Die Sorgen und die Krankheit, die das Gesicht von Frank Williams in den vergangenen Jahren hatten kalt und hart werden lassen, waren wie weggewischt. Gut gelaunt strahlte der 71-Jährige mit den Scheinwerfern in der Londoner Olaf Street um die Wette, sein selten gewordenes Grinsen reichte beinahe von einem Ohr zum anderen, als zwei knapp bekleidete Frauen die Plane von Williams Formel-1-Boliden zogen.

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In einer ehemaligen Kunstgalerie präsentierten die Briten gemeinsam mit einem Sponsor als letztes der elf Teams ihren Wagen für die Saison, die am Sonntag in Melbourne (7.00 Uhr) startet. Der Besitzer des zuletzt meilenweit abgehängten Traditionsrennstalls mutierte bei dessen Anblick vom verbitterten Pessimisten zu einem Mann, der seiner Zukunft ziemlich optimistisch entgegenschaut.

Traditionsteam Williams zurück im Spiel

Nach Jahren der Dürre zählt Williams 2014 plötzlich wieder zu den Erfolgsanwärtern in der Formel 1. Seit dem bislang letzten Rennen sind zwar keine 100 Tage vergangen, und doch reichte die kürzeste Winterpause in der Geschichte, um die Kräfteverhältnisse, die seit Jahren zementiert schienen und 2013 bisweilen grotesk deutliche Ausprägungen angenommen hatten, so gründlich durcheinanderzuwirbeln, dass die Abgehängten von gestern nach ihren Siegchancen von morgen gefragt werden.

«Ein Team wie Williams sollte aufgrund der Geschichte und des Personals an der Spitze fahren», sagte Frank Williams: «Die Regeländerungen haben die Kräfteverhältnisse neu gemischt. Wir müssen davon profitieren.» Das Team, deren Autos Weltmeister Sebastian Vettel im letzten Rennen in São Paulo nach einem Drittel der Distanz überrundete, ist nun zwei Sekunden schneller – pro Runde.

Der Motor ist entscheidend

Die technische Revolution lässt ein Element zurückkehren, das in den vergangenen Jahren beinahe herausperfektioniert worden war aus der Formel 1: Unberechenbarkeit. Das einzige Bild, das zuletzt noch seltener war als ein Fotofinish auf der Zielgerade, war das eines Autos, das mit einem geplatzten Motor rauchend ins Kiesbett rollte. Nach den bisweilen anstrengenden Diskussionen um die Abnutzung der Reifen und die Zulässigkeit von Miniflügeln am Heck wird nun wieder über den Kern des Rennsports diskutiert: den Motor.

Keine Komponente ist so gravierend von den Regeländerungen betroffen wie die Antriebseinheit. Selbst Piloten, die dem Feld weit enteilt sind, müssen zumindest in den ersten Rennen einen von streikender Technik provozierten Ausfall fürchten. «Ich erwarte, dass in Melbourne alles passieren kann», sagt Vorjahressieger Kimi Räikkönen. Und sein Ferrari gehörte bei den Testfahrten noch zu den zuverlässigsten Boliden.

Hybridtechnologie verspricht Spannung

Statt Acht-Zylinder-Saugmotoren summen nun Sechs-Zylinder-Turbomotoren über den Asphalt, die komplexe Hybridtechnologie, mit der zwischenzeitlich gut 160 Zusatz-PS zugeschaltet werden können, dürfte den Technikchefs bis zum letzten Rennen Kopfzerbrechen bereiten.

Alle anderen hingegen haben Grund zur Vorfreude. Aus Mercedes-Pilot Lewis Hamilton spricht der Motorsportfan, wenn er sagt: «Du möchtest im gesamten Feld Überholmanöver sehen, du wünschst dir verschiedene Sieger und eine Titelentscheidung im letzten Rennen. Ich hoffe, dass wir dank der Regeländerungen in diesem Jahr all dies erleben werden. In dieser Saison führt einfach kein Weg an der Formel 1 vorbei!»

Red Bull muss Zeit gewinnen

Der Brite hat gut lachen. Kein anderer Hersteller hat so viel Zeit und wohl auch Geld in die Entwicklung der neuen Motoren investiert wie sein Arbeitgeber Mercedes. Bei den Testfahrten hinterließen die Silberpfeile von den Topteams den stärksten Eindruck. Wobei: Gibt es überhaupt noch Topteams?

Williams war flotter unterwegs als Ferrari, Force India fuhr schneller als Red Bull, selbst den notorischen Hinterherfahrer Caterham und Marussia gelangen bessere Rundenzeiten als Lotus. Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko bekannte, dass die Saison für die Österreicher «mindestens zwei Monate zu früh» beginne. Während die Konkurrenz ob ihrer Unterlegenheit im Vorjahr frühzeitig mit der Entwicklung der Motoren beginnen konnte, verschlief Red-Bull-Lieferant Renault die lange geplante Umstellung. Zumindest bis zu den Testfahrten nach dem Rennen in Bahrain (6. April) dürfte es den Konstrukteurschampions nur darum gehen, den Rückstand auf Mercedes zu kontrollieren.

Keine öden Prozessierfahrten mehr

Ex-Pilot Jean Alesi fürchtet schon um den Einfluss der Piloten. «Die neue Technik stellt die Fahrer komplett in den Schatten», wetterte der Franzose: «Wir haben eine Ära erreicht, in der nur noch die Technik zählt. Ein Fahrer kann mittlerweile nicht mehr auf seine Instinkte vertrauen, um einen Gegner zu überholen, weil er nur noch ein kleines Rädchen in einer grossen Maschinerie ist.» Besagte Maschinerie kam vor allem die Werksteams teuer zu stehen. Kolportierte Investitionen von 500 Millionen Euro für die Entwicklung des Mercedes-Motors führen den Sparvorsatz in der Formel 1 mit ihren überschuldeten Teams und Piloten, die sich ihre Cockpits de facto gekauft haben, ad absurdum.

Das neue Reglement kann nicht alle Probleme der selbst ernannten Königsklasse des Motorsports lösen. Aber es wird zumindest ihre Attraktivität für den Zuschauer wieder erhöhen. Vor der Abreise nach Melbourne ist völlig offen, wer im Albert Park als Erster über den Zielstrich rasen wird. Nach Jahren der Vettel-Dominanz, der schier unkaputtbaren Motoren und der einschläfernden Prozessierfahrten kann das nur eine gute Nachricht für die Formel 1 sein.

Dieser Artikel ist zuerst in «Die Welt» erschienen.