Die Hinrichtung von 47 Menschen in Saudi-Arabien droht die Spannungen in der Region zu verschärfen. Unter den Exekutierten ist auch der prominente schiitische Geistliche Scheich Nimr al-Nimr.

Sein Tod lenkt das Augenmerk auf die beiden grössten Glaubensrichtungen des Islam - die Sunniten und die Schiiten. Etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu gehören der Iran, der Irak und Bahrain. Im Bezirk Katif, wo Nimr herkommt, sowie in Bahrain gab es erste Demonstrationen gegen die Hinrichtung.

Kampf um Vorherrschaft

Bereits die Verhaftung von Nimr im Juli 2012 führte zu tagelangen Protesten, bei denen drei Menschen ums Leben kamen. Der Geistliche gehörte zu den führenden Kritikern der Regierung in Saudi-Arabien. Er forderte mehr Rechte für die schiitische Minderheit in dem Königreich, das sich als Schutzmacht der Sunniten sieht. Als Interessenvertreter der Schiiten betrachtet sich der Iran, der die Hinrichtung von Nimr scharf verurteilte. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten.

Streit über Nachfolge des Propheten

Die beiden Konfessionen entstanden im siebten Jahrhundert. Die muslimische Gemeinschaft spaltete sich im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed. Die Mehrheit der Muslime wollte damals einen geeigneten Kandidaten frei bestimmen. Die Minderheit dagegen verlangte, dass der Nachfolger aus Mohammeds Familie stammen müsse, und legte sich auf seinen Vetter Ali fest. Die Anhänger dieser Minderheit wurden «Schiat Ali», Partei Alis, genannt, woraus sich die Bezeichnung Schiiten entwickelte.

Streit wegen Märtyrerkult

Der Begriff Sunniten leitet sich von der Sunna ab, den Überlieferungen des Propheten. Die Sunniten lehnen die Heiligenverehrung und den Märtyrerkult der Schiiten strikt ab. Die Schiiten wiederum fühlen sich oft als Opfer der Sunniten.

Eine besonders konservative Strömung der Sunniten ist der Wahhabismus. Seine Anhänger betrachten Schiiten als Ketzer. Der Wahhabismus ist Staatsreligion in Saudi-Arabien.

Fortschritte im Schneckentempo

Trotz Bemühungen für eine Verständigung zwischen den beiden Religionsrichtungen sind Fortschritte dabei nur gering. Anhänger von Nimr betonten, dass der Geistliche darum bemüht war, einen Aufruf zur Gewalt zu vermeiden. Sollte es aber zu einem offenen Konflikt kommen zwischen der Führung in Riad und den Schiiten des Königsreichs, stünde er auf der Seite des Volkes, nie auf der der Regierung, sagte Nimr amerikanischen Diplomaten im Jahr 2008. Das geht aus Dokumenten hervor, die auf WikiLeaks veröffentlicht wurden.

Die saudische Polizei und das Gericht, das ihn Ende 2014 verurteilte, sah es jedoch als erwiesen an, dass Nimr im Auftrag des Irans Anstifter von Anschlägen in Saudi-Arabien war. Sowohl Nimr als auch der Iran haben jegliche Verbindung untereinander stets bestritten.

Neben dem 56-jährigen Geistlichen wurden drei weitere Schiiten und 43 andere Personen hingerichtet. Den meisten Exekutierten wurde die Beteiligung an Anschlägen der Islamistenorganisation Al-Kaida zwischen 2003 und 2006 vorgeworfen. Auch sie gehört zu den sunnitischen Islamistenbewegungen.

(reuters/chb)