Von Prof. Dr. med. Oswald Oelz, Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital in Zürich und leidenschaftlicher Extrembergsteiger.

«Rationierung am Universitätsspital», schreibt die NZZ, und schon flackern die Strohfeuer der Empörung wieder auf, wie damals, als einem alt Bundesrat ein sündteures Präparat zur Behandlung einer seltenen Blutungsneigung vorenthalten worden ist. Diesmal geht es um Krebspatienten, die bis zu zwei Monaten auf eine Bestrahlungstherapie warten müssen. Die Öffentlichkeit ist empört; schliesslich ist der Zugang zum medizinischen Versorgungssystem zu einem Grundrecht geworden.

Für die Einlösung des Grundrechts auf Gesundheit trägt der Staat die Verantwortung, ein Staat, der nicht mehr bereit oder fähig ist, die entsprechenden Rechnungen zu bezahlen und dessen höchste dafür verantwortliche Vertreterin, Bundesrätin Ruth Dreifuss, eine Diskussion darüber kategorisch ablehnt. Rituelle Strohfeuer brennen aber auch, wenn jeweils im Herbst die neuen Prämienerhöhungen der Krankenkassen ruchbar werden: «Hört denn das nie auf?», fragt der Blick; «20 bis 25 Prozent müssen die Kosten herunter», poltert SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi.

Die Schuldigen für die sich zunehmend öffnende Schere zwischen Bruttosozialprodukt und Gesundheitsausgaben sind sattsam bekannt: Es ist der Reichtum unseres Landes – je reicher ein Land, umso mehr gibt es für die Gesundheit aus –, der medizinische Fortschritt mit der phänomenalen Leistungsexplosion der letzten 50 Jahre und der daraus resultierenden demografischen Überalterung und teuren Langlebigkeit sowie ein einzigartiges finanzielles Anreizsystem: Die meisten Patienten wollen im Gratisbedienungsladen Gesundheitswesen alle Leistungen sofort und in bester Qualität.

Solchem Verlangen gegenüber haben die Leistungserbringer offene Ohren, da sie umso mehr verdienen, je mehr und je bessere, also teurere Leistungen sie erbringen. Besonders mit Schuld beladen sind natürlich die Ärzte, deren Dichte in direkter Beziehung zu den Krankenkassenprämien steht: Im Kanton Genf kommen auf 10 000 Einwohner doppelt so viele Ärztinnen und Ärzte wie in St. Gallen. Die Krankenkassenprämien sind in Genf auch doppelt so hoch. Trotzdem sind die Menschen in Genf weder gesünder, noch leben sie länger.

Neben den Ärzten haben sich weitere Mitesser eingeschlichen: So kommt heute kein Spital mehr ohne Beraterfirmen aus, und neue Berufe wie Case-Manager entstehen zuhauf. Die Ethikindustrie hat ihre Tarife entwickelt, Informatiker und ihre Firmen wollen den Dschungel der medizinischen Informationen kultivieren. Juristinnen offerieren bei Patientenunzufriedenheit ihre Dienste. Gesundheitsökonomen analysieren und bringen ihre Schäfchen ins Trockene, und die Pflegeexpertinnen wollen ihre Professuren und eine Akademie. Der Verwaltungsapparat wächst, der Outcome wird festgehalten, und Quality-Control ist obligat.

«Das Gesundheitswesen ist im Grunde unersättlich», meinte ein deutscher Gesundheitsökonom, «und wird erst zufrieden sein, wenn es das gesamte Bruttosozialprodukt aufgefressen hat.» Von der Geburt bis zum Tod im Spital wäre das Endziel, aber ganz so heil kann ja die Welt doch nicht werden. Deswegen brauche es die Rationierungsdiskussion – aber schon wieder regt sich Empörung: Otto Piller, Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherung, sieht rot, wenn er von Rationierung hört.

SP-Topmann Franco Cavalli empfiehlt stattdessen Rationalisierung und den Abbau unnötiger Leistungen, aber darüber, was unnötig ist, kann man sich nicht einigen. Vor zweieinhalb Jahren veröffentlichte der Regierungsrat des Kantons Zürich eine Erklärung, dass die Rationierung im Gesundheitswesen unausweichlich und darum diskutierbar sei; diese Erklärung war ein einsamer, inzwischen verhallter Ruf in der Wüste. Ernsthafte Bemühungen, Gesundheitsleistungen gerecht zu verteilen und die Finanzierbarkeit zu erhalten, sind Selbstmordkommandos.

Lieber wird argumentiert, dass eine Rationierung zur Zwei-Klassen-Medizin führen würde. Dabei wird übersehen, dass alle Leistungen nach Viel-Klassen-Manier verteilt werden und glücklicherweise bei wirklich lebensbedrohlicher Situation klassenlos gehandelt wird – bei akuter Bedrohung sind der Clochard und der Bundesrat auf der Notfallstation gleich. Wenn Piller aber meint, es sei ihm egal, ob er von einem Assistenzarzt operiert werde oder vom erfahrenen Crack, so kann ich dies nicht ganz nachvollziehen.

Für emotional gefärbte Diskussionen und flackernde Feuer ist also weiterhin gesorgt. Gefragt aber wären mutige Politiker, die unbequeme und unpopuläre Dinge ansprechen und den Boulevard und die Abwahl nicht fürchten, also eine Contradictio in adjecto.
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