Die Herkunft von Jeffrey Epsteins Vermögen gibt seit Jahren Rätsel auf. Bevor er als Investmentbanker Schätzungen zufolge rund 600 Millionen Dollar anhäufte, arbeitete der Amerikaner als Mathematiklehrer. Neue Recherchen von NDR, WDR und «Süddeutsche Zeitung» liefern eine mögliche Antwort auf die Frage, wie der verurteilte Straftäter (1953-2019) zu seinem Vermögen kam. Doch die Frage beschäftigt Ermittler und Beobachter seit Jahren – und es kursieren verschiedene Theorien. Ein Überblick über die wichtigsten Ansätze.
1. Neue Spur: Steuertricks
In den Akten taucht ein Begriff immer wieder auf: «steuerlich absetzbar». Offenbar wusste Epstein genau, wie man Steuern spart – und verdiente viel Geld damit, dieses Wissen an andere Superreiche weiterzugeben. Einer seiner wichtigsten Kunden soll Leon Black, Mitgründer der Investmentfirma Apollo Global Management, gewesen sein. Ab 2012 liess sich Black von Epstein beraten, wie er sein Vermögen möglichst steuerschonend an seine Familie weitergeben kann.
Klar ist, dass Epstein pro Jahr hohe Summen von Black erhielt. Im Durchschnitt waren es zwischen 23 und 26 Millionen US-Dollar.
Besonders brisant: ein möglicher Steuertrick aus dem Jahr 2015. Black überwies offenbar zehn Millionen Dollar als «Spende» an eine gemeinnützige Organisation von Epstein – und konnte sie von der Steuer absetzen. Jahre später soll das Geld über eine andere Epstein-Firma wieder zu ihm zurückgeflossen sein. Vereinfacht gesagt: Steuern sparen, ohne das Geld wirklich loszuwerden.
2. Bekannte Namen als Geschäftsmodell
Seine Beratungstätigkeit für Superreiche spielt auch in der zweiten Theorie eine grosse Rolle. Neben Black als Kunde sticht vor allem Les Wexner (87), langjähriger Chef von Victoria's Secret, hervor.
Epstein verwaltete für die Milliardäre Vermögen, kümmerte sich um Nachlass- und Steuerplanung, Kunstsammlungen, Familienvermögen und Stiftungen. Allein durch diese Beratungsleistungen kassierte er Hunderte Millionen Dollar. Das Geld zahlte er sich teilweise selbst aus oder veruntreute hohe Summen. Untersuchungen unter anderem des US-Magazins «Forbes» zeigen, dass Wexner und Black zusammen über 75 Prozent von Epsteins Einnahmen ausmachten.
Epstein zählte in seinem Geschäftsmodell darauf, dass die Beziehungen zu bekannten und reichen Persönlichkeiten ihm weitere Kunden aus dem gleichen Segment verschaffen würden.
3. Umzug in die Karibik
Hinzu kamen extreme Steuervorteile: Epstein verlegte seine Firmen auf die Virgin Islands, wo Unternehmen unter bestimmten Bedingungen fast keine Steuern zahlen müssen.
2020 reichten die Virgin Islands eine Klage gegen die beiden Nachlassverwalter von Jeffrey Epstein ein. Er soll die Vorteile missbräuchlich genutzt haben. Epstein gab vor, eine Firma für Bioinformatik-Beratungen zu betreiben, um von den grosszügigen Steueranreizen der Inseln zu profitieren. Tatsächlich fehlten ihm und seinen Mitarbeitern dafür Ausbildung und Expertise – die Firma existierte nur auf dem Papier.
4. Schneeballsystem
Zuvor war Epstein offenbar auch Teil eines Schneeballsystems. Steven Hoffenberg, Ex-Chef der Firma Towers Financial Corporation, stellte Epstein Ende der 1980er-Jahre ein. Epstein habe sich dabei um den Aktienhandel gekümmert, Kurse manipuliert und illegal mit Aktien gehandelt, gab Hoffenberg später zu Protokoll. 1993 brach das System zusammen. Epsteins finanzieller Gewinn ist schwer abschätzbar. Angeklagt wurde er ebenfalls nicht, weshalb seine Rolle innerhalb des Komplexes unklar bleibt.
5. Erpressung
Eine weitere oft genannte Theorie ist, dass Epstein einen Teil seines Vermögens durch Erpressung einflussreicher Männer generiert haben könnte. Dies, indem er sie mit minderjährigen Mädchen in kompromittierende Situationen brachte – und daraus finanzielle Gefälligkeiten oder Investitionsmandate zog.
Die Erpressungsthese bleibt allerdings unbestätigt und wird in Untersuchungsberichten ausdrücklich als Spekulation respektive ungeklärter Teil seiner Geldquelle eingeordnet.
Ein vertraulicher Bericht der Deutschen Bank aus dem Jahr 2019, der NDR, WDR und «SZ» vorliegt, zeigt, dass die Bank kaum Hinweise auf Steuertricks oder die hohen Honorare von Leon Black fand. Auch Black liess seine Beziehung zu Epstein unabhängig prüfen: Die Kanzlei Dechert sichtete über 60'000 Dokumente und kam zum Schluss, dass Black Epstein ausschliesslich für Nachlassplanung und Steuerberatung bezahlte und keine Kenntnis von kriminellen Machenschaften hatte.
Dieser Artikel erschien zuerst bei Blick.
