Es ist ein alljährliches Ritual. Immer im Herbst steigen die Krankenkassenprämien und das Lamentieren beginnt. Journalistinnen und Journalisten schreiben von «Schmerzgrenzen», die erreicht seien, Parlamentarier und Parlamentarierinnen überbieten sich gegenseitig mit Sparvorschlägen, zeigen wahlweise mit dem Finger auf Ärzte und Ärztinnen, Spitäler oder Pharmakonzerne und decken die Verwaltung mit Vorstössen ein. Bis das Thema nach wenigen Tagen ebenso schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist, wie es aufgetaucht ist.

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Das war auch dieses Jahr nicht anders – obwohl die Prämien mit 6,4 Prozent im Durchschnitt deutlich mehr stiegen als in den vergangenen Jahren.

Der Spielraum der Politik ist begrenzt

Viel Lärm und dann ändert sich doch nichts – bei den Gesundheitskosten liegt das vor allem in der Natur der Sache. Denn auch wenn die Politik alles unternimmt, um den gegenteiligen Eindruck zu erwecken: Dass die Gesundheitskosten steigen, hat vor allem mit zwei Faktoren zu tun – der Alterung der Gesellschaft und der Verbesserung der therapeutischen Möglichkeiten. Hüftpatienten und Hüftpatientinnen, die mit achtzig noch fit und munter sind, bekommen heute womöglich nicht nur einmal in ihrem Leben wie früher, sondern zweimal ein neues Gelenk eingesetzt. Die junge krebskranke Mutter zweier kleiner Kinder, die vor ein paar Jahren noch innert weniger Monate gestorben wäre, überlebt heute dank neuer Krebstherapien womöglich mehrere Jahre oder wird im besten Fall wieder ganz gesund.

Der Handlungsspielraum der Politik ist begrenzt, wenn es um die Entwicklung der Gesundheitskosten geht. Es sei denn, man greift zu drastischen Massnahmen und deckelt die Gesundheitskosten, wie das etwa Grossbritannien bei seinem National Health Service (NHS) macht; mit dem Effekt, dass Krebspatientinnen und -patienten monatelang warten müssen, bis sie einen Operationstermin bekommen. Oder man fängt an, gewisse Leistungen herauszupicken, die nicht mehr von den Kassen vergütet werden. Doch ob das die Bevölkerung wirklich will? Denn auch das gehört zur Augenwischerei rund um die Gesundheitskosten: Die Krankenkassenprämien mögen zwar auf den Sorgenbarometern regelmässig ganz oben stehen. Wahr ist aber auch: Wenn aus Prämienzahlern und -zahlerinnen Kranke werden, dann wollen die meisten nur eines, möglichst gut medizinisch versorgt werden.

Zu dicke Bretter

Das heisst nicht, dass die Politik nichts tun kann. Ein elektronisches Patientendossier wäre ein Quantensprung beim Ziel, die Mittel im Gesundheitswesen effizienter einzusetzen. Doch da leistet man sich lieber einen jahrelangen Kompetenzstreit, als das Ganze einfach mal auf den Weg zu bringen. Mehr unternehmerischer Spielraum für die Spitäler würde die Gesundheitsversorgung ebenfalls effizienter machen. Die Mehrfachrolle der Kantone bei den Spitälern als Besitzer, Betreiber, Spitalplaner und wichtige Instanz bei der Festsetzung der Tarife ist ein Unding. Doch auch das ist ein dickes Brett.

Den schnellen Fix gibt es nicht bei der Gesundheitsversorgung. Zumal das System schon heute vielerorts am Limit läuft. Die wirtschaftliche Situation vieler Spitäler ist verheerend, und selbst gut aufgestellte Einrichtungen sind nicht mehr in der Lage, mit den aktuellen Tarifen kostendeckend zu arbeiten. Auch die Personalnot tut zunehmend weh. Wer heute in einem abgelegenen Tal im Bündnerland einen neuen Hausarzt oder eine neue Hausärztin sucht, der kann von Glück reden, wenn er fündig wird. Ganz abgesehen von der immer grösser werdenden Zahl an Pflegekräften, die in den Schweizer Kliniken fehlt, den vielen Physiotherapeutinnen und -therapeuten, die ihre Praxis zumachen und keinen Nachfolger finden. Gut möglich deshalb, dass wir uns schon bald mit Wehmut an die Zeit erinnern werden, als die steigenden Krankenkassenprämien bei der Gesundheitsversorgung unsere grösste Sorge waren.