Bei uns in Europa hat man ja den Eindruck, chinesische Konsumenten seien förmlich verrückt nach westlicher Luxus-Ware. Wir haben Bilder im Kopf von Warteschlangen vor den Läden von Marken wie Chanel oder Louis Vuitton oder Rolex.

Aber: Mode und Luxus findet nicht nur den Weg von West nach Ost, sondern auch von Ost nach West. Immer mehr Designerinnen und Modeschöpfer aus China etablieren sich in Europa und in den USA. Wer sind sie? Wofür stehen sie? Und warum muss man sie kennen?

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Shang Xia

Es ist eine Partnerschaft wie aus dem Bilderbuch. Und das seit nunmehr über 10 Jahren. Hermès, der Inbegriff des feinen französischen Savoir-faire gründet mit der chinesischen Designerin Jiang Qiong 2008 in Shanghai eine Marke, die das Schöne im Einfachen sucht. Ihr Ziel: die Essenz chinesischer Tradition, geboren aus Jahrhunderte alter Ästhetik, mit erlesenen Objekten für das 21. Jahrhundert sichtbar machen.

Tatsächlich ist es eine Mission mit Erfolgsgeschichte. Erst kürzlich ist Exor, die Holding Firma hinter Ferrari, als Mehrheitsaktionärin eingestiegen. Und nun soll aus Shang Xia auch eine angesagte Modemarke werden, mit Laufstegshows in Paris. Dafür hat man Yang Li geholt, einen jungen, in Peking geborenen und Australien aufgewachsenen Designer, der mit seinem eigenen Label in der Musik- und Goth-Szene mehr zu Hause ist als in Sattlereien und Porzellanmanufakturen.

Seine Debüt-Kollektion für Shang Xia im vergangenen Oktober war vom Feinsten. Clean und minimal die Silhouetten. Luxuriös die Stoffe und die Verarbeitung. Jung, cool und zeitgeistig die Attitüde. «Meine Aufgabe und die der Marke ist es uns für chinesische Kreativität stark zu machen und zu zeigen, dass China nicht nur ein Markt ist», sagt Yang Li auf Vogue.com. «Chinesen können Mode und Luxus auf einem Top-Level für die Weltbühne kreieren.» Wir sagen: Übung gelungen!

Guo Pei

Es war Rihannas Schleppe, die Guo Pei über Nacht zum Haushaltsnamen machte. Wer erinnert sich nicht an die opulente, goldbestickte, tellerförmige Kreation, mit der die Sängerin 2015 die Stufen zum Metropolitan Museum emporstieg, um an der alljährlichen Museum of Art’s Costume Institute Gala teilzunehmen?

Es war eine extravagante Kreation, die chinesische Trachten-Elemente und Symbolik mit einer westlichen Silhouette verband. Genau so, wie es Guo Pei seit über 20 Jahren zu tun pflegt. Mit ihren Haute Couture Kleidern, die schon mal 55 Pfund wiegen können, bringt sie Jahrtausende alte chinesische Stick- und Mal-Techniken in die Moderne. Inspiration dafür findet die Designerin in Märchen und Legenden. «Als Kind, das in Peking aufwuchs, ging ich oft in den Königlichen Garten und die Verbotene Stadt spielen», sagt die Modeschöpferin. «Sie haben mich von einem sehr jungen Alter an zutiefst beeinflusst und inspiriert».

Bereits mit zwei Jahren fing Guo Pei an zu nähen. Jahre später schloss sie als Klassenbeste die Beijing School of Industrial Fashion Design ab. 1997 gründete sie ihr eigenes Atelier mit dem Namen Rose Studio. Heute arbeiten dort an die 500 Handwerker, die tausende Stunden an einem einzigen Kleid nähen und manchmal zwei Jahre für die Fertigstellung brauchen - ganz in der Tradition der hohen französischen Schneiderkunst. Übrigens hat Guo Pei in der Zwischenzeit auch eine Dependance in Paris.

Susan Fang

Ihre Kleider sehen aus wie aus Meeresschaum geboren, ihre Accessoires erinnern an glitzernde Luftblasen im von der Sonne beschienen Wasser. Modedesignerin Susan Fang sublimiert die Schönheit der Natur in ihren luftig leichten Kreationen. Innovative Textilien, sanfte Farbeffekte, nachhaltige Praktiken und Handarbeit spielen dabei die Hauptrolle. «Air-Ribbon» ist eine ihrer neusten Entwicklungen - ein Zero-Waste-Prozess, mit dem sie kleine ballonähnliche Textiloberflächen aus farbigem Tüll und Samtbändern gestaltet. «Indem wir die Stücke selber handfertigen, sehen wir den kleinsten Abfall, den wir produzieren, und finden Wege fürs Upcycling.»

Die Ideen gehen Susan Fang jedenfalls nicht aus. Für die aktuelle Kollektion nahm sie «auf Wolken gehen» wortwörtlich und entwarf einen Schuh, dessen «Wolken-Sohle» aus dem 3-D-Drucker kommt und dessen Obermaterial aus Swarovski-Kristallen, Makramee und ihren typischen Glasperlen besteht.

Einem bestimmten Stil oder Trend folgt die Absolventin der renommierten Londoner Modeschule Central Saint Martins nicht. Viel lieber lotet sie mit jeder neuen Kollektion ihre Grenzen aus. Das Ergebnis? Kleider, die sich nach Freiheit anfühlen und von ihr, ihrer Mutter und ihren Tanten genäht werden. Wen wunderts, hat «Forbes» sie 2019 und 2020 auf die Liste der «30 under 30» gesetzt.

Ming Ma

Er ist eine romantische Seele, die den Frauen in Zeiten von Lounge- und Streetwear elegante Roben aus Seide und Brokat auf den Leib schneidert. Solche Couture-Volumen, hat man zuletzt bei Cristobal Balenciaga in den 1950er-Jahren gesehen.

Die Frauen von Ming Ma mögen zwar hyper-feminin daherkommen, von schwacher Natur sind sie nicht. Die skulpturalen Silhouetten und Blumenmuster strahlen eine Kraft und Eleganz aus, die Power-Anzug-Trägerinnen daneben verblassen lässt. Ming Ma selbst spricht von «eleganter Spannung» und entwirft die Schnitte dazu mit moderner 3-D-Technik.

Wie viele seiner Generation absolvierte er das Londoner Central Saint Martins College. 2018 gründete er seine eigene Marke und liess sich in Schanghai nieder. Seitdem verfeinert er Saison um Saison seine Designsprache. Für seine kommende Frühlingskollektion verwendet Ming Ma erstmals Deadstock aus italienischen Webereien. Schade nur, dass seine Kreationen bis jetzt nur in China bzw. Asien erhältlich sind.

Ming Ma

Ming Ma: Feminine Mode, aber nicht von schwacher Natur.

Quelle: ZVG

Angel Chen

Dass Modedesigner heute nicht mehr nur an Modeschulen gemacht werden, sondern auch bei Streamingdiensten wie Netflix, ist wohl dem Zeitgeist geschuldet. Die Chinesin Angel Chen ist das Paradebeispiel dieser Entwicklung. Zwar machte die aufstrebende Designerin bereits vorher von sich Reden, doch so richtig startete sie erst durch, als sie zum Star der Netflix-Show «Next In Fashion» wurde. Seitdem reissen sich die internationalen Marken um eine Kooperation mit Angel Chen und ihrem Gespür für coole Streetwear. Adidas Originals klopfte für eine Turnschuh-Kollaboration genau so an wie H&M. Und gerade kamen ihre ersten Jacken für Canada Goose auf den Markt.

Ihre lässig bunte East-meets-West Fusion Mode trifft das Lebensgefühl und den Geschmack der Tik-Tok-Generation. Es ist eine zeitgeistige Mode, welche die in der Branche oft hartnäckigen Alters- und Gender-Stereotypen aussen vor lässt und ausgesprochen authentisch daherkommt.

Geboren in Shenzhen, absolvierte sie das Londoner Central Saint Martins College und gründete 2014 ihre eigene Marke mit Studio in Shanghai.

Shanghai Tang

Denkt man an chinesische Mode kommt man um den Namen Shanghai Tang nicht herum. 1994 von Sir David Tang als Schneideratelier gegründet, war die Marke eine der ersten, die sich um ein globales Publikum bemühte. Berühmtheit erlangten Shanghai Tangs figurbetonte Qipao Kleider durch ​​Wong Kar-Wai’s Film «In the Mood for Love». Heute ist das Signature Stück die Tang Jacke, ein Jackenmodell das ursprünglich von der Oberschicht der Quing Dynastie favorisiert wurde und in den 1940er-Jahren zum formellen Dresscode der Elite wurde.

So beständig gewisse Designstücke des Hauses sind, so wechselhaft ist seine Geschichte. 1998 wurde Richemont Mehrheitsaktionärin und kaufte die Marke ganz 2008 auf. Da sie sich jedoch beim europäischen und amerikanischen Publikum nie im grossen Stil etablieren konnte, verkaufte Richemont 2017 Shanghai Tang weiter an einen italienischen Investor.

Seit 2018 bringt David Tangs Tochter, Victoria Tang-Owen, als Kreativdirektorin einen modernen Esprit in die Traditionsmarke, die neben Männer-, Frauen- und Kinderlinien auch Accessoires sowie Homedeko anbietet und immer wieder Capsule Kollektionen mit Designern lanciert.

Angel Chang 

Nach Jahren in der Mode, während denen sie für Donna Karan, Chloé und ihre eigene Marke designte, mit der sie intelligente Textilien zu Hightech-Kleidung verarbeitete, vollzog Angel Chang 2010 eine Kehrtwende. Neun Jahre lang verbrachte sie die meiste Zeit des Jahres in einem Bergdorf der Provinz Guizhou im Südwesten Chinas, um die Textilherstellung und -verarbeitung in der Tradition einheimischen Bergstämme zu erlernen.

Entdeckt hat die Amerikanerin dort nicht nur ihre chinesischen Wurzeln, sondern sie fand auch zurück zu einer Art der Kleiderfertigung, die dem Kreislauf der Natur folgt. Diese Liaison d’amour bringt eine Kollektion hervor, deren Herstellung ganz ohne Elektrizität, ohne Chemikalien und ohne fossile Brennstoffe auskommt - eine Kollektion also, die null CO2 produziert. Jedes Stück wird zu hundert Prozent von Hand gefertigt. Sogar die Knöpfe an Blusen oder Jacken werden mit der Hand geknotet.

Im Einklang mit der Natur zu leben, ist in dieser Bergregion nicht nur ein profanes Schlagwort. Vom Aufziehen der Bio-Baumwollsaat, über das Weben, das Färben mit Medizinalpflanzen und das Weichklopfen des Stoffes mit einem Holzhammer bis hin zum letzten Nadelstich vergehen fünf bis sechs Monate. Angel Changs Kleider sind nicht nur ein Statement für Slow Fashion und unsere Umwelt, sondern demonstrieren, dass Kleider durch des Menschen Hand, die besseren werden.