Ein Jahr nach Ausbruch hat uns die Corona-Pandemie fest im Griff. Nun zeigt eine neue Studie der Konjunkturforschungsstelle der ETH, wie sich die Pandemie auf die Ungleichheit in der Schweiz auswirkt.

Das ernüchternde Ergebnis: Personen aus einkommensschwachen Haushalten haben nicht nur höhere Einkommensausfälle, sie haben sich auch vermehrt verschuldet – und es geht ihnen psychisch schlechter als Personen mit einem hohen Einkommen. Letztere sahen ihre Ersparnisse sogar wachsen. Wir sitzen längst nicht alle im selben Boot.

Auch global gesehen trifft es die Ärmsten am härtesten. Milliarden von Menschen leben in Ländern, die bereits vor dem Ausbruch von Covid-19 vom Kampf gegen Krankheit, Armut und Hunger geprägt waren.

Fortschritte in der Armutsbekämpfung akut bedroht

Dabei wurden in den letzten vierzig Jahren riesige Fortschritte in der Armutsbekämpfung erzielt: Zwischen 1981 und 2017 ist der Anteil der Menschen in absoluter Armut weltweit von 43 auf 9 Prozent zurückgegangen.

Isabel Martínez arbeitet an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, ein Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit liegt auf Verteilungsfragen. Die promovierte Ökonomin gehört dem internationalen Forschungsnetzwerk des Volkswirtschaftlers Thomas Piketty an, das eine Weltungleichheitsdatenbank aufbaut: WID.world.

Unterernährung ist von 19 auf 11 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist die Alphabetisierungsrate von 68 auf 86 Prozent gestiegen. Die Ausweitung der Schulbildung hat einen enormen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung, zur Gesundheit und zur Gleichstellung geleistet.

Die Pandemie droht nun diese hart erkämpften Fortschritte zunichte zu machen. Zum ersten Mal in vierzig Jahren dürfte die Zahl der in Armut lebenden Menschen weltweit steigen.

Viele Menschen essen weniger oder in minderer Qualität

In einer Umfrage von Alliance 2015 in 25 Entwicklungs- und Schwellenländern gaben 40 Prozent an, Lebensmittel von minderer Qualität oder generell weniger zu essen. 87 Prozent gaben an, ihr Einkommen sei gesunken, 50 Prozent haben sich deswegen verschuldet.

Neben den akuten Auswirkungen der Pandemie hat dies verheerende Folgen für das künftige Wachstumspotenzial. Bauern verkaufen Land, um kurzfristig an Geld zu kommen. Viele Kinder gehen nicht mehr in die Schule, weil sie den Eltern auf dem Feld helfen müssen, weil das Schulgeld fehlt oder weil die Voraussetzungen für Homeschooling nicht gegeben sind.

Zugang zu Bildung verschlechtert

Für 65 Prozent der Kinder und Jugendlichen hat sich der Zugang zu Bildung verschlechtert. Die Folgen für die späteren Arbeitsmarktchancen und für das Wachstumspotenzial ganzer Volkswirtschaften sind gravierend. Zudem ist zu befürchten, dass zur Bekämpfung von Covid-19 Gelder aus Projekten zur Bekämpfung von Krankheiten wie Malaria abgezogen werden.

Umso wichtiger ist es, dass wir über den eigenen Tellerrand hinausschauen.

Es braucht nicht nur in der Schweiz Mehrausgaben, um Härtefälle abzumildern und die tiefen Einkommen zu stützen. Auch die Entwicklungshilfe müsste jetzt verstärkt werden.

Einerseits um die erzielten Fortschritte zu sichern, anderseits um die Pandemie zu bekämpfen, indem Impfprogramme mitfinanziert werden. Die Pandemie ist ein globales Problem. Erst wenn wir sie im hintersten Winkel dieser Erde in den Griff bekommen, werden wir der Lage Herr. Diesbezüglich sitzen wir tatsächlich alle im selben Boot.