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Der Klimawandel als Chance für die Schweizer Wirtschaft

Der Klimawandel als Chance für die Schweizer Wirtschaft
Windrad in den USA: Erneuerbare Energien werden günstiger. Keystone

Die Pariser Konferenz soll einen Durchbruch bei der Klimapolitik bringen. Ein globaler Paradigmenwechsel steht an. Die Schweizer Wirtschaft kann davon profitieren.

Von Simon Schmid
11.11.2015, Aktualisiert vor 17 Stunden

Ausdrücke wie «Megatrend» sind eigentlich ein No-Go. Doch beim Klimawandel drängen sich Superlative auf. Kein anderes Thema wird die Welt im 21. Jahrhundert stärker beschäftigen als die Veränderung der Temperaturen, Winde, Wassermassen und Witterungen. Kein anderer Faktor wird die Wirtschaft derart prägen wie die menschengemachte Erderwärmung. Industrien werden umgepflügt und Geschäftsmodelle auf den Kopf gestellt, wenn die Menschheit mit ihrer ultimativen Lebensgrundlage ringt: mit dem Klima.

Die Schweiz kann diesen Prozess mitgestalten, von den Entwicklungen profitieren. Doch unter welchen Vorzeichen? Wo soll die Schweiz vorangehen, wo sich zurückhalten? Dieser Text umreisst wichtige Rahmenbedingungen in Form von sechs Thesen – als Auftakt zu unserer Serie über den Klimawandel.

1. Paris ist ein Meilenstein, aber Paris reicht nicht

Das Kürzel COP21 steht für grosse Hoffnungen. Wissenschafter, die im globalen Verbund jahrelang das Klima erforscht haben, erwarten, dass die Politik an der 21. UNO-Klimakonferenz ( «Conference of the Parties») in Paris endlich Nägel mit Köpfen macht.

Die Chancen dafür stehen besser als je zuvor. Im Vorfeld der Konferenz haben bereits 125 Nationen individuelle Klimaziele formuliert. Selbst Länder wie die USA und China, die zuvor abseits standen, machen mit. Laut den aktuellen Zahlen der UNO würden beim derzeitigen Eingabestand bis 2030 jährlich 3,7 Gigatonnen an CO2-Emissionen wegfallen.

Ein Fortschritt – doch die Zusagen genügen nicht. Sie würden höchstens reichen, um den Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter auf 2,7 Grad Celsius zu bremsen. Als Richtgrösse gelten aber 2 Grad Celsius. Gemäss dem Weltklimarat der UNO (IPCC) wird die Anpassung an den Klimawandel bei einem höheren Anstieg in vielen Teilen der Welt nicht mehr möglich sein.

Forscher wie der Berner Uniprofessor Thomas Stocker, bis vor kurzem Co-Präsident der Arbeitsgruppe I des IPCC, pochen deshalb auf kontinuierliche Efforts. «Man wird sich über die Konferenz von Paris hinaus auf einen wiederkehrenden Prozess einigen müssen», sagt er, «bei dem Staaten im Mehrjahresrhythmus schrittweise ehrgeizigere Ziele bekannt geben.»

2. Ambitionierte Ziele sind im Interesse der Schweiz

Die Forderung betrifft primär Verschmutzer wie China und die USA, die pro Kopf zwei- bis dreimal so viel CO2 ausstossen wie die Schweiz. Doch auch die Eidgenossenschaft ist betroffen. Ihr Ziel, die Emissionen bis 2030 um 50 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, ist laut Stocker weniger sportlich, als es den Anschein macht. «Meint man es ernst mit der 2-Grad-Marke, so wird auch die Schweiz in den kommenden zehn Jahren nachbessern müssen.»

Ökonomisch gesehen ist der Treibhauseffekt ein Allmende-Problem: CO2-Verbraucher nutzen die Atmosphäre als Mülldeponie, ohne die Kosten der Verunreinigung zu tragen. Einigt sich die Welt, diese Kosten auf die Verursacher abzuwälzen, ist dies im Interesse der Schweiz. «Je mehr sich die Politik in den USA und in China jener in Europa annähert, desto ausgeglichener wird der Wettbewerb», sagt Beat Hintermann, Umweltökonom an der Universität Basel.

Dass die fortgeschrittenen Länder im Vergleich zu den Entwicklungs- und Schwellenländern einen grös seren Effort leisten, ist laut dem ETH-Ressourcenökonomen Lucas Bretschger unvermeidlich. Nur so liessen sich die Koordinationsschwierigkeiten, die dem «grössten Marktversagen aller Zeiten» zugrunde liegen, international letztlich lösen.

Klimawandel Die Erde wird immer wärmer. Diesen Dezember diskutiert die Welt in Paris, wie sie den Temperaturanstieg bremsen will. Es ist die wichtigste Konferenz seit 2009. Was dort beschlossen wird, trifft auch die Wirtschaft: Für sie ist der Klimawandel ein Risiko und eine Chance zugleich. Welche Folgen sich für Schweizer Firmen ergeben, beleuchtet die «Handelszeitung» in einer siebenteiligen Serie.
Teil 1: Der Klimawandel als Chance für die Schweizer Wirtschaft
Teil 2: Pflanzen-Stress: Apps gegen den Klimawandel
Teil 3: Klimarisiken: Wenn es Geld statt Wunschwetter gibt
Teil 4: «Sommerfrisch»: Sanftes Klima als Standortvorteil
Teil 5: Das grosse Reinemachen bei der Klimatechnik
Teil 6: Energie aus neuen Quellen
Teil 7: Die Schlüsselrolle der Banken
 

3. Das Klima-Flickwerk ist die zweitbeste Lösung

Das unschöne an der Klimapolitik ist: Die ökonomisch saubersten Massnahmen sind politisch am schwierigsten durchzusetzen - auch in der Schweiz. Mit der CO2-Abgabe auf Heizöl, dem Emissionshandelssystem für Unternehmen, den Subventionen im Rahmen des Gebäudeprogramms, der kostenlosen Einspeisevergütung (KEV) und weiteren Regeln existiert hierzulande ein Flickenteppich verschiedener Instrumente zur CO2-Reduktion.

Das Herumdoktern ist ineffizient und läuft Gefahr, einzelne Interessengruppen zu bevorteilen. Immerhin, meint der grünliberale Nationalrat Jürg Grossen, sei das Potpourri aber besser als gar nichts. Wie mancher Beobachter hält auch er eine einfache, aber universale Lenkungsabgabe auf CO2 an sich für die beste Lösung. Ein entsprechender Vorschlag des Bundesrats ab 2021 gilt jedoch als politische Totgeburt.

Die Folgerung für Firmen lautet: Sich mit bestehenden Settings arrangieren. Und damit rechnen, dass in der Schweiz - und im Rest der Welt – der CO2-Ausstoss mit der Zeit dennoch teurer wird. Grösster Hebel ist der Verkehr: Anders als beim Heizöl hat der inländische Ausstoss zuletzt nicht ab-, sondern zugenommen. CO2-arme Mobilität ist die Zukunft: Bereits «deutlich vor 2100» müsse die Menschheit ohnehin auf fossile Brennstoffe verzichten, schreibt der ETH-Professor Anthony Patt – und zwar komplett.

4. Vergiss das Öl: Es muss unter der Erde bleiben

Die Absage ans Öl erfolgt nicht wegen der Knappheit (die Reserven reichen für 53 Jahre), sondern wegen des Klimas: Das Emissionsbudget der Erde, das sich aus dem 2-Grad-Ziel ergibt, ist schon in «20 bis 30 Jahren» aufgebraucht. Dies schreiben die deutschen Klimaforscher Ottmar Edenhofer und Axel Ockenfels.

Grosse Teile der Erdölvorräte werden also unter der Erde bleiben müssen. Abgesehen davon ist wenig klar. Die meisten Energieträger sind nicht eindeutig «gut» oder «schlecht». So etwa Gas: Weniger schädlich als Kohle, soll der fossile Rohstoff in den nächsten Jahrzehnten eine wichtige Brückenfunktion wahrnehmen. «Gas is king», heisst es dazu bei McKinsey. Auch die Atomkraft könnte sich laut der Beraterfirma als Überraschungsgewinner entpuppen.

5. Die Technik überholt die Vorstellungen - immer

Auch von McKinsey stammt die folgende Einsicht: Der Fortschritt läuft stets rasanter als die Gesellschaft denkt. So rechneten die Berater vor acht Jahren selbst noch damit, dass die Kosten von Solarpanels bis 2030 auf 2.40 Dollar pro Watt fallen würden. Inzwischen geht man bereits für 2020 von 1.60 Dollar aus.

Der technologische Fortschritt ist ein Schlüsselfaktor. Er lässt den Kampf gegen die Klimaerwärmung nicht nur als Kostenpunkt erscheinen, sondern zahlt sich für Produzenten und Konsumenten unmittelbar aus. Gebäudeisolationen, Beleuchtungen, Wasserheizungen und Verbrennungsmotoren sind laut McKinsey die Bereiche, wo die geringsten Nachrüstungskosten das grösste CO2-Sparpotenzial aufweisen. «King» ist also auch, wer in diesen Domänen effiziente Systeme entwickeln und dem Weltmarkt anbieten kann.

Fortgeschrittene Länder wie die Schweiz haben die Entkopplung bereits geschafft: Der Link zwischen Wirtschaftswachstum und CO2-Ausstoss ist durchbrochen. Nicht so die Schwellenländer. Wissenschafter wie Anthony Patt sehen denn auch in den Finanzierungshilfen für arme Länder den eigentlichen Durchbruch. Die 100 Milliarden Dollar pro Jahr, die Industrieländer ab 2020 versprochen haben, sollen die Implementierung klimaschonender Technologien dort ins Rollen bringen.

6. Smarte Regulierungen fördern die Innovation

Der Realitätscheck im Jahr 2015 ist eine Ernüchterung. Die globalen Treibhausgasemissionen sind höher als je zuvor. Seit 2005 gingen auf der Welt dreimal mehr Kohlekraftwerke ans Netz als in den Jahrzehnten zuvor. Eine Tonne CO2 kostet im europäischen Handelssystem nicht 30, sondern bloss 8 Euro. Deutsche Konsumenten zahlen Milliarden, um die Energiewende zu finanzieren. Alles umsonst?

Nicht unbedingt. Der Blick in die Welt zeigt auch, dass der Klimazug inzwischen abgefahren ist - wenn auch mit Verspätung. «Deutschland hat die Lernkurve der Wind- und Photovoltaik weitgehend finanziert», sagt der einstige geschäftsführende Direktor der Weltbank, Caio Koch-Weser, der heute für die Deutsche Bank tätig ist. Der politische Wille sei heute vorhanden, der Erderwärmung entgegenzuwirken.

Neben den grossen Blöcken finden sich Staaten wie die Schweiz in einer Doppelrolle. Einerseits tragen sie ihren eigenen Teil zur CO2-Reduktion bei. Der Auftritt als Vorbild kann dabei Goodwill schaffen: So war die Schweiz das erste Land, das vor Paris ein konkretes Ziel bekannt gab. Anderseits sind solche Länder ökonomische Akteure, die ihren Firmen und Konsumenten vorteilhafte Bedingungen verschaffen wollen.

Die beiden Ziele widersprechen sich je länger, je weniger. Je mehr sich Firmen im nationalen Kontext mit Energiefragen auseinandersetzen müssen – sei es bei Smart Grids, Green Bonds, Gebäudetechnik oder Elektromobilität – , desto mehr wird das hiesige Knowhow auch international gefragt sein.

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