Der unabhängige Kandidat erreicht mit knapp 40 Jahren das höchste politische Amt in Frankreich: Emmanuel Macron wird nach Stationen als Berater des Staatschefs und auf dem Posten des Wirtschaftsministers Präsident. Der frühere Investmentbanker hat sich aus dem Schatten seines Mentors im Élysée-Palast, Francois Hollande, gelöst und beerbt nach einer politischen Blitzkarriere den Sozialisten.

Der fast jugendlich wirkende Kandidat mit Seitenscheitel und markanten Koteletten ist wie so viele andere Spitzenpolitiker Absolvent der Elite-Hochschule ENA. Doch der smarte Jungstar sieht sich nicht als Teil des politischen Establishments, sondern als Revoluzzer, der Frankreich aufrütteln und modernisieren will.

«Mozart aus dem Elysee-Palast»

Macron hat mit «En Marche» (Vorwärts) innert Jahresfrist eine eigene Bewegung mit mehr als 230'000 Anhängern auf die Beine gestellt. Sie hat den 39-Jährigen ins Präsidentenamt getragen und einen Durchmarsch der Rechtsextremen Marine Le Pen verhindert.

Der im nordfranzösischen Amiens geborenen Sohn eines bürgerlichen Ärzte-Ehepaars war schon als Kind ein Bücherwurm, wie er in seinem eigenen Werk mit dem Titel «Révolution» schreibt. Macron, der auch ein begabter Klavierspieler ist, hat seit den Zeiten als Berater Hollandes zudem den Spitznamen «Mozart aus dem Elysee-Palast». Doch der Feingeist und studierte Philosoph zeigt auch eine andere Seite: Macron liebt das Kickboxen, auch wenn er inzwischen öfter zum Tennisschläger greift.

Talent und Schlagkraft

Mit dieser Mischung aus Talent und Schlagkraft hat er sich den Weg nach ganz oben gebahnt. Als Investmentbanker bei Rothschild bewies er auch in der Geschäftswelt Durchsetzungsvermögen: 2012 boxte Macron den milliardenschweren Kauf der Säuglingsnahrungssparte des US-Pharmakonzerns Pfizer für den Nahrungsmittelkonzern Nestle durch, der dabei Mitbewerber ausstach. Zugleich erwarb sich Macron damals als Präsidentenberater den Ruf, stets ein offenes Ohr für die Belange der Unternehmer zu haben. «Er ist unsere Anlaufstelle beim Präsidenten», bescheinigte ihm der Chef von France Telecom, Stephane Richard, im September 2012.
 
Zwei Jahre später wurde Macron Wirtschaftsminister. Schnell avancierte der smarte und charismatische Macron zum neuen Star der Regierung. Die Liebesgeschichte mit seiner 25 Jahre älteren Frau Brigitte begeisterte die Medien - das Paar mit diesem ungewöhnlichen Altersunterschied lernte sich in einer Theatergruppe an Macrons Schule kennen. Er war Schüler, sie Lehrerin. Ein Fernsehsender grub ein Video von der damaligen Aufführung aus, in der Macron eine Vogelscheuche spielte. «Unsere Geschichte hat uns einen hartnäckigen Willen eingehämmert, nichts dem Konformismus zu überlassen», sagt Macron.

Seine Nähe zur Wirtschaft bietet seinen politischen Gegnern Angriffsfläche. Russland trat sogar eine «Fake news»-Kampagne gegen den bekennenden Pro-Europäer los. Russland weist die Vorwürfe zurück, auch wenn in staatlichen Medien Macron als «Agent der amerikanischen Hochfinanz» tituliert wird. Offenbar gab es auf die Computer der En-Marche-Kampagne zudem Hunderttausende Angriffe, die von Orten in Russland ausgingen.

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Gerüchte über Affäre

Für Aufregung im Wahlkampf sorgten zudem Gerüchte im Netz, in denen Macron eine aussereheliche Liebesaffäre mit dem fast gleichaltrigen Rundfunkintendanten Mathieu Gallet nachgesagt wurde. Macron, der seit 2007 mit seiner früheren Französischlehrerin Brigitte Trogneux verheiratet ist, versuchte die Gerüchte mit Ironie aus der Welt zu schaffen: Falls er tatsächlich ein Doppelleben mit Gallet führen sollte, könne es nur daran liegen, dass sein eigenes «Hologramm ausgebüchst» sei. Er spielte auf einen skurril anmutenden Wahlkampfauftritt seines linken Konkurrenten Jean-Luc Melenchon an: Dieser nutzte moderne 3-D-Technik und zauberte sein virtuelles Ich via Hologramm auf eine Bühne in Paris, während er in Lyon redete.

Dass ihm nach dem Bruch mit der Regierung von Teilen der Linken Verrat vorgeworfen wird, findet Macron weniger lustig. Er hatte seinen Ministerposten nach nur zwei Jahren im Amt im August 2016 aufgegeben, um fortan seine Kandidatur um das höchste Staatsamt vorzubereiten. Er sei von den Vertretern des politischen Systems nicht als einer der Ihren akzeptiert worden, klagt der selbst ernannte Revolutionär in seinem Buch: «Wenn ich mich über die politischen Regeln hinweggesetzt habe, dann nur deshalb, weil ich sie niemals akzeptiert habe.»

«Weder rechts noch links»

Nun muss er sein Versprechen, Frankreich mit einem pro-europäischen, liberalen Kurs «weder rechts noch links» aus der Krise zu führen, auch einlösen. Dazu braucht er eine Mehrheit im Parlament, das es erst noch zu wählen gilt. Und er darf nicht vergessen, dass er einen grossen Teil der Franzosen auf seinem Weg erst noch mitnehmen muss - denn sein Wahlergebnis war für viele vor allem ein Votum nicht für sein Programm, sondern gegen Le Pen.

(reuters/sda/moh/ise/chb)