Die Schweizer Börse wagte vor 20 Jahren Bahnbrechendes: Sie stellte als erste Börse der Welt den ganzen Handel, die Abwicklung und Verwahrung von Wertpapieren auf ein vollelektronisches System um.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatten schreiende Händler, die sich gegenseitig Aktien und Obligationen feilboten, die Wertpapierbörsen in der Schweiz beherrscht. Heute sucht man sie an der Zürcher Selnaustrasse vergebens. Die Ringe sind verwaist, es herrscht gespenstische Ruhe. Längst haben die Händler die Börse verlassen und arbeiten dezentral von den Räumlichkeiten ihrer Banken aus.

Kuba-Krise als Auslöser

Den ersten Anlass, sich über das System «à la criée» Gedanken zu machen, bot die Kuba-Krise von 1962 und die anschliessende Talfahrt der Börsenkurse, wie Richard Meier und Tobias Sigrist in ihrem Buch über die Geschichte der Schweizer Börse schreiben. Damals beriet man über die Automatisierung des Handels und den Bau einer neuen Börse zur Erhöhung der Kapazitäten.

Seinerzeit gab es in der Schweiz sieben Börsen: Die drei grossen in Zürich, Genf und Basel. Daneben waren vier kleinere Börsen in Lausanne, Bern, Neuenburg und St. Gallen angesiedelt.

In Zürich führten die Folgen der Kuba-Krise 1968 zu einem ersten Versuch über den möglichen Einsatz eines Computers zur Festsetzung der Eröffnungskurse. Das für damalige Verhältnisse revolutionäre Vorhaben ergab allerdings unbefriedigende Resultate.

Druck steigt

Anfang der 1980er Jahre wurde der Druck grösser, Fortschritte zu machen: Damals begannen Unternehmen, sich stärker über den Kapitalmarkt zu finanzieren. Zudem kamen Derivate auf. Die Folge war eine stark steigende Emission von Wertpapieren, die zu Kapazitätsengpässen an Börsen führten.

Wohl hatten die Basler, Genfer und Zürcher Börse zusätzliche Handelsringe eingerichtet. Doch konnte damit die ständig zunehmende Handelstätigkeit nur vorübergehend aufgefangen werden. Behelfsmässig wurde zeitweise sogar in Sitzungszimmern gehandelt.

Crash zeigte die Grenzen des Systems

Der Crash vom Montag, 19. Oktober 1987, zeigte die Grenzen des Systems à la criée auf. Die üblichen Handelszeiten wurden um mehrere Stunden überzogen. Zudem gab es bei vielen Aktien keine Kurse, weil der Handel wegen zu grossen Kurssprüngen immer wieder unterbrochen werden musste.

«Das enorme Wachstum des Volumens, die Verlängerung der Handelszeiten und die Aufnahme des Optionenhandels machten den Schritt zur elektronischen Börse, so unpopulär er zuerst in Kreisen gewisser Banken gewesen war, unumgänglich», berichtete der letzte Zürcher Börsenkommissar Josef Brem der Zeitung «Finanz und Wirtschaft».

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Ära geht zu Ende

Ab Mitte der 1980er Jahre wurde die technologisch-organisatorische Zusammenarbeit der sieben Börsen institutionalisiert. 1991 Jahre wurde der Ringhandel an den vier kleineren Börsen geschlossen.

Am 26. Mai 1993 wurde die Schweizer Börse (heute SIX) gegründet, in der dann später auch die Börsen von Zürich, Genf und Basel aufgingen. Die Schweizer Börse übernahm auch die Derivatebörse Soffex (Swiss Options and Financial Futures Exchange). Örtlich wurden alle Organisationseinheiten in den Räumlichkeiten der Zürcher Börse zusammengezogen.

1995 begann das elektronische Börsenzeitalter

Nach Jahren Entwicklungsarbeiten begann in der Schweiz am Freitag, dem 8. Dezember 1995, das elektronische Börsenzeitalter. Zuerst wurde allerdings nur das kleinste Handelssegement, die Auslandaktien, auf das System aufgeschaltet, die kaum 5 Prozent der Gesamtumsätze ausmachten.

Damit wurden Auftragseingabe, Handel, Verrechnung, Abwicklung sowie Verwahrung der Titel elektronisch integriert. Der Schritt war weltweit ein Novum. Die Teileinführung erwies sich aber als riskant: Das System lief nicht durchwegs stabil. Es kam zu Ausfällen.

Nach weiteren Verbesserungen des Systems wurden die weitaus grösseren Titelsegmente, die Schweizer Aktien und die Optionen, Anfang August 1996 umgestellt. Zwei Wochen später folgten die Obligationen. Somit wurde der Ringhandel am 15. August 1996 zum letzten Mal abgeläutet. Die 146-jährige Ära des Ringhandels ging in der Schweiz zu Ende.

Exponentielles Wachstum

Nach der Umstellung auf den elektronischen Handel nahm die Anzahl der Zugriffe auf das System exponentiell zu. Das scheinbar so grosszügig dimensionierte neue Handelssystem hatte schon bald nach der Inbetriebnahme mit Kapazitätsengpässen zu kämpfen. Bei der Entwicklung des Systems war es weitgehend darum gegangen, den bestehenden Handel auf eine elektronische Umgebung zu übertragen.

Allerdings hatte niemand damit gerechnet, dass durch die Umstellung auf die elektronische Börse die gehandelten Volumen förmlich explodierten. Bereits 1999 mussten die Kapazitäten von 12 auf etwa 200 Zugriffe pro Sekunde ausgebaut werden.

Seither sind die Kapazitäten um ein Vielfaches weiter gestiegen. Das aktuelle System kann gut 27'000 Transaktionen pro Sekunde ausführen, wie SIX-Sprecher Stephan Meier auf Anfrage sagt.

(sda/ccr)