Langsam macht in der Hotellerie Schule, was in der Kreuzfahrtbranche schon länger möglich ist – den CO2-Abdruck der Gäste durch Spenden an Klimaschutzprojekte zu kompensieren. Das allein wird aber nicht reichen, meint Professor Willy Legrand und fordert, dass Luxusreisende Handtücher und Bettwäsche mehrere Tage lang benutzen. Er bringt ausserdem verpflichtende Umweltabgaben für Reisende ins Gespräch.

Einige grosse Hotelketten wie Marriott und InterContinental Hotels haben angekündigt, Einweg-Toilettenartikel in den kommenden zwei Jahren zu verbieten. Klingt eher nach Publicity als nach einem grossen Wurf.
Willy Legrand: Publicity hin oder her – das ist eine wichtige Initiative. Erst vor wenigen Monaten, im Mai 2019, haben Forscher der University of California in Santa Barbara eine globale Bewertung von Treibhausgasen im Zusammenhang mit Kunststoffen erstellt – von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung, Verwendung bis hin zur Wiederverwertung oder Verbrennung.

Bis 2030 soll die globale Hotelindustrie deshalb die Treibhausgase pro Zimmer und Jahr um 66 Prozent im Vergleich zu 2010 senken.

Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Kunststoffproduktion im Jahr 2015 für 1,7 Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent verantwortlich war. Zum Vergleich: Die Treibhausgas-Emissionen Deutschlands werden auf jährlich rund 866 Millionen Tonnen geschätzt.

Mit Schutzmaske an den Strand, Verzicht auf Party in Tropennächten und in die Quarantäne nach den Ferien - die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies bleibt für viele Touristen unerfüllt. Mehr hier.

Geht es konkreter, wie hoch ist der Spareffekt bei Treibhausgas-Emissionen, wenn Hotels auf solche Badminiaturen verzichten?
Wir haben das mal für Marriott ausgerechnet, demnach bringt ein Verzicht auf Badminiaturen (770'000 Kilogramm Plastik) eine kumulierte Einsparung von 2,36 Millionen Kilogramm Kohlendioxid – für nur eine grosse Hotelkette. Das entspricht etwa dem CO2-Ausstoss von 1000 Autos in einem Jahr in Deutschland.

Anzeige

Die EU hat der Automobilindustrie strikte Umweltauflagen erteilt, warum eigentlich nicht auch der Hotellerie?
Konkrete Ziele gibt es bereits, verbindliche Auflagen aber nicht. Derzeit ist die globale Tourismusindustrie für acht Prozent aller Emissionen verantwortlich, wobei ein Viertel davon auf Hotels entfällt. Bis 2030 soll die globale Hotelindustrie deshalb die Treibhausgase pro Zimmer und Jahr um 66 Prozent im Vergleich zu 2010 senken.

Ist das überhaupt zu schaffen?
Das ist machbar, wenn die Hoteliers alle technischen Möglichkeiten zur Reduzierung von Emissionen nutzen. Hilton Hotels & Resorts hat seine CO2-Emissionen zwischen 2008 und 2018 bereits um 34 Prozent reduziert und plant bis 2030 eine Reduktion von 61 Prozent.

Bei grossen Hotelketten bringen bereits kleine Veränderungen grosse Wirkung, Stichwort Badminiaturen. Allerdings sind grosse Ketten, die Hotels in vielen Ländern betreiben, an die jeweiligen gesetzlichen Vorgaben gebunden. Zudem gehören den Ketten die Häuser, die sie betreiben, nicht immer, damit sind dann die Eigentümer gefragt.

Kleinere Hotelunternehmen haben es daher leichter, Klimaneutralität zu erreichen. Ein Beispiel ist die Explorer Hotel Group, die in Süddeutschland und Österreich insgesamt neun klimaneutrale Hotels betreibt.

Podcast Tipp

Wie retten wir die Wirtschaft? Antworten finden Sie im «HZ Insights» Podcast.

Ein schwacher Trost, wenn man bedenkt, dass jedes Jahr zwei- bis dreitausend neue Hotels eröffnet werden…
Da haben Sie recht. In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Angebot an Hotelzimmern fast verdoppelt. Allein ein Unternehmen wie Accor mit mehr als 4800 Hotels serviert pro Jahr etwa 56 Millionen Frühstücksgerichte und wäscht 140 Millionen Handtücher – und nicht alles davon wird gegessen, und nicht jedes Handtuch war vor dem Waschen schmutzig.

Geht das aus Ihren Untersuchungen hervor?
In diesem Fall stütze ich mich unter anderem auf eine Studie von Accor Hotels. Demnach hängen 77 Prozent aller Emissionen mit dem Betrieb des Hotels zusammen, weitere zehn Prozent entfallen auf die Beschaffung von Lebensmitteln und Getränken, einschliesslich Emissionen aus dem Warentransport und aus dem landwirtschaftlichen Produktionsprozess.

Was also tun?
Wir brauchen strengere gesetzliche Vorgaben, gesellschaftliches und individuelles Engagement. In Deutschland gibt es mit dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) bereits Niedrigenergiegebäude-Standards. Darüber hinaus gibt es verpflichtende Umweltabgaben, die an Gäste weitergegeben werden.

Ein Beispiel sind sogenannte Tourismussteuern, wie sie auf Mallorca oder in Neuseeland seit Mitte Juli 2019 für alle Besucher erhoben werden. Die eingenommenen Mittel werden in nachhaltige Tourismus- und Naturschutzprojekte investiert.

Sie plädieren dafür, dass Hotels ihre Umweltkosten auf die Zimmerpreise umlegen, um die Emissionen auszugleichen?
Nicht unbedingt. Allein genommen erscheinen solche Aktionen wie ein grüner Ablasshandel, deshalb sollten Hotels auch in anderen Bereichen nachhaltig und effizient handeln. Beispielhaft dafür ist das Luxushotelunternehmen Soneva, das es versteht, Nachhaltigkeit und Luxus zu verbinden. Die Hotels der Kette befinden sich an unberührten Orten.

Den Rechnungen der Gäste wird eine obligatorische Umweltabgabe aufgeschlagen. Soneva investiert zudem seit mehr als einem Jahrzehnt in eigene Fotovoltaikanlagen, aber auch in Projekte zur Reduzierung der CO2-Emissionen. 2018 wurden alle Emissionen der Soneva-Resorts über solche Projekte ausgeglichen.

Also Urlaub nur noch für Reiche?
Wenn man es genau nimmt, ist es bereits so. Reisen können nur diejenigen, die es sich leisten können, somit ist Reisen – global gesehen – bereits Luxus. Und wer eine Reise unternimmt, sollte das mit der geringstmöglichen Auswirkung auf die Umwelt tun. Egal ob Backpacker in einem Hostel, Pauschaltourist in einem Kettenhotel oder Individualreisender in einem Luxusresort – Nachhaltigkeitskriterien gelten für alle.

Es geht nicht um weniger Essen per se, sondern um bessere Planung, optimale Mengenkalkulation und attraktive Präsentation.

Dann sollte man von Gästen in Luxus-Resorts aber auch erwarten können, dass sie Handtücher und Bettwäsche mehrere Tage lang benutzen.
Absolut. Wäsche kann bis zu zehn Prozent des Energieverbrauchs und bis zu 15 Prozent des Wasserverbrauchs eines Hotels ausmachen. Ein Aufenthalt in einem Luxushotel bedeutet nicht, dass Ressourcen plötzlich keine Rolle mehr spielen, auch wenn man mehrere Tausend Euro bezahlt hat.

Aber wie bei allem steht die Kommunikation an erster Stelle. Vor einigen Jahren hatte der Hotelier eines sehr luxuriösen Inselresorts beschlossen, einmal pro Woche keine Fleischgerichte anzubieten, um den CO2-Fussabdruck zu verringern.

Die Mehrheit der Gäste begrüsste die Initiative. Einige Gäste waren jedoch verärgert; nicht wegen des einen fleischlosen Tages pro Woche an sich, sondern weil der Hotelier seine Gründe nicht kommuniziert hatte.

Die bekanntesten Schweizer Luxushotels haben eine Buchungsplattform eingeführt, auf der die Gäste eigene Preisvorschläge machen können. Mehr hier. 

Apropos: Viele Ferienhotels bieten Speisen in Buffetform an, mit der Folge, dass Lebensmittel im Müll landen. Wie lässt sich das ändern?
Das ist in der Tat ein grosses Problem, und viele Hotels versuchen auch, die Verschwendung einzudämmen, etwa indem sie individuell portionieren oder Live-Cooking anbieten, was es dem Personal ebenfalls ermöglicht, die Portionen kleiner und mundgerechter zu machen.

Unterm Strich soll weniger Essen auf das Buffet kommen?
Es geht nicht um weniger Essen per se, sondern um bessere Planung, optimale Mengenkalkulation und attraktive Präsentation.

Was können Hotelgäste noch tun, ausser bewusster zu essen, um ihren ökologischen Fussabdruck im Hotel zu minimieren?
Der erste Schritt zur Minimierung des ökologischen Fussabdrucks beginnt mit der Auswahl eines nachhaltigen Hotels, was inzwischen relativ leicht ist, da sich einige Internetportale auf nachhaltige Hotels spezialisiert haben.

Zum Autor

Willy Legrand ist Professor für Hospitality-Management an der Internationalen Hochschule in Bad Honnef (IUBH) und Autor eines Lehrbuches zu Nachhaltigkeitsprinzipien im Gastgewerbe.

Können Sie Namen nennen?
Ja, auf der Buchungsplattform Book Different werden beispielsweise alle Green-Globe-zertifizierten Hotels weltweit präsentiert. Die Green-Globe-Zertifizierung umfasst mehr als 360 Kriterien, zum Beispiel Wassermanagement, Energieverbrauch, Abfallerzeugung, Lebensmittel- und Getränkeangebote, Wasch- und Reinigungsmittel sowie das Raumklima.

Eine weitere Plattform ist Greenline Hotels, bei der alle Hotels mit dem GreenSign-Label zertifiziert wurden, das mittels 92 Kriterien unter anderem soziales Engagement, Lieferketten und Energiemanagement abdeckt. Einen ähnlichen Ansatz haben die Portale Book It Green, Bio Hotels, Sleep Green und Fair-Job Hotels.

Sie sprachen vom ersten Schritt, und wie sieht der zweite aus?
Gäste können einen Beitrag leisten, indem sie ihr Öko-Interesse zeigen und dem Hotelier Fragen stellen: Gibt es saisonale und regionale Produkte, Informationen und Möglichkeiten, die CO2-Emissionen für die Anreise und Übernachtung auszugleichen, Alternativen für Einwegverpackungen und Einwegkunststoffe? Ich sage nicht, dass das einfach ist. Doch die Hoteliers werden auf ihre Gäste hören.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel «Hotel verzichtet auf Badminiaturen - schon ist der CO2-Ausstoss von 1000 Autos eingespart».

Social Media

Besuchen Sie uns bei Facebook, Linkedin & Co.