Bundesrat-Bashing ist einfach und in der Schweiz äusserst populär. Dass ausländische Staatsleute und sogar der amerikanische Präsident Donald Trump unsere Politiker so sehen wie wir, hat uns aber schon ein wenig gekränkt. Warum eigentlich? Und, sollten wir das mit der Politikerschelte nicht auch sein lassen?

Überhaupt war das World Economic Forum (WEF) stark mit Emotionen beladen. Die ganze Welt zitterte, hoffte, fürchtete und war schliesslich erleichtert darüber, dass Trump auf der Schussfahrt in Richtung eines militärischen Konflikts mit Europa noch eine 180-Grad-Wende zustande brachte.

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Und was bleibt? Die einfache Erkenntnis, dass wir uns weniger mit den anderen und dafür mehr mit uns beschäftigen müssen. Wir können weder Trump noch Putin, noch Xi oder die EU verändern.

Der Gastautor

Der Ökonom Klaus Wellershoff ist Gründer und Verwaltungsratspräsident von Wellershoff & Partners.

Das Einzige, was wir ändern können, sind wir selbst. Und da gäbe es genug zu tun, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Das Erfolgsmodell Schweiz muss sich anpassen, um in der neuen Welt, in der mehr und mehr die Macht des Stärkeren gilt und immer weniger das vertraglich Vereinbarte, weiterhin in Freiheit und Wohlstand überleben zu können. Wir müssen unsere Prioritäten diskutieren und neu setzen.

Unser wirtschaftliches Erfolgsmodell beruht auf Eigentumsgarantie, Selbstverantwortung, sozialer Sicherheit und einer starken Orientierung an den Märkten der Welt. Wir müssen aufhören, an diesen Grundpfeilern unseres Erfolgs zu sägen. Und in der Aussenwirtschaft müssen wir uns mehr auf die stark wachsenden Märkte Asiens konzentrieren. Und Europa bleibt, ob wir es wollen oder nicht, auf Jahrzehnte hinaus unser wichtigster Handelspartner.

Im Inland gilt es, wieder zu Produktivitätswachstum in der Wirtschaft zu kommen. Ohne die von den USA direkt zur Abwanderung aufgeforderte Pharmaindustrie steigt unsere Arbeitsproduktivität in der Schweiz seit Jahren nicht mehr. Warum? Weil die Politik uns Unternehmern immer mehr Arbeiten vorschreibt, die für den Kunden irrelevant sind.

Trend zu immer kürzerer Arbeitszeit stoppen

Und schliesslich müssen wir den Trend zu immer kürzerer Arbeitszeit stoppen. Nicht weil wir es uns nicht gönnen, weniger zu arbeiten. Sondern ganz einfach, weil wir uns ohne monetisierte Einkommen, die man besteuern kann, unseren Sozialstaat nicht mehr leisten können. Nullwachstum und Ausbau der sozialen Sicherung gehen nicht zusammen.

Unsere Aussen- und Sicherheitspolitik taumelt in Ratlosigkeit vor sich hin. Wer kann ernsthaft glauben, dass wir unsere Neutralität in Europa aufrechterhalten können, wenn wir nur 1 Prozent unseres Volkseinkommens für die Landesverteidigung aufbringen? Das böse Wort des Trittbrettfahrers Schweiz macht die Runde. Unsere Nachbarn, deren fiskalische Spielräume angesichts der neuen Herausforderungen auch aufgebraucht sind, werden uns das zu Recht nicht durchgehen lassen.

Die Liste der Herausforderungen ist lang. Dazu gehören sicher auch der Klimawandel, die Stromversorgung und unsere zukünftigen Bildungseinrichtungen. Es gibt viele Dinge, die wir tun sollten. Die brutale Wahrheit ist aber: Wir werden uns nicht alles leisten können.

Deswegen braucht es eine neue Debatte über die Prioritäten in unserer Politik. Der Fundamentalismus der Debatten der letzten Jahre wird uns nicht weiterbringen. Die Polarisierung unserer Politik vernichtet das Fundament der Gesellschaft. Was zählt, sind Realismus, Geschwindigkeit und eine vorwärtsgerichtete Kompromisskultur. Schaffen wir das nicht, ist nicht nur der Spott des Auslands gerechtfertigt. Unsere politische und wirtschaftliche Existenz wird infrage gestellt.