Unter welchen Umständen würden Sie eine Erwerbsarbeit annehmen? Diese Frage stellte das Forschungsbüro Ecoplan tausend Frauen mit Kindern unter zwölf Jahren 2022 im Auftrag des Bundes. Die drei häufigsten Antworten waren: «familienfreundliche Arbeitsbedingungen» (47 Prozent der Befragten), «finanzielle Notwendigkeit» (45 Prozent) und «eine Stelle mit passenden Anforderungen» (40 Prozent). Erst an vierter Stelle folgte die Antwort «kein steuerlicher Nachteil» (28 Prozent).
Ähnlich war das Bild bei den erwerbstätigen Müttern – ihr Anteil unter den befragten Frauen betrug 77 Prozent. Auch bei ihnen stand der steuerliche Erwerbsanreiz erst an vierter Stelle. Zweck der Studie war, Grundlagen zu schaffen, damit Politik und Wirtschaft effiziente Massnahmen zum Wiedereinstieg von Müttern ins Erwerbsleben ergreifen können.
Die Ecoplan-Studie ist eine von mehreren Studien, die in den letzten Jahren zum Thema erschienen sind. Zu erwähnen sind auch die 2021 publizierte Studie von Sotomo «zum unausgeschöpften Potenzial hoch qualifizierter Frauen» und die Bundesstudie «Gesamtschau zur Förderung des inländischen Arbeitskräftepotenzials» von 2024. Fasst man die Erkenntnisse zusammen, ergibt sich folgendes Bild:
1. Die Einstellung
Frauen, die der Meinung sind, dass Kinder unter ausserfamiliärer Kinderbetreuung leiden, sind seltener erwerbstätig oder arbeiten in einem tiefen Pensum. Das Gleiche gilt für Mütter mit der Einstellung, dass das Kind sie als Hauptbezugsperson brauche. So steht es in der Ecoplan-Studie. Das Beratungsbüro hat neben Müttern auch Arbeitgeberverbände befragt. Aus deren Sicht ist die «Einstellung von Frauen gegenüber Erwerbsarbeit ein entscheidender Faktor», um sich beruflich stärker zu engagieren. Nur wenn diese sich verbessert oder die finanzielle Not gross ist, ergreifen Mütter einen Bezahljob oder erhöhen ihr Pensum. Westschweizerinnen haben weniger Bedenken, ihr Kind fremdbetreuen zu lassen, als Deutschschweizerinnen und Tessinerinnen. 42 Prozent der Befragten kündigten ihre Stelle für die Kinder.
2. Vereinbarkeit mit Job
Die Familienfreundlichkeit des Berufs steht weit oben als Kriterium zum frühen Wiedereinstieg oder zur Pensumserhöhung nach der Mutterschaft. «Frauen, die ihren Beruf als familienfreundlich einschätzen, sind eher erwerbstätig», so die Ecoplan-Studie. Frauen mit flexiblen Arbeitszeiten arbeiten häufiger mehr als solche, die sich die Zeiten nicht selber einteilen können. Als attraktiv gelten Jobs, die sich mit den Öffnungszeiten der Kindertagesstätten (Kita) vereinbaren lassen. Umgekehrt gilt das Arbeiten am Abend, in der Nacht und am Wochenende als unattraktiv. Dass im Detailhandel, im Gastgewerbe und im Gesundheits- und Sozialwesen viele Mütter arbeiten, hat mit dem hohen Angebot an Teilzeitstellen zu tun.
3. Richtiger Arbeitgeber
Seit dem Pandemieende verlangen immer mehr Arbeitgeber die Präsenz im Büro, nicht selten vier Tage in der Woche. Dieser Trend hindert Mütter mit jungen Kindern, sich beruflich stärker zu engagieren. Für Hochqualifizierte gilt Homeoffice als der wichtigste Faktor für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. 83 Prozent beurteilen das Arbeiten von zu Hause als positiv. Für viele hoch qualifizierte Frauen ist darüber hinaus wichtig, dass sie vom Arbeitgeber Verantwortung übertragen erhalten. 23 Prozent der Befragten der Sotomo-Studie gaben an, wegen fehlender Verantwortung wenig zu arbeiten.
4. Der richtige Beruf
Selbst wenn Mütter bereit sind, mehr zum Erwerb beizutragen, heisst das nicht, dass sie einen Job finden. Je mehr sie ein gesuchtes Berufsprofil haben, desto eher schaffen sie es. Sehr gesucht sind Spezialistinnen im Gesundheitswesen und in Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Kaum gesucht sind Büro- und Sekretariatskräfte. Dies zeigt das «Indikatorensystem Arbeitskräftesituation» des Bundes. Um mehr Chancen zu haben, müssen sie sich in begehrten Berufsprofilen weiterbilden.
5. Der richtige Partner
Während Mütter hauptsächlich aus «familiären Gründen» weniger arbeiten, also wegen Kinder- oder Verwandtenbetreuung, reduzieren Väter ihr Pensum kaum. Die Beschäftigungsrate von Männern ist seit dreissig Jahren fast unverändert hoch. Wenn Väter das Pensum reduzieren, dann überwiegend für mehr Freizeit und Erholung. So steht es in der Sotomo-Studie. Im Vergleich zu Müttern sehen nur halb so viele Väter eine veränderte Rollenverteilung zu Hause positiv. Väter erkennen «deutlich weniger die Notwendigkeit für Veränderungen zugunsten einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie». Anders gesagt: Wenn Frauen später ein hohes Pensum anstreben, müssen sie einen Partner finden, der sich auf eine geteilte Verantwortung für Haushalt und Kind einlässt.
6. Bildung und Normen
Frauen mit tiefem Ausbildungsniveau und solche aus Drittstaaten sind besonders wenig erwerbstätig im Vergleich zu Gebildeten und Schweizerinnen. Gleichzeitig sagen viele dieser Gruppe, dass sie gerne mehr arbeiten würden. «Hier liegt viel ungenütztes Potenzial», schreibt Ecoplan – auch weil etliche Branchen Geringqualifizierte suchen. Je grösser der Wunsch von Frauen ist, finanziell unabhängig zu sein, desto eher werden sie nach der Mutterschaft in einem hohen Pensum weiterarbeiten. Zudem gibt es eine Korrelation zwischen Bildung und externer Kinderbetreuung: Je gebildeter, desto weniger konservativ, desto weniger sieht man in der Fremdbetreuung ein Problem, das von der Erwerbstätigkeit abhalten würde.
7. Problemlose Fremdbetreuung
Eine passende familienexterne Kinderbetreuung zu finden, um beruflich zu arbeiten, hat laut den Studien drei Facetten: der einfache Zugang (zeitlich wie örtlich), die finanzielle Tragbarkeit und die steuerliche Abzugsfähigkeit der Betreuungskosten. Insbesondere sticht die Unterstützung durch Verwandte und Freundinnen hervor. «Wer diese Unterstützung als gut bezeichnet, ist als Frau mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit erwerbstätig», heisst es bei Ecoplan. Hingegen scheinen die «Verfügbarkeit, die Qualität oder die Kosten keinen signifikanten Einfluss darauf zu haben, ob eine Frau mit Kindern erwerbstätig ist», wie eine Erhebung zeigt. Bei Familien mit kleinen Einkommen ist die Bezahlbarkeit einer Kita ein wichtiges Kriterium, um ins Erwerbsleben zurückzukehren oder das Pensum aufzustocken, während dies bei hohen Einkommen kaum eine Rolle spielt. Dort wird Freizeit wichtiger.


