wird zum Ereignis. Bis heute sind fünf Uhren inklusive der Weissgoldgehäuse inhouse hergestellt und abgesetzt worden.

Seit März 2010 steht Strehler auch im Dienste von Chapter Three, der Exklusivuhrenmarke Maître du Temps von Steven Holtzman. Erstmals entwickelt Uhrmachermeister Kari Voutilainen aus dem Val de Travers ein Uhrwerk für eine Drittfirma, welches Strehler nun für die Industrialisierung und Produktion bis zur «BaselWorld» 2012 umsetzt.

Steckbrief

Name: Andreas Strehler
Geboren: 31. Januar 1971
Ausbildung: Uhrmacherlehre mit Abschluss an der Uhrmacherschule Solothurn
Familie: Ledig
Funktion: Gründer und Inhaber der Uhrenmarke Andreas Strehler
Unternehmen: UhrTeil AG, Sirnach TG
www.astrehler.ch
www.uhrteil.ch

 

Hess Uhren: Freizeit an der Werkbank

Das Uhrengeschäft hat in Luzern eine lange Tradition – nicht in der Kreation und Herstellung, sondern im Verkauf (Bucherer, Gübelin, Embassy). Das ändert sich nun mit der Uhrenmarke Hess. Ihre Erfinder und Kreateure findet man eine Viertelstunde Busfahrt entfernt in Obernau ausserhalb des Luzerner Vorortes Kriens. Werkbank, Maschinen und Werkzeuge sind allerdings nur abends, an Wochenenden und in den Ferien besetzt, denn das Ehepaar Hess Häller startete sein Projekt vor sieben Jahren als Quereinsteiger, parallel zur Tätigkeit in seinen angestammten Berufen.

«Ich wollte schon immer Uhrmacher werden, doch 1977 schien dies mitten in der Uhrenkrise keine gute Berufswahl zu sein», erklärt Walter Hess. Er lässt sich, fasziniert von der Technik, zum Maschinenmechaniker ausbilden. Der Traumberuf Uhrmacher geht ihm jedoch nie aus dem Kopf. Nach dem Wiederaufbau der Schweizer Uhrenbranche und mit zunehmendem Interesse an mechanischen Zeitmessern wendet sich Hess in der Freizeit der Uhrentechnik zu. Er lernt autodidaktisch durch «trial and error», belegt Kurse bei der ETA und führt ungezählte Gespräche mit Uhrmachern.

Von Beginn weg zeigt das Ehepaar ganz klare Vorstellungen von seiner eigenen Uhr. Sie sollte klassisch sein, aber gleichzeitig modern und elegant. «In der Qualität und im Design muss einfach alles haargenau stimmen», umschreibt Hess die hohen Ansprüche. Auf die Frage, was dabei das grösste Hindernis war, nennt Judith Häller Hess die Suche nach den Zulieferern. Oft erhalten sie – wie etwa beim filigranen Sekundenzeiger – die Antwort: «Dies geht nicht.» Am Schluss geht es doch. Eine lange, oft zermürbende Entwicklung, da mit vielen Fehlversuchen verbunden, benötigt ihre Vorstellung eines lichtabsorbierenden Zifferblattes, das sich je nach Umgebung farblich verändert und so mit dem Träger mitlebt. Die Entwürfe, Berechnungen und Ausführung des Prototyps kann Hess in seinem Atelier selbst entwickeln und umsetzen. Die Basiswerke bezieht er von ETA, Komplikationsmodule von Technotime. Jedes Werk nimmt Hess auseinander, veredelt die Teile, setzt sie wieder zusammen und schalt sie nach eingehenden Kontrollen in dichtungsstarke Monocoque-Gehäuse ein. Zu guter Letzt füllt er sie mit dem Edelgas Argon, sodass Schmiermittel länger halten.

Ganze sieben Jahre dauert ihr Freizeitprojekt, bis die ersten 25 Hess-Automatikuhren in den Modellen als Dreizeigeruhr und mit einer zweiten Zeitzone vor einem Jahr in der Kunstgalerie Vitrine in Luzern einem breiteren Publikum vorgestellt werden können. Der Weg bis dahin war mit zahlreichen Rückschlägen und Umwegen gepflastert, doch das Ehepaar Hess liess sich nie entmutigen. «Natürlich hat niemand auf uns gewartet, aber etwas Hervorragendes hat immer eine Chance», sind beide überzeugt. Immerhin haben sie in Luzern und Zürich bereits zwei Fachgeschäfte überzeugen und auch einige Uhren verkaufen können. Eine zweite Kollektion ist in Arbeit, diese wird sportlicher.

 

Steckbrief

Namen: Walter Hess/Judith Häller Hess
Geboren: 1. April 1961/12. Dezember 1966
Aus- und Weiterbildung: Maschinenmechaniker, Techniker TS, Uhrmacherkurse/Radiologieassistentin und Sozialarbeiterin
Familie: Miteinander verheiratet, zwei Söhne
Funktionen: Design und Uhrmacherei/ Marketing und Verkauf
Unternehmen: Hess Uhren, Kriens-Obenau LU
www.hessuhren.ch