In den USA soll das fahrerlose Autofahren mittels einer simulierten Grossstadt zur bislang nicht erreichten Perfektion gebracht werden. Auf dem Gelände der Universität Michigan ist dieser Testparcours nun eröffnet worden, und die Betreiber versprechen sich nicht weniger als den Durchbruch der Technologie für das autonome Reisen der Zukunft. Und zwar ohne Personenschäden zu hinterlassen oder katastrophale Unfälle auszulösen - wie bei früheren Projekten auf diesem Gebiet.

Selbstfahrende Autos als Zukunftstechnik

«Wir können hier an der Universtität die Zukunft des autonomen Fahrens in vollem Entwicklungsstand darstellen», sagte der Dekan des Instituts für Transportwesen, Peter Sweatman, der das 13 Hektar umfassende Gelände namens «M City» massgeblich mitgeplant hat. Letztlich werde diese Technik Menschen durch Maschinen ersetzen. Diese Maschinen müssten in einem komplexen Umfeld vollständig autonom und sicher funktionieren.

In der Autoindustrie gelten selbstfahrende Autos immer deutlicher als Zukunftstechnik, die das Geschäftsmodell der Konzerne nachhaltig verändern wird. Die fortschreitende Verstädterung der Weltbevölkerung in den kommenden beiden Jahrzehnten, so die Annahme, macht autonom und sicher fahrende Autos für den effizienten Transport von Bewohnern und Gütern in riesigen Metropolregionen unabdingbar.

Von Staus bis schwer einsehbare Einmündungen

In M City gibt es alles, was die Metrople der Zukunft an Herausforderungen für das urbane Transportwesen bereithält: Staus und unvorhersehbar agierende Fussgänger ebenso wie tiefe Strassenschluchten, mehrspurige Autobahnstrecken und ländlich geprägte Räume mit Landstrassen verschiedener Kategorien bis hin zur nordamerikanischen Variante des befahrbaren Feldwegs, der unasphaltierten «Gravel Road».

Das Gelände in Ann Arbor kostete 6,5 Millionen Dollar (6,0 Millionen Euro) und verfügt über 40 Gebäudeattrappen, abgewinkelte Strassenkreuzungen und Kreisverkehre, einen Tunnel, eine Brücke und vor allem viele schwer einsehbare Einmündungen. Die Stadtautobahn ist achtspurig und verläuft über weite Strecken auf Stelzen.

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Mechatronische Fussgänger sollen heil bleiben

Und es gibt Einwohner wie Sebastian, den mechatronischen Fussgänger mit seinem Hang zu spontanen Hackenschlägen direkt in den dichten Stadtverkehr hinein. Er soll die Ortungs- und Reaktionsfähigkeit selbstfahrender Fahrzeuge testen. Ziel: Sebastian soll nicht etwa umgemäht werden, sondern nach einer effektiven Bremsung möglichst heil bleiben.

Verkehrsexperte Sweatman gibt sich optimistisch: «Wir glauben, das autonome Fahren wird für den Verbraucher extrem attraktiv sein». Es müsse daher so schnell wie möglich zur Anwendung kommen. M City soll die Zielerreichung nun wesentlich beschleunigen. Sweatman leitet überdies das von Autoherstellern aus den USA und Japan sowie Behörden und Universitäten getragene Mobility Transformation Center. Mit im Boot sind General Motors Co., Ford Motor Co., Toyota Motor Corp., Nissan Motor Co. und Honda Motor Co.

Marktvolumen von 42 Milliarden Dollar

Autokonzerne haben fahrerlose Autos für die kommenden fünf Jahre in Aussicht gestellt. Vorformen, die zumindest einen Autopilot-Modus besitzen, selbst einparken und Fahrspuren autonom wechseln, soll es bereits ab 2017 geben. Marktforscher der Boston Consulting Group erwarten bis 2025 ein Marktvolumen von 42 Milliarden Dollar, und im Jahr 2035 soll bereits ein Viertel der verkauften Neuwagen autonom fahren.

Getestet wurden diese Technologien bislang entweder im öffentlichen Strassenverkehr oder auf konventionellen Teststrecken, die vor allem für Fahrversuche mit lebenden Fahrern an Bord konzipert wurden. Die Flotte der autonomen Autos von Google Inc. hat bereits mehr als 1,6 Millionen Kilometer auf Strassen im kalifornischen Silicon Valley und seit letztem Monat auch in Austin in Texas absolviert. «Wenn etwas auf öffentlichen Strassen passiert, dann nur einmal», sagt Sweatman, «aber wir können hier gezielt Gefahrensituationen immer wieder mit modifizierten Daten durchspielen».

Erprobungstechnik wird ausgereizt

Hersteller und die Universität betreiben im Städtchen Ann Arbor bereits etwa 3000 miteinander kommunizierende Fahrzeuge, die auch mit der Infrastruktur vernetzt sind, etwa mit Ampeln. Auf den Strassen im Südosten des Bundesstaates Michigan sollen 2020 bis zu 29'000 dieser Wagen unterwegs sein.

In Michigan wird die Erprobungstechnik auf die Spitze getrieben: «Wir haben hier auch einen Simulator, der automatisierte Fahrzeuge simulieren kann», sagt Sweatman. Damit sei die schnelle Datensammlung im grossen Stil möglich, auch über M City hinaus.

«Wir wollen abbilden, wie eine vollvernetzte automatisierte Zukunft aussehen würde», sagt er. Wenn die Autokonzerne diese Möglichkeiten erkennen, dann werde ihnen das Potenzial schnell deutlich. Sweatman: «Hier können sie alles ausprobieren, was sie sich vorstellen können.»

(bloomberg/ccr)