Wer sie auf der Strasse sieht, dem fällt sie nicht weiter auf: ­seriös, fast bieder, kein Schmuck, keine teure Kleidung. ­Charlene de Carvalho-Heineken tut alles, um diskret zu ­bleiben. «Man könnte sie für arm halten», sagt ein Vertrauter. Dabei ist sie die reichste Frau der Schweiz, seit sie 2002 von ­ihrem Vater Alfred (Freddy) Heineken die Mehrheit am Brauereikonzern Heineken erbte. Mit der Schweiz ist Carvalho-Heineken seit langem verbunden: Nach dem Rechtsstudium an der Universität Leiden lernte sie in den siebziger Jahren an der Alliance Française in Genf Französisch. Zwar besitzt sie ­eine stattliche Villa in London und ein 25  000 Quadratmeter grosses Anwesen in Cap d’Antibes in Südfrankreich. Ihr offizieller Wohnsitz ist jedoch ein vergleichsweise bescheidenes Heim im 1200-Seelen-Dorf Perroy VD am Genfersee. Häufiger als dort anzutreffen ist sie im Familienanwesen in St.  Moritz. Derzeit prüfen ihre Anwälte die steuerlichen Konsequenzen eines offiziellen Umzuges dorthin.

Auch das wirtschaftliche Kontrollzentrum von Charlene de Carvalho-Heineken liegt in der Schweiz: Über die in Sion ­domizilierte L’Arche Green Holding hält sie 58,78 Prozent der Heineken Holding, die wiederum eine hauchdünne Mehrheit (50,005 Prozent) am Bierkonzern Heineken hält.

Die Vertrauten

Carvalho-Heineken hat das Bier im Blut: Ihr Urgrossvater Gerhard Heineken gründete 1863 die Brauerei in Amsterdam. Ihr Vater Freddy Heineken, genialer Unternehmer wie flamboyanter Lebemann, machte sie nach dem Zweiten Weltkrieg zum Weltkonzern. Traumatisiert hat die Familie eine Entführung 1983: Erst nach ­Zahlung von 24 Millionen Franken kam Freddy frei. «Sie haben mich mit Carlsberg-Bier gefoltert!», scherzte er danach zwar. Dennoch wird Carvalho-Heineken seither ständig von zwei Bodyguards ­begleitet. Mit Mutter Lucille Heineken versteht sie sich gut, die beiden schlendern häufig gemeinsam durch St.  Moritz. ­Eine bunte Vita hat Ehemann Michel de Carvalho: Er kam in Bayern als Sepp ­Maier zur Welt und wurde vom St.  Moritzer Ehepaar Popper adoptiert. Als Kind spielte er neben Peter O’Toole in «Lawrence of Arabia». Für Argentinien startete er im Skinationalteam und kam so zu seinem Adelsnamen. England vertrat er 1972 und 1976 an den Winter­spielen im Rodeln. Heute arbeitet der ­Jetsetter als ­Investment Banker bei der Citigroup in London und sitzt im Board von Heineken. Im Skiclub Corviglia lernte sich das Paar kennen. Gemeinsam haben sie fünf Kinder. Das älteste soll dereinst das Geschäft übernehmen.

Die St.  Moritz Connection

Die Verbindung der Heinekens zu St.  Moritz reicht weit zurück: Freddy Heineken wurde im Hotel Kulm gezeugt. Heute besitzen die Heinekens an sehr exponierter Aussichtslage eine Villa und ein ­Gästehaus, die von ihren Hausarchitekten, dem Bündner Werner Wichser und dem Franzosen ­André Piazza, gestaltet wurden. Das niederländische Thronfolgerpaar Willem-Alexander und ­Maxima verbrachte dort seine Flitterwochen. Eine weitere Villa für Gäste und Bodyguards wird in diesen Wochen fertig gestellt, Bauführer ist Florio Motti. Ex-Kurdirektor Hanspeter Danuser wird zur Einweihung Alphorn blasen. Der Wert der Liegenschaft wird auf 120 Millionen Franken geschätzt.
Durch die Zugehörigkeit zum Skiclub Corviglia spielt Heineken-Carvalho in der Champions League des Jetset. Im Club freundete sie sich mit Rolf Sachs an, Sohn des legendären Playboys Gunter Sachs. Dort trifft sie auch auf Society-Grössen wie Prinz Edward, Baronin Denise Thyssen-­Bornemisza, den Besitzer des Zürcher «Dolder Grand», Urs Schwarzenbach, den Starachitekten Norman ­Foster oder die Milliardenerben Friedrich Christian und Gert-Rudolf Flick. Die Heinekens sind zudem seit vielen Jahren mit dem Hirschmann-Clan befreundet. Unter die Bevölkerung mischt sich Carvalho-Heineken kaum. Einer der wenigen Einheimischen, der Zugang hat zu ihr, ist ihr Nachbar, der Bauer Danco Motti: Er fährt die Milliardärin öfter in der Pferdekutsche aus.

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Die Gegner

Auf dem weltweiten Biermarkt ist Carvalho-Heineken mit einem Umsatz von 14,3 Milliarden Euro der drittgrösste Player – hinter Anheuser-Busch InBev mit CEO Carlos Brito, und SABMiller unter Norman Adami. Hart zu schaffen macht ihr auch die Nummer vier, Carlsberg, mit CEO Jørgen Buhl ­Rasmussen. Die holländische EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes verknurrte Heineken 2007 zu einer Strafe von 217 Millionen Euro. Sie zeigte sich öffentlich «schwer enttäuscht», dass sich ihre Landsleute an Preisabsprachen beteiligten.

Die Anwälte

Carvalho-Heinekens Kontrollvehikel im Milliardenimperium ist die L’Arche Green Holding in ­Sion. Im Verwaltungsrat sitzen dort die ­Anwälte Maurice Dormond, ein ehemaliger Vizedirektor bei Ernst & Young Lausanne, und Nigel Hutchins. Jahrelang hatte Raymond Bech, ebenfalls Ernst & Young und ehemals Sekretär der Genfer Uhrenfirma Gérald Genta, diese Position inne. Carvalho-Heinekens privater Rechtsvertreter ist der Churer Anwalt Peter Clavadetscher.

Die Bierbrauer

Die ausführende Hand von Carvalho-Heineken ist CEO Jean-François van Boxmeer. Ausgerechnet ein Belgier leitet also den Stolz der Biernation Holland. Im Board sitzt auch Annemiek Fentener van Vlissingen. Sie gehört zum gleichnamigen, in Chur domizilierten Milliardärsclan, der einst die Makro-Cash-and-­Carry-Märkte mitgründete und später an Metro-Gründer Otto Beisheim verkaufte.
Heineken Schweiz wird seit letztem Jahr von Willem C.A. Hosang geführt. Ihm unterstehen damit auch die Brauereien Haldengut und Calanda sowie ­Eichhof, die Heineken 2008 Werner Dubach abkaufte. Im Verwaltungsrat von Heineken Schweiz sitzt auch Hans Caspar von der Crone, der letztes Jahr unter Getöse den Vontobel-Verwaltungsrat verliess.