Dafür, dass er der meistgehasste Mann des Finanzplatzes ist, wirkt Mark Branson erstaunlich liebenswert. Aus Respekt gegenüber seiner Wahlheimat 
hat er in Rekordtempo fast fehlerfreies Deutsch ­gelernt und flötet mit sanfter Stimme eher spassfreie ­Fachausdrücke: «Aufsichtsprüfung», «Risikogewichtung», «Abwicklungsfähigkeit».

Auf der anderen Strassenseite haben die Haus­besetzer ihre Protestplakate aufgehängt, und der 49-jährige Brite, der in seinen zwölf Jahren bei der UBS üppige Millionengagen einsammelte und jetzt ihr oberster Aufseher ist, sitzt in der Zentrale der ­Finanzmarktaufsicht Finma im Herzen der rot-grün regierten Bundesstadt und gibt sich mitfühlend: Es sei «eine schwierige Zeit für mehrere Teile der ­Finanzbranche», sinniert er und rührt seinen Tee. Seine Botschaft an die ehemaligen Kollegen klingt schon fast entschuldigend. Es seien Bundesrat und Parlament, die über die Regulierungsrahmen entschieden: «Wir bringen unsere Stimme als Experten ein und setzen die Vorgaben dann technisch um.» Tenor: Ich bin doch gar nicht so böse.

«Last Man Standing» unter den Regulierungsturbos

Sein Problem ist jedoch, dass viele Akteure auf dem Finanzplatz das ganz anders sehen. Mit seiner Superbehörde ist Branson vor vier Jahren von der ­kargen Einsteinstrasse an den wenig mondänen ­Rändern Berns in ein modernes Glas­gebäude in fünf Minuten Gehdistanz vom Bahnhof gezogen, und das hat den Einschüchterungsfaktor der 500-Mitarbeiter-Eingreiftruppe weiter erhöht.

Direkt nach der Krise war Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand die Hassfigur Nummer eins der Finanzbranche, dann übernahm nach dessen tristem Abgang ­Ex-Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf die Rolle der Zuchtmeisterin – sie verbrannte bei den Grossbanken mit ihrer Forderung nach schärferer Regulierung schon mal fünf Mil­liarden Franken Börsenwert an einem Tag.

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Jetzt darf sich der Finma-Chef, der sich bescheiden nur Direktor nennt, mit einem besonderen Titel schmücken: «Last Man Standing» unter den Regulierungsturbos. Und das in einer Zeit, in der durch die Zeitenwende in den USA und Grossbritannien die Rivalen London und New York eine neue Ära der Deregulierung einläuten: Donald Trump hat das ­Dekret zur Aufweichung des 900-Seiten-Regulierungsmonstrums Dodd-Frank Act bereits unterzeichnet, die britische Premierministerin Theresa May lockt mit einer heftigen Aufweichung der ­Regeln. Beides lässt sich als ein Frontalangriff auf den noch immer neidisch beäugten Schweizer ­Finanzplatz sehen. Das führt zu der Kernfrage: Ist der sehr aktive ­Branson noch auf dem richtigen Kurs – oder schadet er dem Finanzplatz?

Sperrfeuer ohne Ende

Branson lächelt und summt, schon nicht mehr ganz so freundlich: «Wenn sich niemand beklagen würde, dass wir ihm auf den Füssen stehen, wäre das auch kein gutes Zeichen.» Derzeit tritt er so vielen Leuten auf die Füsse wie sonst niemand in der Wirtschaft: den Banken, den Versicherern, den Revisionsgesellschaften, den Vermögensverwaltern.

Mit der Credit Suisse leistet er sich regelrechte Scharmützel. Zunächst drängte er sie wie die UBS zur rechtlichen Verselbständigung ihres Schweiz-Geschäfts, um sie im Pleitefall abwickeln zu können. Seit die Bank aus der Not eine Tugend machen und die Schweizer Einheit an die Börse bringen will, gibt es jedoch Sperrfeuer ohne Ende: Erst beraubte Branson sie ihres ­eigentlich lebenswichtigen Handels­geschäfts («zu gefährlich»), dann zerschoss er dem Starjuristen Urs Rohner auch dessen sorgsam ausgeklügelte Cor­porate Governance («nicht unabhängig genug») – der CS-Verwaltungsratspräsident muss neue Mitglieder für den Schweizer Verwaltungsrat präsentieren. Wenn er denn wirklich an die Börse will, was derzeit nicht mehr so sicher ist.

Beschwerde bei Ueli Maurer

Aus sehr guter Quelle ist zu vernehmen, dass sich die CS-­Führung schon bei ­Finanzminister Ueli Maurer über den zu harten Finma-Chef beschwert haben soll – was offiziell niemand bestätigt und ohnehin wenig aussichtsreich wäre: Das Finanzdepartement ist zwar für die Finma die Verbindungsstelle zum Bundesrat, aber nicht weisungsbefugt.

Die UBS verdonnerte Branson vor dreieinhalb Jahren ohne Vorwarnung zu einer Verdoppelung ihrer Risikovorsorge und quält sie heute mit Maximalforderungen bei den Stresstests, wie Präsident Axel Weber im «Bilanz»-Gespräch betont. Der Raiffeisen durchkreuzte die Finma gerade deren Plan zur Einführung einer ­Hypothek mit gelockerten Tragbarkeitskriterien 
für Familien - für Bankchef Patrik Gisel die erste ­öffentliche Schlappe.

Selbst Versicherer schiessen scharf

Und erstmals seit der Gründung der Finma schies­sen auch Versicherer scharf. Swiss-Life-Chef ­Patrick Frost wirkt wie ein Häftling, dem nur noch der öffentliche Aufschrei im Kampf gegen den Wärter bleibt. «Eine Zumutung» sei die Regulierung der Finma. Denn die verordneten Eigenkapitalanforderungen des sogenannten Swiss Solvency Test sind doppelt so hoch wie die Vorgaben der ausländischen Konkurrenz.

Und dann legt sich Branson neu auch mit ­Revisionsgesellschaften wie PwC oder EY an: Sie leisteten bei der Bankenaufsicht nicht genug für die über 100 Millionen Franken, die sie jedes Jahr einstreichen. Nie war ein Aufseher mächtiger, nie trieb er mehr Akteure zur Weissglut.

Detaillierte Gebote zur Geschäftsführung

Schärfste Waffe sind dabei die sogenannten Rundschreiben, die nicht so harmlos sind, wie ihr Name vermuten lässt: Es sind detaillierte Gebote zur Geschäftsführung. 44 davon setzte die Finma im Gründungsjahr 2009 in Kraft, heute liegt die Zahl bei 78 – jedes Jahr kommen also im Schnitt fünf bis zu 100-seitige Erlasse hinzu. Allein für dieses Jahr gibt es schon wieder sieben neue Rundschreiben. Heute ist die Sammlung bereits mehr als 1500 Seiten dick – Tendenz stark anschwellend.

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«Die Finma hat in den letzten Jahren unglaublich viel geregelt», betont ein hochrangiger Manager einer Privatbank. «Wenn die ­Anforderungen weiter so steigen, wäre das verhängnisvoll für uns alle.» UBS-Chef Sergio Ermotti greift zu drastischen Warnungen: Bis zu 30 Prozent der Schweizer Banken würden in den nächsten fünf Jahren an den zunehmend drakonischen ­Regulierungen ersticken, sagte er unlängst bei einem Vortrag.

Bald Schweizer

Gewiss: Mark Branson kann es niemandem recht ­machen. Greift seine Behörde nicht scharf genug ein, hagelt es Kritik von links, und Branson wird als verkappter Günstling der Bankwirtschaft gescholten, in deren Sold er so lange stand. Schiesst er zu scharf, melden sich vor allem die ­Regulierungsgegner, ­welche die Wettbewerbs­fähigkeit des gebeutelten ­Finanzplatzes erodieren sehen.

Die stärkste Kritik hatte es bei seiner Nominierung zum Finma-Chef vor drei Jahren von der SVP gegeben: «Ein Ausländer an der Spitze der Finma kommt nicht in Frage», posaunte etwa Nationalrat Thomas Aeschi. Dass der Brite in Rekordzeit sein Deutsch auf fast perfektes Niveau hochfuhr, darf man ­durchaus als Zugeständnis an die nationale Fraktion ­deuten.

Und Schweizer wird Branson demnächst auch: Die Einbür­gerung steht kurz bevor. Sie hat sich nur verzögert durch seine Trennung von seiner ­zweiten Frau: Er zog vom Kanton Zürich in den ­Kanton Bern, wo er heute mit seiner neuen Part­nerin, einer ehemaligen Finma-Angestellten, lebt. Der Kantonswechsel ­verlangsamte die Einbürgerung um zwei Jahre.

Grosse Machtfülle erarbeitet

Regulierung ist längst auch Standortpolitik, und als Aufsichtsbehörde ist die Finma automatisch Spielball der politischen Interessen. Doch abseits aller politischen Scharmützel hat sich Branson in der Finma eine besonders grosse Machtfülle erarbeitet – und das liegt an seiner Persönlichkeit. «Das Problem ist, dass er den anderen so stark überlegen ist, dass alles bei ihm zusammenläuft», betont ein hochrangiger Banker. Ein anderer nennt den Finma-Chef den «Single Point of Failure» der Behörde.

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Nun wäre es für jede Organisation ein Armutszeugnis, wenn ein zu kompetenter Chef eine Gefahr darstellte. Doch wenn diese fachliche Überlegenheit mit einer enormen Machtfülle, einer hohen Willkürmarge und mangelnder Kontrolle verbunden ist, kann eine ­Behörde in eine schädliche Abhängigkeit geraten.

Hier zeigen sich noch immer die Geburtswehen des neuen Regulators, der 2009 aus der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) und dem Bundesamt für Privatversicherungen (BPV) entstanden ist. Der erste Direktor, Patrick Raaflaub, kam aus dem Nichts – er wurde von der zweiten Führungsebene der Swiss Re auf den Chefsessel gespült und kompensierte seine anfängliche Unsicherheit durch ­markiges Auftreten. Gerade bei der Bankenaufsicht, dem Herzstück der Behörde, galt der Versicherungsmann nicht als Schwergewicht. Im Verwaltungsrat wurde er zwar vom langjährigen EBK-Chef Daniel Zuberbühler unterstützt, doch der hatte mit seiner Behörde die Finanzkrise de facto verschlafen. Auf dem Arbeitsmarkt war der Neustart kein Renner, der Standort Bern versprühte wenig Charme.

In Cambridge studiert

Da kam Mark Branson gerade recht. 2010, ein Jahr nach der Amtsübernahme, konnte die junge Behörde ihre erste – und bisher einzige – Trophäe präsentieren: einen weltgewandten, perfekt ausgebildeten Banker im besten Alter, der bei der grössten Schweizer Bank als Kandidat für die Konzernleitung gehandelt worden war. Hinter ihm lagen bewegte ­Zeiten, die ihn bis heute verfolgen – im Positiven wie im ­Negativen.

Branson hatte am renommierten Trinity College in Cambridge studiert, der Alma Mater von Geistesgrössen wie Isaac Newton, Bertrand Russell oder Ludwig Wittgenstein. Dort hatte er jedoch nicht etwa das verbreitete PPE-Studium (Philosophy, ­Politics, Economics) gewählt, sondern die deutlich anspruchsvollere Mathematik. Dann setzte er noch einen Master of Sciences in Operational ­Research drauf, auch kein Studium für Denkschwache. Nach Stationen bei Coopers & Lybrand und im Logistikdepartement der Credit Suisse in London begann er 1997 bei der damaligen Bankverein-Tochter SBC Warburg, wo er auf einen gewissen Luqman Arnold stiess – den späteren Kurzzeit-Chef der UBS.

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Sein unbescholtener Ruf half ihm

Nach der Grossbankenfusion 1998 ging Arnold nach Zürich, zog seinen Schützling nach und machte diesen erst zum Leiter der Einheit Business and ­Logistics Strategy, dann zum Head of Investor ­Relations. Bransons Karriere hing am seidenen Faden, als Arnold Ende 2001 nach seinem Zerwürfnis mit VR-Präsident Marcel Ospel Knall auf Fall die Bank verlassen musste.

Doch sein unbescholtener Ruf liess Arnolds Nachfolger Peter Wuffli an ihm festhalten. Wuffli übertrug ihm die neu geschaffene Funktion des globalen Kommunikations- und Branding-Chefs und betraute ihn mit einer speziellen Mission: das globale Markengeflecht, das nach ­zahlreichen Zukäufen wild wucherte, zu vereinheitlichen. Branson verstand schon gut Deutsch, war umgänglich, verlässlich und fachlich unbestritten. Nach der erfolgreichen Einführung der Single-Brand-Strategie galt er als Mann für Höheres.

Fast den Job gekostet

Branson liess sich zum CEO Japan küren. Dort arbeitete zu jener Zeit auch ein Mann für die UBS, dessen Taten ihn später fast den Job gekostet ­hätten: der Händler Tom Hayes, Brite wie Branson und Hauptschuldiger bei der Manipulation des Zinssatzes Libor. Hochrangige Banker bezweifeln noch heute, dass Branson seinen Landsmann in der überschaubaren Expat-Community in Tokio nicht gekannt habe.

Doch da ist dieser ganz bestimmt: «Ich kannte ihn nicht und habe ihn auch später auf Fotos nicht erkannt.» Was ihn vor allem entlastet: Hayes, der 2015 zu 14 Jahren Haft verurteilt wurde, hat Branson während des Prozesses niemals erwähnt. Zudem wurde die Manipulation erst 2009 ein Thema, da war Branson schon nicht mehr in Japan. Dennoch: Auch seine Behörde misst die Chefs an ihrer Gesamtverantwortung. Der Makel bleibt.

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Bei der Festlegung der Libor-Strafe für die UBS musste Branson 2012 bei der Finma in den Ausstand treten. Als er vor einem Jahr für die Führung der ­britischen Finanzaufsicht FCA gehandelt wurde, kramte die «Financial Times» die Libor-Geschichte wieder als Argument gegen seine Kandidatur hervor. Branson hatte schon vorher absagen lassen.

Unfreiwilliger Starstatus

Nach zwei Jahren Japan ging er als Finanzchef des Wealth Managements nach Zürich zurück – und erlangte eher unfreiwillig Starstatus. Im Sommer 2008 trat er als UBS-Vertreter vor einem Ausschuss des US-Senats an. Gerissen hatte er sich darum nicht – es war sein Verständnis von Pflichterfüllung, 
und die damaligen UBS-Granden duckten sich weg. Zehn Tage probte Branson mit Beratern und Anwälten in einer Hotelsuite in Washington seinen Auftritt. Das lohnte sich: Dem streitbaren ­Senator Carl Levin bot er geschickt Paroli. Dessen Stresspegel stieg sichtlich, als Branson ihm mit gezielten Statements in feinstem Oberklassen-Englisch Kontra gab.

Doch der Auftritt brachte ihm auch Neid ein. Als im Februar 2009 der neue Bankchef Oswald Grübel die Zügel der schlingernden Bank übernahm, ­zentralisierte er zahlreiche Funktionen, wodurch Bransons Posten zu einem besseren Controllerjob verkam. Dazu kamen Spannungen mit dem dama­ligen Finanzchef – und heutigen Deutsche-Bank-Lenker – John Cryan. «Cryan sah in Branson einen Rivalen», erinnert sich ein Mitstreiter. Er stempelte seinen Landsmann als Ehrgeizling ab, und da Grübel seinen Finanzchef nicht verlieren wollte – dieser hatte ihm gleich am ersten Arbeitstag mitgeteilt, dass er eigentlich genug habe und die Bank verlassen wolle –, schlug er sich auf Cryans Seite.

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Der Rivale

Noch heute raunen UBS-Leute, Branson habe Cryans Job gewollt und sei aus Frustration gegangen. Doch das stand damals gar nicht zur Diskussion. Branson war nur der Typ von Mitarbeiter, der seinen Chef herausforderte – und das schätzte Cryan nicht. «Branson hat immer eine klare ­Meinung, und die sagt er auch», betont ein Nahestehender.

Auf Jobsuche innerhalb der Bank wollte er sich jedoch nicht begeben – dazu war er zu stolz. Grübel fragte halbherzig seine ­Kollegen, ob sie Verwendung für Branson hätten. Doch die winkten ab. Sie sahen in ihm wohl einen Rivalen, denn innerhalb der Bank wurde er nach seinem Senatsauftritt hoch gehandelt. Dass er etwa das Wealth Management oder das Asset Management leiten könnte, war unbestritten.

Und so verliess er die Bank wenig erbaut. Hegt er Rachegelüste? Er winkt ab. Er habe eine normale professionelle Beziehung zur UBS und keine Verbindungen mehr. «Sehr viele Kollegen von damals sind weg.» Der Grossteil der Banker rümpfte die Nase, als sein Wechsel zur Finma bekannt wurde: So viel Idealismus für so wenig Geld war ihnen suspekt. Sein Salär liegt heute bei 550'000 Franken – bei der UBS war es mindestens fünfmal so viel.

Jordan lässt Branson den Ruhm

Mark Branson hat die Aufsicht radikal umgekrempelt. Die Banken der Schweiz unterteilte er in fünf Grössenklassen und belegte sie mit einem Risiko­rating – grün, gelb und rot. Selbst kleinere Banken, die seit Jahren keinen Aufseher mehr gesehen hatten, wurden nun mit regelmässigen Besuchen ­beglückt. Er gab sich penibel und angriffig.

Als etwa die Nationalbank 2012 die CS zur Erhöhung ihrer Eigenmittel verdonnerte, schoss er sie an: «Das ist eigentlich unsere Aufgabe.» Heute bezeichnet Branson das Verhältnis zu SNB-Chef Thomas Jordan als «ausgezeichnet», die Spannungen zwischen SNB und Finma unter Raaflaub sind verflogen. Jordan ist seit der Aufgabe des Mindestkurses in der Defensive und überlässt die Rolle des «Bad Cop» Branson. 
Als die Finma jüngst etwa das Hypothekarprodukt der Raiffeisen stoppte, war im Hintergrund die SNB der Treiber. Doch Jordan liess Branson den Ruhm.

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Grosse Machtfülle

Seit er im April 2014 die Nachfolge von Raaflaub antrat, hat er die Macht des Behördenchefs stark ausgebaut. Sichtbarstes Beispiel ist der Enforcement-Ausschuss, in dem die Finma ihre drastischen Entscheide – etwa den Lizenzentzug der BSI – festlegt. Raaflaub war nur Mitglied in diesem Ausschuss, ­Leiterin war zuletzt die Strategiechefin Nina Arquint. Branson übernahm die Leitung des wichtigsten Ausschusses selbst – Arquint verliess Ende 2014 die Finma und folgte Raaflaub zur Swiss Re.

Die Machtfülle wird gestützt durch ein System der Willkür. «Er hat bei jedem Entscheid eine gros­se Marge eingebaut», betont ein hochrangiger Grossbankenmanager. Branson bestreitet das nicht. «Bei der Sanktionierung kann man nicht mit einer starren Systematik arbeiten, die für alle Fälle gilt», verteidigt er sich. «Behörden, die angeblich einem genauen Regelwerk folgen, etwa bei der Festlegung von Bussen, verhalten sich in der Realität viel willkürlicher. Gleichbehandlung ist wichtig, dabei müssen wir aber die jeweiligen Umstände des Einzelfalls berücksichtigen.»

Prominentestes Beispiel ist die Reaktion auf den Geldwäscheskandal des malaysischen Staatsfonds 1MDB. Die BSI, die gerade von der EFG übernommen wurde, wurde geschlossen, der Falcon Private Bank wurde nur die Lizenz in Singapur entzogen, die UBS ging – bislang – straffrei aus. Im Tessin kam es zu happigen Protesten gegen die Finma, und der EFG-Chef Joachim Strähle freute sich über ein unverhofftes Geschenk: Er bekam die BSI dank Branson deutlich billiger und muss bei der Integration kaum Rücksicht nehmen. «Unsere Rolle ist, dafür zu sorgen, dass Missstände korrigiert werden. Natürlich ist es da eine andere Ausgangslage, wenn eine Bank gerade übernommen wird», räumt Branson ein.

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Leidvolle Historie

Aus dem Verwaltungsrat ist keine Gegenwehr zu erwarten. Die Finma hat eine leidvolle Historie. Die Genfer Juristin Anne Héritier Lachat legte das Amt früher als geplant nieder, und ihr Nachfolger Thomas Bauer, zuletzt Teilzeitrichter am Kantonsgericht Basel-Landschaft, hat wenig Erfahrung im Bank­geschäft. Er will die Finma vor allem schlank halten, um die Bürokratie-Kritiker zu besänftigen – im Vergleich zu den Pendants im Ausland ist die Finma mit ihren knapp 500 Mit­arbeitern karg besetzt.

«Wenn es um die Stabilität, also die gute Kapitalisierung der Institute, geht, sehe ich derzeit keine Grundlage für Erleichterungen», betont Bauer. «Die Berechenbarkeit der Regulierung ist nicht zuletzt für die Beaufsichtigten sehr wichtig», sekundiert Branson. «In der Schweiz gilt: Stark bei den Kapital­anforderungen, prinzipienbasiert beim Rest. Es wäre falsch, jetzt auf eine grundlegend andere Form der Regulierung zu wechseln.» UBS-Präsident Weber, als ehemaliger Bundesbank-Präsident sicher kein Heisssporn, plädiert dagegen angesichts der De­regulierung in den USA für eine Anpassung der «Too big to fail»-Regeln: «Nichts ist in Stein gemeisselt.» Konflikte sind programmiert.

So hoffen viele Finanzakteure ­jetzt vor allem, dass sich die bürgerliche Parlamentsmehrheit wenigstens in ihrer Regulierungs­abscheu trifft – und der Finanzminister auf die Bremse tritt. Banker berichten mit Freude, wie stark sich das Klima unter Maurer zum Besseren gewandelt habe. Der SVP-Mann verkündet seit einigen Wochen entschieden, dass er keine weitere ­Regulierung wolle. «London und New York werden stark deregulieren. Die Schweiz sollte sich den Angelsachsen anschliessen», fordert Bankveteran Oswald Grübel stellvertretend für seine Branche.

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Regulierung muss eben immer auch die Wett­bewerbsfähigkeit berücksichtigen. Mark Branson steht vor einer neuen Aufgabe: Er muss einen Gang zurückschalten.

Sehen Sie in der Bildergalerie unten, die zehn wichtigsten Persönlichkeiten - das «Who is who» - der Schweizer Finanzwelt:

Das ist das «Who is who» in der Finanzwelt

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«Bilanz» hat das «Who is who» der Schweizer Wirtschaft ermittelt. Die wichtigsten Personen im Bereich Finanzen:Mark Branson:Direktor FinmaSeit 2014 ist der gebürtige Brite der oberste Aufseher aller Schweizer Finanzinstitute. Im Gegensatz zu seinem eher verbissen wirkenden Vorgänger Patrick Raaflaub eckt Branson weniger an, obwohl er zuletzt demonstrativ Härte markiert hat.