Die Corona-Krise hat gezeigt, wie sehr wir für eine zielgerichtete Politik auf verlässliche Daten angewiesen sind. Das gilt für die Wirtschaftspolitik genauso wie für die Gesundheits- oder Klimapolitik. Zu Beginn der Krise fehlten zeitnahe Wirtschaftsdaten, Daten aus dem Gesundheitsbereich wurden per Fax übermittelt – ein Gerät, das meine Generation mehrheitlich vom Hörensagen kennt.

Isabel Martínez arbeitet an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, ein Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit liegt auf Verteilungsfragen. Die promovierte Ökonomin gehört dem internationalen Forschungsnetzwerk des Volkswirtschaftlers Thomas Piketty an, das eine Weltungleichheitsdatenbank aufbaut: WID.world.

Neue, kurzfristige und gleichzeitig verlässliche Wirtschaftsindikatoren entwickeln zudem auch die besten Ökonominnen und Ökonomen nicht über Nacht – erst recht nicht, wenn dazu erforderliche Daten aus Unternehmen oder von Behördenseite fehlen und die nötigen Ressourcen von der Politik nicht zur Verfügung gestellt werden.

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Immerhin hat die Schweiz jetzt ebenfalls einen Index zur wöchentlichen Wirtschaftsentwicklung, wenn auch rund ein halbes Jahr nach Deutschland, Österreich oder den USA.

«Steuerstatistiken, die nach Arbeits- und Kapitaleinkommen unterscheiden, sind hier nicht verfügbar – weil es am politischen Willen fehlt.»

Letzte Woche hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) das Bruttoinlandprodukt für das dritte Quartal 2020 veröffentlicht. Seit Jahren ist die Schweiz hier mit einer beachtlichen Verspätung unterwegs: Während in den meisten entwickelten Volkswirtschaften 30 bis 45 Tage nach Ende des Quartals erste provisorische Berechnungen vorliegen, wird in der Schweiz nur die reguläre Quartalsrechnung veröffentlicht – und zwar 60 Tage nach Ende des Quartals. Will heissen: Am 1. Dezember haben wir ein Bild davon, wie der Spätsommer war, als wir noch in den Eisdielen Schlange standen und am Wochenende zum Wandern in die Berge fuhren.

Schuld daran sind jedoch nicht träge Beamte beim Seco, sondern – Sie ahnen es – die fehlende Verfügbarkeit der Daten, um erste provisorische BIP-Zahlen zu berechnen.

Bestimmte Daten werden in der Schweiz gar nicht erst verfügbar gemacht. So berechnen Ökonominnen und Ökonomen für eine Vielzahl von Ländern bereits sogenannte Distributional National Accounts. Diese folgen dem international etablierten System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, wie wir sie kennen, aber die Komponenten des BIP und das BIP-Wachstum werden auf die Einkommensverteilung umgemünzt. Damit wird ersichtlich, welche Einkommensgruppen vom Wirtschaftswachstum profitierten – eine wichtige Information für die Politik.

Ideologischer Schatten

Leider ist die Schweiz auch hier ein weisser Fleck auf der Landkarte. Der Hauptgrund: Steuerstatistiken, die nach Arbeits- und Kapitaleinkommen unterscheiden, sind hier nicht verfügbar. Nicht weil die Daten nicht existieren – schliesslich füllen wir alljährlich unsere Steuererklärung aus –, sondern weil es am politischen Willen fehlt.

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Evidenzbasierte Politik führt zwar zu besseren Ergebnissen, verlangt aber auch, dass Entscheidungsträgerinnen über ihren ideologischen Schatten springen können. Der Föderalismus erschwert den Datenaustausch zusätzlich. Ohne Daten zwingen wir die Politik aber unnötig zum Blindflug und wichtige Forschungsfragen bleiben unbeantwortet.

Ich wünsche mir deshalb, dass Bund und Kantone mehr in das Gold des 21. Jahrhundert investieren und ihre Datenschätze heben.