Die Gorbatschow-Ära und eine bahnbrechende Auktion mit russischer Kunst bei Sothe­by’s Moskau im Jahr 1988 entfachten das Interesse an russischer Kunst neu. Sotheby’s und Christie’s errichteten in London eigene Russian Departments, mit der Folge, dass sich die russische Kunst hinter der klas­sischen Moderne, der Gegenwartskunst und den Altmeistern auf dem vierten Rang etabliert hat. Eine erste Generation reicher russischer Sammler strömte an die Auktio­nen und begann, ihr reiches kulturelles Erbe zurückzukaufen. Gefragt waren vor allem Malerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, russische Avantgarde, Silber, Porzellan, Emailarbeiten und Preziosen von Fabergé. In letzter Zeit ist auch die Nachfrage nach avantgardistischen Exilmalern und dem Modernismus der 1970er-­Jahre hinzugekommen. Neben Auktionshäusern – in der Schweiz seit längerem Koller Auktionen – setzen nun auch vermehrt Galerien auf neue russische Kunst. Mit der 2006 gegründeten Nadja Brykina Gallery und den kürzlich eröffneten Erarta Galleries verfügt Zürich über zwei spezialisierte Galerien, die ihren Fokus ganz auf russische Künstler legen.

Nadja Brykina Gallery ist eine der international renommiertesten Galerien für russische Kunst und Kultur mit Sitz in ­Zürich und Moskau. In ihrem Zentrum ­stehen die Nonkonformisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den in ihrer Heimat stark eingeschränkten Kunstschaffenden wurde unter sowjetischer Verwaltung jeder Zugang zur internationalen Kunstszene und letztlich auch zum Handel verwehrt. Die Qualität und das Potenzial dieser Künstler gewinnen in der westlichen Welt zunehmend Anerkennung.

Die Galerie hat es sich zur Aufgabe ­gemacht, den oft wenig beachteten russischen Künstlern eine Plattform zu bieten und ihre Kunst einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die permanente Ausstellung widmet sich dem Schaffen wichtiger nonkonformistischer Künstler, von denen viele zum ersten Mal ausserhalb Russlands präsentiert werden. In der aktuellen Sonderausstellung «Schnee» zeigt die Galerie derzeit Werke von Marlen Spindler, Igor Vulokh, Francisco Infante und Mikhail Krunov. Vom Winter inspiriert, entstanden die Arbeiten der vier ­ausgewählten russischen, nonkonformistischen Künstler. Alle fanden sie ihren eige­nen Zugang zum Thema – über Malerei, Video und Fotografie.

Erarta Galleries – bisher vertreten in St. Petersburg, London und New York – ­haben mit der Neueröffnung ihrer Galerie am 2. Februar in Zürich ihre internationale Präsenz verstärkt. 2005 in St. Petersburg gegründet, hatte sich Erarta ursprünglich auf lokale russische Kunstschaffende und ein russisches Publikum ausgerichtet. Inzwischen hat die Galerie ihren Blickwinkel stark erweitert und möchte einem international interessierten Publikum auch in der Schweiz die wieder erwachte neue russische Kunst- und Kulturszene näherbringen. Präsentiert werden sowohl bekannte Nonkonformisten als auch aufstrebende, erfolgreiche Talente einer neuen Künstlergeneration. Diese neue russische Avantgarde, die sich in selbstbestimmter Freiheit entfaltet, stellt sich ganz anders dar – in Form, Symbolik und Technik.

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Die Eröffnungsausstellung «In Search for Inner Freedom» stellt Werke aus der Nachkriegszeit und solche zeitgenössischer russischer Künstler vor. Es handelt sich um eine handverlesene Auswahl an Künstlern, die für Sammler und für den ­internationalen Kunstmarkt von wachsender Bedeutung ist (Gerbergasse 6; Preise in der Ausstellung von 3100 bis 35000 Franken).

Galerie Erarta, Zürich, Gerbergasse 6, «In Search for Inner Freedom», bis 10. März, Preise 3100 bis 35000 Fr., bis 10. März.Nadja Brykina Gallery, Zürich, Sihlstrasse 91, «Schnee», bis 1. März, Preise 7000 bis 150000 Fr.; Kunstmuseum Bern: «Passion Bild. ­Russische Kunst seit 1970», bis 12. Februar.