Die letzten Tage haben es deutlich gemacht: Amerika schadet sich in einem Ausmass selbst, wie wir uns das nie hätten vorstellen können. Allein schon die Tatsache, dass man von einem amerikanischen Angriffskrieg gegen den Iran reden muss, löst ein Gefühl der Bedrückung aus. Reden wir nicht auch von einem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine?
Dabei steht ausser Frage, dass das iranische Regime verabscheuenswürdig ist. Wäre eine solche Regierung mit atomaren Waffen ausgestattet, wäre das eine sehr ernst zu nehmende Bedrohung für die Welt. Ebenso steht ausser Frage, dass der Iran seit vielen Jahren den internationalen Terrorismus in grossem Ausmass finanziert. Ohne diese Regierung wären die Terrormilizen Hamas, Hisbollah und Huthi nur Randerscheinungen. Keine Frage, die Rolle des Iran im Geflecht der Autokraten ist bedeutsam. Drohnen für Russland, Öl für China. Keine Frage auch, dass sich die Mächtigen in diesem Geflecht von Intoleranz und Gewalt massiv bereichern.
Und dennoch: Der amerikanische Angriffskrieg ist vor allem eine Schwächung der USA und damit auch des Westens.
Der Gastautor
Der Ökonom Klaus Wellershoff ist Gründer und Verwaltungsratspräsident von Wellershoff & Partners.
Das fängt bereits in der amerikanischen Innenpolitik an. Die amerikanische Verfassung sieht aus gutem Grund vor, dass nicht eine Person einem anderen Land im Alleingang den Krieg erklären kann.
Die europäische Erfahrung mit Monarchen, die – aus welchen Gründen auch immer – Kriege vom Zaun gebrochen hatten, war damals eine Mahnung, die nichts an Aktualität verloren hat. Notwehr in einer akuten Bedrohungslage, bei welcher es auf Minuten, Stunden und Tage ankommt, war davon ausgenommen. Die Amerikaner haben gegen den Iran aber nicht kurzfristig in Notwehr gehandelt, sondern diesen Militärschlag wochenlang vorbereitet.
Amerikas politisches System kommt dadurch weiter ins Wanken. Was ist ein Parlament noch wert, wenn der Präsident im Alleingang Steuern in Form von Zöllen erheben und Kriege erklären kann und im Übrigen mit Dekreten regiert? Was ist eine Demokratie wert, wenn in Sachen Steuern der Oberste Gerichtshof an einem Tag dem Präsidenten sein Handeln verbietet und dieser am nächsten Tag die Steuern wieder einsetzen kann? Die Vereinigten Staaten sind in der grössten Verfassungskrise ihrer Geschichte angekommen.
Aber auch aussenpolitisch brennt es lichterloh: Der Iran-Krieg ist der dritte Vorfall in etwas mehr als zwei Monaten, der die Bündnispartner der Amerikaner brüskiert. So wenig, wie sich der US-Präsident um sein Parlament gekümmert hat, so wenig kümmert er sich um andere Staaten. Auch zehn Tage nach Kriegsbeginn ist niemandem klar, was das Kriegsziel ist oder wie das weitere Vorgehen gegen den Iran aussehen soll. Und doch verlangt Donald Trump Solidarität mit seinem Alleingang. Das kann und sollte niemand gutheissen.
Und schliesslich ist da die wirtschaftliche Lage. Die US-Konjunktur hat sich signifikant abgeschwächt. Das Wachstum der US-Wirtschaft hat sich halbiert. Im vierten Quartal des letzten Jahres war die Beschäftigung rückläufig. Der Überfall auf den Iran und seine Auswirkung auf die Energiepreise drohen nun die US-Wirtschaft in die Rezession zu schicken.
Gleichzeitig steigen die Zinsen. Ein Albtraumszenario für die sehr teuer bewerteten US-Aktienmärkte. Manche sagen, dass der Zinsanstieg am Anstieg von Inflationserwartungen liegt. Dagegen spricht, dass auch die Zinsen auf inflationsgeschützte Anlagen deutlich angezogen haben. Was bleibt dann als Erklärung? Die Welt verliert ihr Vertrauen in Amerika als Schuldner. Wen wunderts?
