Noch immer herrscht Ungewissheit im Reisemarkt. Hört man sich in der Bevölkerung um, ist ein Trend erkennbar: Zahlreiche Leute wollen vorerst aufs Fliegen verzichten. Die Beweggründe sind unterschiedlich – und hängen nicht nur mit der Corona-Pandemie zusammen, wie zwei neue Datenpapiere zeigen. Erarbeitet wurden sie von den Beratungsunternehmen Oliver Wymann und Alix Partners.

Geschäftsreisen werden unnötig(er)

Reiseunternehmen in Europa rechnen mit einem Rückgang der Reisen zwischen 45 und 65 Prozent für das laufende Jahr, wie Alix Partners aufzeigt. Wegen der Rezession könne sich dies bis ins Jahr 2021 hinziehen. «Das Passagieraufkommen an amerikanischen Flughäfen ist zeitweise auf das Niveau der 1950er Jahre gesunken», schreiben die Autoren im Thesenpapier von Alix Partners. Das amerikanische Beratungsunternehmen gehört zu den grössten der USA

Drei Viertel der Geschäftsreisenden wollen zwar nach der Aufhebung von Reisebeschränkungen in Europa wieder ins Flugzeug steigen und planen bereits mehrere Reisen. Das letzte Wort dabei hat aber das Unternehmen, welches die Richtlinien dazu erlassen muss, so die Studie von Oliver Wyman. Das amerikanische Beratungsunternehmen hat dafür rund 2500 Flugpassagiere befragt, darunter auch solche mit Frequent-Flyer-Status. Oliver Wyman ist spezialisiert auf die Bereiche Reisen und Tourismus.

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Die firmeninternen Richtlinien stehen dabei nicht zwingend mit Corona in Verbindung: Unternehmen müssen aus wirtschaftlichen Gründen den Gürtel enger schnallen und deshalb auf kostspielige Reisen verzichten. Die Managements, so die Erwartung, werden sich zunehmend die Frage stellen, wie sehr ein persönliches Meeting in der Ferne in Zeiten des Video-Conferencing noch notwendig ist. 

Dazu wollen über 30 Prozent der Befragten ihre Tätigkeiten im Homeoffice ausweiten – und werden dadurch weniger unterwegs sein.

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Die Wellen-Frage

Skepsis auch im Privatbereich. Über 40 Prozent der Befragten in Europa wollen aber auch in ihrer Freizeit weniger reisen. Sollte es zu einer zweiten Welle kommen, werden drei Viertel gar nicht mehr reisen. Trotzdem wollen rund 15 Prozent nicht auf Reisen verzichten, um «das Leben zu geniessen» und «die Langeweile der Quarantäne zu überwinden».

Rund die Hälfte wird nach der Krise ihr Reiseverhalten aber langfristig ändern – allen voran die Italiener. Sie wollen vermehrt im eigenen Auto unterwegs sein, Zug und Flugzeug sind zweite Wahl. Auch die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel wird zurückgehen, heisst es in der Studie.  

Nun wird anders konsumiert – aber wie?

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Doch nicht nur die Wahl des Verkehrsmittels ändert sich nach der Corona-Krise, sondern auch die Art der bevorzugten Unterkünfte: Reisende werden wieder vermehrt Hotels benutzen, weil dort mehr Vertrauen in die Durchführung von Hygienemassnahmen als bei Ferienunterkünften wie Airbnb vorhanden ist. 

80 Prozent der europäischen Reisenden ziehen es vor, bei einem grossen Anbieter wie Hyatt oder Marriott zu übernachten – oder bei Freunden oder Verwandten. Dabei werden der Preis und die Sauberkeit des Hotels in Zukunft entscheidend sein. 

Das kosten Ferienunterkünfte in Europa im Sommer 2020

Ab dem 15. Juli werden die Reisewarnungen vom Bundesrat aufgehoben. Das gilt für die EU- und die Efta-Staaten sowie Grossbritannien.

Für Ferienhungrige, die jetzt doch noch in ein anderes Land verreisen möchten und nicht in der Schweiz bleiben wollen, gibt es von der Ferienunterkunft-Suchmaschine HometoGo eine Preisauswertung für Unterkünfte. Dabei wurde ermittelt, wie teuer eine Ferienunterkunft im Juli 2020 in 25 EU-Ländern ist. 

Frankreich teurer als die Schweiz

Dabei liegen die Schweiz und Österreich mit einem Mittelwert von rund 215 Franken pro Nacht gleichauf.

Frankreich, Portugal und Kroatien sind aber noch teurer, wie die Auswertung zeigt: In Frankreich kosten die noch buchbaren Ferienwohnungen im Schnitt 240 Franken, in Portugal 230 Franken und in Kroatien 229 Franken. Günstigere Unterkünfte gibt es hingegen in Bulgarien (62 Franken), Tschechien (92 Franken), Litauen (96 Franken) und Ungarn (99 Franken).

Bei den klassischen Badedestinationen wie Spanien muss man im Schnitt 172 Franken für eine Nacht hinblättern, in Italien kosten Ferienwohnungen 158 Franken. In Griechenland sind es 145 Franken.

Wer lieber in den Norden nach Deutschland geht, zahlt dort 131 Franken im Durchschnitt für eine Bleibe.

Reisebüros müssen sensibel sein

Alix Partners hat in der Studie die andere Seite, die der Reiseanbieter, eingenommen: «Das Thema Gutscheine und Rückerstattungen ist zurzeit ein äusserst sensibles Thema, das sich auf die Marke des Reiseunternehmens auswirken könnte», schreiben die Autoren. Vor allem auch, wenn sich Rückerstattungen erheblich verzögern. 

Wichtig sei auch die Bereitschaft von Reiseunternehmen, rasch zu reagieren, sobald die Lockerungen in Kraft treten. «Sie müssen Prozesse einrichten, um schnell und flexibel reagieren zu können. Die Kunden müssten nicht nur gefragt werden, wann sie reisen wollen, sondern auch wie und mit welcher Kapazität», heisst es.

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