Erfrischend wie ein Sprung ins kühle Wasser, verzaubernd wie ein romantischer Spaziergang im Blumengarten, prickelnd wie eine erotische Verführung: Die Werbebotschaften der Parfumindustrie entführen die Konsumenten in sinnlich verheissungsvolle Traumwelten. Düfte sollen nach Abenteuer, Ferien oder Glamour riechen. Alles nur Werbegesäusel?

Wahr ist: Längst haben Wissenschaftler bewiesen, dass der Geruchssinn in direkter Verbindung zum Gehirn steht. «Düfte sind zusammen mit Erinnerungen im Langzeitgedächtnis gespeichert», weiss der Duftpsychologe Joachim Mensing. Ist die Vergangenheit positiv konnotiert, wird auch der Duft von einst als angenehm empfunden. Neben den Düften des Alltags sind es vor allem Parfums, die tief im Innersten verankert sind. Und so versuchen die Parfümeure, Waldspaziergänge, das Wandeln zwischen Blumenbeeten oder knisternde Erotik in Flakons abzufüllen.

Haupttrend innerhalb der männlichen Duftwelt sind in diesem Frühling und Sommer holzige Noten. Als Highlight prognostizieren Duftspezialisten wie Werner Abt von der Parfumerie Osswald am Zürcher Paradeplatz oder Daniela Hug, Parfum-Zentraleinkäuferin bei Globus, das Eau de Toilette He Wood des derzeit angesagten Modelabels DSquared. Mit dieser Kreation sprüht sich der Mann subtile Holznoten wie Vetiver und Zedernholz, dazu etwas Frische und Spritzigkeit von Bergamotte und Zitrone auf die Haut.

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Auf derselben Trendwelle reiten so schöne Düfte wie Allure Edition Blanche von Chanel, ein Parfum, das mit auserlesenen Akkorden aus Hölzern wie Zeder punktet. Bei Cucumber von Marc Jacobs geben Linde, Kaktusblüten, Hornklee und helle Hölzer die Note vor. Auch bei der Déclaration-Jubiläumsausgabe von Cartier spielt Zedernholz eine zentrale Rolle, zusammen mit Kardamom. Beim Ende März erhältlichen Aqua pour Homme Marine von Bulgari hat sich der Duftkreateur Jacques Cavallier von Wasser inspirieren lassen und dabei weisses Zedernholz verwendet, um dem trockenen Abgang strahlende, griffige, natürliche Noten zu verleihen. Jean-Claude Ellena, der Parfümeur des Hauses Hermès, kreierte mit Terre d’Hermès einen maskulinen, mineralischen, nach Pflanzen und Wald riechenden Duft (Mitte April erhältlich).

Längst sind Düfte zum Accessoire Nummer eins avanciert: unsichtbar, aber prägnant. Nicht nur die meisten Frauen greifen täglich zur Dosis Wohlgeruch, sondern auch Männer verändern immer öfters ihre Aura mit einer Prise Eau de Toilette. «Der Anteil der Männerparfums ist im Duftmarkt kontinuierlich gestiegen und macht heute etwa acht bis zehn Prozent aus», sagt Daniela Hug. Während Frauen jedoch mit Düften experimentieren und zu jeder Tageszeit und Gelegenheit eine andere Mixtur tragen, bleiben Männer ihren einmal gewählten Labels treu. «Nach wie vor sind Klassiker von Boss oder Armani unsere Renner», so Hug.

Was unterscheidet Männer- von Frauendüften? Die Werbebilder sind klar: «Mann und Natur» ist ein oft gewähltes Sujet, wobei die Machos zugunsten von naturliebenden Männern verschwunden sind. Diese schweifen sinnierend durch den Wald oder springen von Klippen. Frauen werden eher mit verführerischen Cinderellas und Märchenwelten angesprochen. Geschlechtsspezifika basieren bei den Düften allerdings auf subjektivem Empfinden. Als typisch männlich gelten tendenziell Duftnoten mit herben Akzenten von Tabak, Leder, Kräutern, Gewürzen, Hölzern oder Moosen und enthalten einen Anteil an frischen Komponenten wie Zitrusfrüchten oder Bergamotte. Bei den Damendüften zählt etwa die Hälfte zur blumigen Duftfamilie, innerhalb deren Blütenessenzen deutlich charakterprägend sind.

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Ein neuer Trend: Heute verschmelzen die Kategorien der Frauen- und Männerdüfte immer öfters. «Die klischeehaft maskulinen Kompositionen haben ausgedient. Angesagt sind ausgewogene und ausbalancierte Düfte», sagt Werner Abt. Die einst starren Grenzen zwischen Männer- und Frauendüften seien langsam am Verschwinden. «Bei einem Blindtest sind sie nicht mehr eindeutig identifizierbar», sagt der Duftspezialist. Zunehmend enthalten die Männerdüfte fruchtige Noten. Im vergangenen Winter haben die Parfümeure sogar damit begonnen, feminin blumige Ingredienzien in die männliche Duftwelt zu streuen. So finden sich Lavendel und Veilchen im Parfum Jil Sander Man, mediterrane Zitrusnoten mit Basilikum, Veilchenblättern und Ingwer in Tom Ford for Men.

In den sechziger und siebziger Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Ein Männerduft musste eine Fougère-Note haben: Wald, duftende Nadeln, den frischen Geruch von Pinien und Eichenmoos, dazu Lavendel und Rosmarin, etwas Labdanum und Patchouli und immer wieder Coumarin, das etwas nach Vanille riechende Extrakt der Tonkabohne. Als Mann ein Parfum zu tragen, war damals sowieso grenzwertig. Auf gar keinen Fall durfte es aber nach einem Frauenduft riechen.

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Im Zeitalter der Metrosexualität haben sich die Duftwelten verändert. So mögen viele Frauen die blumig süssen Kreationen nicht mehr und bevorzugen eine Prise Vetiver – und der Mann lässt sich neben Hölzern und Moosen gerne von einer Mandarine und einem Veilchen den Kopf verdrehen. Nicht immer, aber immer öfters.