Welche Rolle nehmen Staaten am besten ein, wenn sie Innovationen fördern und neue Industrien zum Leben erwecken wollen? Traditionell bedienen sie sich dafür der Subventionen und Förderungen. Sie schütten Geld an Auftragnehmer aus und hoffen, dass ihr Geld gut angelegt wird und den versprochenen Nutzen schafft. Doch diese Strategie weist eine gemischte Erfolgsbilanz auf. Manchmal gelingt sie, wie etwa beim amerikanischen Apollo-Programm, das während seiner Laufzeit von etwa zehn Jahren zwar 4 bis 6 Prozent des Bruttosozialprodukts kostete, dafür aber tatsächlich Menschen auf den Mond brachte. Oft genug scheitern solche Vorhaben jedoch, wie etwa bei den Versuchen, Magnetschwebebahn, Supercomputer oder Chipindustrie in Europa zum Welterfolg zu verhelfen.

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Der Gastautor

Christoph Keese ist Verwaltungsratspräsident von World.Minds sowie Unternehmer aus Berlin. Der Autor von sechs Büchern schreibt monatlich in der «Handelszeitung».

Eine Alternative zum dirigistischen Ansatz entsteht, wenn der Staat eine neue Rolle einnimmt: nicht die des Finanziers, sondern die des Kunden. Wenn er nicht als Systemführer und Wohltäter auftritt, sondern als aufgeschlossener Einkäufer, der für sein Geld präzise definierte Gegenleistungen erwartet. Wenn er Millionen nicht in Firmenanteile oder Förderprogramme investiert, sondern in den Ankauf von Produkten moderner, technologiestarker Unternehmer. Mit einer solchen Strategie kann er die Kraft privaten Kapitals entfesseln.

Warum? Weil private Investoren wenig Anlass sehen, gemeinsam mit dem Staat in riskante Projekte zu investieren – sie dürfen ja davon ausgehen, dass der Staat es auch ohne sie tun würde. Also verlegen sie sich darauf, Staatsgeld in ihre Kassen zu lenken, statt selbst mit zu investieren. Tritt der Staat hingegen als Kunde auf, reissen sie sich oft darum, Anteilseigner der beauftragten Firmen zu werden und ihnen Wachstumskapital zur Verfügung zu stellen. Investoren lieben Staatsaufträge, verachten aber insgeheim die Staatssubventionen. Setzt der Staat sein Geld klug zum Kauf von Produkten ein, weckt er damit das Interesse von Investoren in Firmenanteilen. 

Die junge europäische Raumfahrtindustrie zeigt dies: Überall dort, wo der Staat Satelliten und Raketenstarts kauft, lösen seine Aufträge Folgeinvestitionen vom Zehn- bis Dreissigfachen der Auftragssumme aus. Das ist meistens besser, als direkt in die Aktien der beteiligten Firmen zu investieren. Und es zeigt drei hochgradig erwünschte Nebeneffekte: erstens eine höhere Geschwindigkeit. Wenn der Staat Aufträge vergibt, bricht Wettbewerb um diese Aufträge aus. Wettbewerb versetzt den Markt in Schwung; verschiedene Teilnehmer wetteifern um Schnelligkeit und Vorsprung. Zweitens eine höhere Qualität. Je mehr Wettbewerb auf einem innovativen Markt herrscht, desto intensiver bemühen sich die Anbieter darum, ihre technische Qualität und Innovationskraft zu steigern. Würde der Staat direkt in ihr Eigenkapital investieren, sähen sie weitaus weniger Anlass im Ringen um Effizienz. Drittens ein besseres Kostenbewusstsein. Überweist der Staat Millionen als Förderung, Subvention und Eigenkapital, gibt es wenig Anlass, streng auf die Kosten zu schauen. Tritt er hingegen als aufgeschlossener, aber anspruchsvoller Kunde auf, entsteht normaler marktwirtschaftlicher Kostendruck.

Derzeit fliessen die meisten staatlichen Gelder für moderne Technologien in Europa leider noch auf traditionellem Weg in Subvention und Förderung. Es ist Zeit für eine Umkehr – ermutigt durch die vielen, aber immer noch kleinen Vorbilder, zum Beispiel bei den Themen Luftfahrt, Raumfahrt, Kernforschung oder Quantencomputing.

Das Gebot der Stunde heisst: Die Hebelkraft von Aufträgen einsetzen, um privates Kapital zum Wohl von Wachstum und technischem Fortschritt zu mobilisieren. Dies gelingt am besten mit dem Staat in der Rolle des Kunden.