Mit der Abstimmung zur Individualbesteuerung geht es um einen epochalen Systemumbau in der Besteuerung natürlicher Personen in der Schweiz. Dass mit der Individualbesteuerung die Gleichstellung der Geschlechter gefördert wird, kann sein. Dass damit auch die Erwerbsanreize gestärkt werden und sich der teure Systemumbau sozusagen von selbst finanziert, ist hingegen reine Spekulation.
Die Individualbesteuerung wird nämlich auch als ökonomisches Wundermittel verkauft: Sie soll den Fachkräftemangel lindern, die Zuwanderung dämpfen, die Erwerbsbeteiligung erhöhen und insbesondere gut qualifizierte Frauen zu mehr Arbeit motivieren. Doch ein nüchterner Blick auf die Trends der letzten Jahrzehnte legt nahe: Diese Rechnung wird nicht aufgehen. Im Gegenteil – das Arbeitsvolumen droht weiter zu sinken.
Umfragen zeigen, dass hochgerechnet über eine Million Erwerbstätige weniger arbeiten möchten: Diese geben an, heute mehr zu arbeiten, als sie eigentlich möchten. Dabei geht es ihnen meist um eine bessere Work-Life-Balance, was zu Deutsch nichts anderes heisst als mehr Freizeit. Fast zwei Drittel der Beschäftigten würden ihr Pensum gerne reduzieren, wenn es die Umstände zulassen würden. Mehrarbeit und Mehrverdienst empfinden sie nicht zwingend als Wohlstandsgewinn.
Boris Zürcher war bis Ende 2024 Direktor für Arbeit beim Seco und ist regelmässig Gastautor der Handelszeitung.
Ökonomisch lässt sich das gut mit der rückwärtsgeneigten Arbeitsangebotskurve erklären. Für breite Teile der Mittelschicht und insbesondere für Besserverdienende ist der Punkt erreicht, an dem zusätzliches Einkommen nicht zu mehr Konsum, sondern zu mehr Nachfrage nach Freizeit führt. Steigen die Nettoeinkommen weiter – zum Beispiel durch steuerliche Entlastungen oder staatliche Subventionierung der Kinderbetreuung – verstärkt sich genau dieser Einkommenseffekt.
Befürworter argumentieren, die Reform beseitige eine «Erwerbsfalle» für Zweitverdienende. Das ist nicht falsch – aber unvollständig. Die Individualbesteuerung und die Kita-Vorlage entlasten auch Haushalte, die bereits hohe Pensen leisten. Für sie bedeutet die Reform vor allem eines: mehr finanziellen Spielraum, um das Arbeitspensum zu senken. Wenn eine Familie dank tieferer Steuern und geringerer Fixkosten für die Kinderbetreuung mit 90 statt 100 Prozent dasselbe Nettoeinkommen erzielt, ist die ökonomisch rationale Entscheidung klar. Die Folge ist nicht ein zusätzliches Arbeitsangebot, sondern ein geringeres.
Damit wird die Individualbesteuerung zu einem teuren Experiment mit einem unklaren Ausgang. Bund und Kantone verzichten auf über 600 Millionen Franken Steuereinnahmen – in der Hoffnung, dass daraus einmalig bis zu 44'000 vollzeitäquivalente Arbeitsvolumen entstehen. Angesichts der klaren Präferenz der Bevölkerung für kürzere Arbeitszeiten ist das optimistisch. Wahrscheinlicher ist ein Nullsummenspiel oder gar ein negativer Effekt: Teilzeitarbeitende erhöhen ihr Pensum leicht, während die überbeschäftigte Mehrheit stärker reduziert. Netto sinkt das Arbeitsangebot.
Eine steuerliche Entlastung natürlicher Personen wäre wünschenswert. Das wird aber nicht eintreffen: Denn schon laufen Diskussionen um eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Finanzierung der 13. AHV-Rente und der Mehrausgaben für die Sicherheit. Der staatliche Fussabdruck und die Steuerbelastung der Bevölkerung werden unter dem Strich kaum sinken.
Die Individualbesteuerung mag gleichstellungspolitisch attraktiv sein. Ökonomisch aber ist sie ein riskantes Unterfangen. Wer wirklich mehr Beschäftigung will, sollte nicht darauf setzen, dass Menschen gegen ihren erklärten Wunsch nach mehr Freizeit und besserer Work-Life-Balance handeln. Sonst kauft sich der Staat für viel Geld genau das Gegenteil dessen, was er verspricht: weniger Arbeit, nicht mehr.
