Mareeba Wetlands im Osten Australiens: Das Paradies entstand vor 15 Jahren.

Das Wasser tost über die Felsen in die Tiefe. «In einigen Monaten in der Trockenzeit wird der Barron River ein klägliches Rinnsal sein, auch hier an den Wasserfällen», sagt Louise Marshall. Die Rangerin schaukelt mit ­ihren Gästen aus Europa in einer Gondel der Skyrail Rainforest Cableway über ­einen der ältesten Regenwälder der Erde. Wie unendlich viele, überdimensionierte Broccoliköpfe erscheint das Meer aus Baumkronen von hier oben. Die Luft ist feucht, erfrischend die Brise, die durch die offenen ­Luken der Gondel strömt.

Viele Touristen besuchen vor allem die Inselwelt von Queensland sowie das Great Barrier Reef. Das Hinterland des australischen Bundesstaates lassen die meisten links ­liegen. Dabei hat es neben dem Regenwald noch viel mehr zu bieten. In Richtung Mareeba, einer Kleinstadt östlich von Cairns, verwandelt sich der Regenwald in eine Savanne. Immer öfter tauchen am Wegrand braune, erdige Kegel auf, die Behausungen der Termiten. «Es ist, als überschreite man eine ­Demarkationslinie», erklärt Neill ­McGilp zum plötzlichen Vegetationswandel auf der Fahrt in die ersten ­Ausläufer des Hochlands der Great Dividing Range, des Grossen Australischen Scheide­gebirges.

Vor fünf Jahren entschied sich der heute 53-Jährige gemeinsam mit seiner Frau für ein Leben in den Mareeba Wetlands. In dem 2000 Hektar grossen Naturschutz­gebiet mit acht kleinen Seen arbeiten sie seitdem als Tour-Guides und Umweltschützer. Immer grösser wird die Zahl der Touristen, die in fein ausgestatteten Zelten unterkommen. «Es ist ein Stückchen Afrika hier», sagt McGilp. So weit das Auge reicht, wuchern gelbliche Gräser. Bäume mit teilweise laublosen, schwarzen Ästen stehen in der Gegend herum. Es könnte Savannenland in Namibia sein. Doch statt Flamingos und Antilopen sind in den Wetlands Emus und Kängurus unterwegs.

Anzeige

Kaum hat McGilp die Gäste für eine ­Safari in einen alten Jeep verfrachtet, tauchen zwischen Teebaumästen zwei Emus auf, die die Vorbeirollenden anglotzen, sich dann aber ruckartig abwenden. Über den Köpfen der Besucher fliegt ein Blasskopfrosella davon. «Früher wurde das ­Gelände als Weideland für Rinder genutzt», erzählt McGilp. Dann plante man eine ­Anbaufläche für die Landwirtschaft, die in der Mareeba-Region Avocados, Mangos, Zuckerrohr oder Macadamia-Nüsse hervorbringt, doch der Boden war ungeeignet. So kam die Idee eines Reservats auf.

Weil das Klimaphänomen El Niño ­immer wieder heftige Dürren und massive Überschwemmungen erzeuge, habe die Vogelwelt gelitten. «Brutgebiete wurden einfach weggewaschen», erzählt der 53-Jährige. Also wurde das Land kontrolliert geflutet. «Das Wassersystem ist künstlich angelegt», sagt McGilp. Es entstanden acht Seen und mit ihnen neuer Lebensraum für viele Vogel­arten. Tausende von Bäumen wurden zwischen 1996 und 1999 angepflanzt. In diesem Jahr eröffnete das Besucherzentrum mit einer zum Wasser hin ­offenen Terrasse als Plattform für die Vogelbeobachtung. Lebensader des künstlichen Reservats ist der Barron River, dessen Wasser über einen nahen Stausee die Wetlands speist. «Wenn in der Trockenzeit wegen des Klima­wandels andere Brutgebiete austrocknen, dann kommen viele Vögel zu uns», so McGilp.

Bei einer Bootsfahrt über die Clancy’s Lagoon kommen die Besucher der Vogelwelt näher. Ein australischer Schlangenhalsvogel sitzt am Ufer auf einem kahlen Ast und breitet die Flügel zum Trocknen aus. Am anderen Ende des Sees schwimmen zwei schwarze Schwäne.

«Die Mareeba Wetlands sind eine perfekte Symbiose aus ­Naturschutz und Tourismus.» McGilp sagt das aus Überzeugung. Zumindest auf dem gros­sen Spiegel der Lagune fühlt man sich eins mit der ­Natur – und vergisst fast, dass man sich in einer künstlichen Welt befindet.