Der Schlips ist out, die Herrenfrisur wieder lang. Ringsum brechen alte Regeln schneller, als die Börsenkurse fallen. Wo soll das noch hinführen? Vielleicht zum Vierzylinder, der in der Luxusklasse gesellschaftsfähig werden soll – wegen der vorbildlich sparsamen Trinksitten. Jaguar hat den Diesel im XJ vorgestellt, Mercedes in der S-Klasse und im neuen ML, wo der 250 Bluetec sogar zum Bestseller avancieren soll. Zumindest bei uns. Trotzdem rümpfen Skeptiker die Nase: Hat der genügend gute Manieren? Der Autotester sagt: Ja! Der Vierzylinder schiebt mit der gleichen Urgewalt (204 PS und 500 Nm Drehmoment) wie der abgelöste, nicht gerade als Schlaffi verrufene 300 CDI.

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Dieser neue Kraftzwerg kann auch dynamisch einlösen, was die hohe Sitzposition im SUV verspricht: "King position", sagen Amerikaner. Weder an der Ampel noch auf der Autobahn (Spitze 210 km/h) fehlt ihm das Temperament, ein Druck auf die S(port)-Taste kitzelt letzte Pferdchen wach. Die Akzeptanz des Vierzylinders entscheidet sich im Gefühlsbereich, zwischen Ohr und Ego. Stört das leichte Nageln, wenn der ML im Parkhaus startet oder beim Kick-down, wenn der Vierer bis in den roten Bereich dreht? Das klingt, je nach Geschmack, entweder unwürdig oder vertretbar – weil das breite Grinsen an der Tankstelle folgt: Im Testschnitt schluckte der Knauser-ML trotz der breiten 19-Zoll-Räder 7,7 Liter Diesel, mit grünem Gasfuss auf der Sparrunde nur 6,8 Liter. Ein SUV, das nicht säuft!

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Na ja, ein Öko-Apostel wird das Auto nie. Die flachere, leichtere S-Klasse verbraucht mit dem gleichen Motor nur 6,7 Liter Diesel (Sparrunde: 5,4), aber der alte ML 300 CDI noch 10,6 Liter! Welchen Fortschritt Mercedes macht, zeigt ein Blick auf die Hybrid-SUV: Der VW Touareg Hybrid tankte 10,6 Liter Super, der Lexus RX 400h 8,7 Liter, beide zugegebenermassen mit mehr PS. Dass der ML dank Harnstoff-Einspritzung die Abgasnorm Euro 6 erfüllt, passt ins saubere Bild. Dieser Test darf sich auf den Motor konzentrieren, weil der ML nicht ganz so neu ist, wie Mercedes verspricht. Radstand, Einstieg, Schalter – vieles wie gehabt. Das neue Design macht ihn wuchtiger, das vier Zentimeter flachere Dach lässt den Innenraum leicht schrumpfen. Wer von der alten M-Klasse umsteigt, vermisst den dicken Blinkerknubbel links am Lenkrad (die neuen Zahnstocher sind doch nicht Mercedes!), die Sitzflächen vorn fallen kürzer aus – dafür verwöhnt serienmässig die ganze neue Technikwelt, vom Müdigkeitssensor bis zum Start-Stopp-System.

Auch der Basis-ML spielt den Mercedes unter den SUV: Die feste Burg, die auch mit dem einfachen Stahlfahrwerk lautlos viele Schläge wegschluckt, ist kein Fall für Dynamiker. Das Getriebe ruckt gelegentlich beim manuellen Herunterschalten, die weiche Federung lässt den Brocken ordentlich schaukeln, und das ESP muss im Ernstfall ungewohnt hart zubeissen. Da legte der Vorgänger feinere Manieren an den Tag.

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