Werner Düggelin ist ein wandelndes Stück Theatergeschichte: Er machte die Schweiz mit dem absurden Theater bekannt, mobilisierte in den Aufbruchsjahren nach 1968 mit Theater die Basler Jugend und inszenierte an allen grossen deutschsprachigen Bühnen. Am Sonntag wird er 85.

Als er das erste Mal als Beleuchter im Zürcher Schauspielhaus arbeitete, wusste der damals 19-jährige Student sofort: «Da gehöre ich hin. Denen zeig ich's». «Das tat er denn auch, von 1951 bis heute, und er ist noch nicht fertig damit», sagte Peter von Matt diesen Sommer in seiner Laudatio bei der Verleihung des Zürcher Kunstpreises an Düggelin.

Von Matt scheint sich getäuscht zu haben. Wenige Tage vor der Verleihung hatte «Dügg» bekanntgegeben, dass er nicht mehr inszenieren wolle. Trotz seines Alters kam das überraschend: Seine Regiearbeiten - ob das Debüt «Lieblingsmenschen» von Laura de Weck 2007 oder Klassiker wie Molières «Der Bürger als Edelmann» 2014 - wirkten nie démodé. Sein essentieller Stil - inszenatorische Reinheit und sorgfältige Führung der Schauspieler - kam bei Publikum und Kritik gut an.

Der Rebell

Eigentlich hätte der am 7. Dezember 1929 in Siebnen SZ geborene Schreinersohn Akademiker werden sollen. Doch der Junge war ein Rebell. Schon den Kindergarten verweigerte er, aus der Klosterschule Engelberg und dem Konvikt Trogen flog er raus.

Er bat die Eltern, die Matura im Welschland machen zu dürfen - «damals das Synonym für Freiheit», wie er sagt. Danach schrieb er sich an der Universität Zürich in Germanistik und Romanistik ein und arbeitete nebenbei als Beleuchter im Schauspielhaus - wo ihn der besagte «coup de foudre» traf.

Nachdem er einmal einen besonders eitlen Schauspieler nicht ins rechte Licht gerückt hatte, wurde er von Regisseur Leopold Lindtberg zum Assistenten degradiert. Die Stellung hielt er drei Tage, dann entliess ihn Lindtberg, weil Düggelin dauernd alles besser zu wissen glaubte. Doch der Star-Regisseur hatte das Potenzial des Jungspunds erkannt: Er drückte ihm 500 Franken in die Hand und schickte ihn nach Paris.

Frechheit siegt

Dort lernte Düggelin im Bistro Jean Lescure kennen. Was er denn so mache, fragte dieser. «Je suis metteur en scène», behauptete der Schweizer. Das treffe sich gut, meinte Lescure, er habe gerade ein Stück geschrieben. Ausserdem besässen seine Eltern in Asnières ein ungenutztes Kino, das man zum Theater umfunktionieren könne.

Düggelin rekrutierte sechs Schauspielschüler und nannte seine Truppe «Compagnie des Sept». Nach fünf Inszenierungen war das Unternehmen Pleite. Düggelin verdiente sich sein Geld als Pantomime und wurde von Regisseur Roger Blin entdeckt, der ihn assistieren liess und unter anderem mit Beckett und Ionesco bekanntmachte.

Diese beiden gehörten später zu den neuen Dramatikern, die Düggelin im deutschsprachigen Raum einführte, Albert Camus, Jean Genet und Paul Claudel waren weitere. Mit 25 wurde Düggelin Regisseur in Darmstadt; es folgten Theater- und Operninszenierungen an allen grossen Bühnen, vor allem am Zürcher Schauspielhaus.

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«Haarspray verboten»

Als er 1968 die Generalintendanz in Basel übernahm, liess er Schilder aufhängen «Haarspray verboten, Jeans erlaubt». Mit Popkonzerten, beispielsweise mit The Who, und Debattierrunden erschloss er ein junges Publikum. Der Anteil der unter 20-jährigen Theaterbesucher stieg von 0,5 Prozent auf über 36. Ziel war nichts geringeres als «eine Welt ohne Krieg und Hunger - wir wollten die Welt neu träumen».

Nach sieben Jahren in Basel arbeitete Düggelin wieder als freier Regisseur - unterbrochen vom Engagement am Centre Culturel Suisse in Paris 1987-91, dessen Besucherzahlen er unter anderem mit Jazz ankurbelte.

(sda/ccr)