Die Schweiz und Israel sind beide auf ihre Unabhängigkeit bedacht und sehr kompetitiv. Wo sehen Sie Möglichkeiten zu einer vertieften Zusammenarbeit?
Eli Cohen: Die Schweizer und die israe­lische Wirtschaft haben viele Gemeinsamkeiten. Beide sind kleine und fortschritt­liche Volkswirtschaften, die auf Innovation und Technologie sowie auf dem internationalen Handel als Mittel für wirtschaftliches Wachstum setzen. Daher ist es nicht überraschend, dass wir in den letzten Jahren eine noch engere und tiefere Zusammenarbeit zwischen schweizerischen und is­raelischen Unternehmen erleben, die auf gegenseitigen technologischen Interessen ­beruht.

Welche sind das?
Allen voran sind das Cybersicherheit, Lebensmitteltechnologie, digitale Medizin und Technologien für das Immobilien­management.

Wer trägt was wozu bei?
Während Israel sehr stark in Innovation und technologischem Unternehmer­tum ist, zeichnen sich Schweizer Unter­nehmen durch langfristige Planung und strategisches Management globaler Geschäfte aus.

Können Sie Beispiele nennen?
Im August 2019 eröffneten die SBB ein Scouting-Büro in Tel Aviv, um israelische Innovationen in Bereichen wie intelligente Mobilität oder Cybersicherheit zu erschliessen. Die Migros hat letztes Jahr hier in zwei Startups investiert. Und es gibt weitere Beispiele im Bankwesen und in der Informations- und Kommunikationstechnik.

Finden Israel und die neutrale Schweiz auch auf der internationalen Bühne zusammen?
Beide Länder arbeiten im Rahmen der WTO-Verhandlungen in vielen Fragen eng zusammen. Beide sind Mitglieder von informellen Gruppen in der WTO wie den sogenannten Friends of the System, der G10 und der Friends of Antidumping Negotiations.

Der Minister

  • Name: Eli Cohen
  • Funktion: Minister für Wirtschaft und Industrie von Israels amtierender Regierung unter Premier Benjamin Netanjahu, Mitglied des Sicherheitskabinetts und Mandatar der Knesset, des israelischen Parlaments in Jerusalem
  • Alter: 47
  • Familie: verheiratet, vier Kinder
  • Ausbildung: Militärlaufbahn bei den israelischen Streitkräften IDF bis zum Major, Master-Studium an der Tel Aviv University in Finanzierung und Buchhaltung
  • Karriere:
    • seit 2017: Minister für Wirtschaft und Industrie der 34. Regierungsperiode
    • Parlamentsvorsitzender des Reformkomitees
    • Mitglied des Finanzkomitees
    • Mitglied des Komitees für das Verteidigungsbudget
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Die Schweiz ist zudem ein neutraler ­Vermittler zwischen den USA und Iran. Parallel dazu setzt sich die Schweiz aber für Alternativen im Zahlungsverkehr ein, um den Handel mit Iran zu erleichtern und US-Sanktionen so zum Teil ausser Kraft zu setzen. Ein Problem für Israel?
Iran arbeitet an der Herstellung von Atomwaffen und stellt damit eine Bedrohung nicht nur für Israel, sondern für die ganze Welt dar. Iran hat seine Absichten vor und während der Verhandlung des Atomabkommens verheimlicht. Israel ist aber in den Besitz der Archive Irans gekommen, wodurch dessen wahre Atomabsichten ans Licht kamen.

In Europa wird dieses Vorgehen kritisiert und angezweifelt.
Iran verstösst seit geraumer Zeit gegen das Nuklearabkommen mit dem Ziel, nuk­le­a­re Sprengköpfe herzustellen. Gleichzeitig hat der Iran seine Langstreckenraketen atomwaffenfähig gemacht. Dies in Kombination mit einem dort herrschenden totalitären, klerikalen Regime, das seine Bürger terrorisiert und sich an der militärischen Destabilisierung des Irak, Syriens, Libanons, Jemens und anderer Teile des Nahen Ostens beteiligt. Die internationale Gemeinschaft muss handeln, um zu verhindern, dass Iran zu einer Bedrohung für die Menschheit wird.

Angesichts der angespannten Sicherheitslage machen sich Touristen häufig Sorgen, ob es überhaupt sicher sei, nach Israel zu reisen.
2019 kamen etwa 4,5 Millionen Touristen nach Israel, das ist ein Rekord. Zum Vergleich: 1999 waren es rund 2,5 Millionen. Im Tourismussektor Israels arbeiten rund 220'000 Menschen, welche in der Summe 40 Milliarden Schekel (rund 11 Milliarden Franken) verdient haben.

Was tun Sie, um das zu erhalten?
Die Regierung arbeitet hart an der Entwicklung des Tourismussektors, indem sie Dutzende zusätzliche Flugrouten ausbaut, touristische Standorte wie das Tote Meer zu einem internationalen Tourismuszen­trum entwickelt und Zuschüsse für den Bau neuer Hotels und ländlicher Tourismusstandorte bereitstellt.

Und was sagen Sie jenen Touristen, die dennoch Angst vor Raketenangriffen haben?
Israel sieht sich von Zeit zu Zeit mit Sicherheitsvorfällen konfrontiert – dank dem Raketenabwehrsystem Iron Dome (Eiserne Kuppel) und seit der Militäroperation Cast Lead (Gegossenes Blei) in Gaza 2009 waren die Auswirkungen auf den Tourismus jedoch zeitlich und vom Ausmass her begrenzt. Das beweist die gestiegene Zahl der Touristen und deren Sicherheitsgefühl in Israel.

«Unser System der militärischen Reserve basiert auf dem schweizerischen Modell.»

Eli Cohen, Wirtschaftsminister von Israel

Die Armee spielt in und für Israel eine grosse Rolle. Welche Bedeutung hat sie für die Privatwirtschaft?
Der Militärdienst ist in Israel wie in der Schweiz obligatorisch. Hier ist er es – im Gegensatz zur Schweiz – für Männer und Frauen. Der Militärdienst ist ein wichtiger Entwicklungsschritt für fast jeden Bürger. Viele verlassen die Armee mit wichtigen Fähigkeiten für das zivile Geschäftsleben. Sie lernen, im Team zu arbeiten, mit Druck und engen Zeitplänen umzugehen und Teams und Gruppen zu führen.

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Erwerben die Soldaten auch Fachwissen für das spätere Zivilleben?
Jene, die in einer der Nachrichtendiensteinheiten dienen, erwerben einzigartiges Tech-Know-how und Erfahrung, indem zum Beispiel Technologien, die ursprünglich zur Unterstützung militärischer Zwecke entwickelt wurden, später für den zivilen Gebrauch angepasst werden. Das gilt speziell für den Medtech-Bereich oder die Luftfahrt.

Sehen alle Israelis einen Nutzen darin, Militärdienst an der Waffe zu leisten?
Der Militärdienst wird oft als eine Phase wahrgenommen, die junge Menschen da­rauf vorbereitet und dafür ausgebildet, später in ihrer Karriere Berufs- und Führungspositionen zu bekleiden. Meist nachdem sie sich aus dem Militärdienst zurückgezogen und ein akademisches Studium aufgenommen haben.

Die Verbindungen zwischen der israe­lischen und der Schweizer Armee sind auffällig, wenn man sich die diplomatischen Beziehungen und die Rüstungsgeschäfte anschaut. Wie kommt das?
Israel und die Schweiz haben ausgezeichnete bilaterale Beziehungen, was sich auch in der Verteidigungszusammenarbeit widerspiegelt. Diese Zusammenarbeit reicht weit zurück. Unser System der militärischen Reserve basiert auf dem schweizerischen Modell. Und die militärische Rüstungsindustrie Israels ist nicht nur für die Schweiz attraktiv, sondern für Sicherheitskräfte in der ganzen Welt. Ganz einfach weil wir über modernste Technologie und eine bewährte Zuverlässigkeit verfügen.

Weil diese oft in realen Kampfsituationen getestet wird?
Genau.

Das ressourcenarme Israel setzt nicht nur auf Technologie und Wissenschaft. Seit ­Januar liefert das Land Gas von seiner Küste aus über Pipelines sogar bis nach Ägypten. Was haben Sie mit diesen riesigen Erdgasfunden noch vor?
Erdgas ist eine wichtige Energiequelle und leistet einen bedeutenden Beitrag, indem es die Abhängigkeit von Öl- und Kohle­importen verringert und die wirtschaft­lichen, strategischen, ökologischen und gesundheitlichen Kosten senkt. Wir fördern, wie viele andere auch, die Nutzung von Erdgas als Hauptenergiequelle, was viele Vorteile für die Konsumenten, die Wirtschaft und die Umwelt bringt.

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Welche?
Die Senkung der Kosten für die Strom­erzeugung und für Industrieprodukte. Das verbessert die Wettbewerbsfähigkeit und fördert letztlich den Export und stärkt die israelische Wirtschaft. Ausserdem ist Erdgas umweltfreundlicher als Kohle, Heizöl oder Diesel.

Die Leitungen sollen künftig bis nach ­Europa reichen. Will Israel Europa dabei helfen, von russischem Gas unabhängiger zu werden?
Es ermöglicht uns, einen Teil des Erdgases über die ägyptischen Flüssiggasanlagen nach Europa zu exportieren. Angesichts der steigenden Nachfrage nach Erdgas in der Welt und insbesondere in Europa und der Notwendigkeit, die Erdgasquellen zu diversifizieren, hoffen wir, eine bedeu­tende Rolle im Erdgassektor zu spielen.

Welche Wirtschaftssektoren tragen in Israel am meisten zur Wirtschaftsleistung bei?
Unsere Wirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten einen grossen Wandel durchlaufen. Aus einer Wirtschaft, die vor dreissig Jahren auf traditionellen Industrien basierte, wurde Israel zu einem der weltweit führenden Zentren für technologische Innovation und Unternehmertum in den Bereichen Informations- und Kommunika­tionstechnik, Biowissenschaften, Cyber­sicherheit, künstliche Intelligenz, Fintech und mehr.

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Bis auf den Bereich Cybersicherheit ­durchläuft die Schweiz eine ähnliche ­Entwicklung. Was kann Israel besser?
Es ist offensichtlich, dass die technologiebezogenen Sektoren zum Wachstumsmotor der Wirtschaft geworden sind. Bereits mehr als 300 multinationale Unternehmen haben sich dafür entschieden, ihre Forschungszentren bei uns anzusiedeln. Viele andere multinationale Unternehmen haben sich für die Zusammenarbeit mit hiesigen Startups entschieden. Sie alle suchen nach neuen Lösungen auf der Grundlage fortschrittlicher Technologien.

Welche neuen Kooperationen und Projekte sind auf Regierungsebene mit der Schweiz geplant?
Wir sind der Ansicht, dass die Regierungen eine unterstützende Infrastruktur für den internationalen Handel und die wirtschaftliche Zusammenarbeit schaffen sollten.

Konkret?
Israelische und schweizerische Waren haben im Rahmen des Freihandelsabkommens mit der Efta zollfreien Zugang zum jeweils anderen Markt. Darüber hinaus haben Innosuisse und die Israelische Innovationsbehörde eine Absichtserklärung unterzeichnet, um technologiebezogene Projekte zwischen akademischen Institutionen und Unternehmen beider Länder zu unterstützen. Und auch im Logistikbereich und in der Unternehmenssicherheit sind wir bilateral aktiv: Sowohl die israe­lische als auch die Schweizer Post testen neue Technologien.

An welchen Schweizer Produkten ist Israel interessiert?
Die Schweiz ist einer der wichtigsten Lieferanten von Maschinen und Industrieanlagen. Wir importieren aber auch Medikamente, Saatgut, Mineralien, Chemikalien und Nahrungsmittel aus der Schweiz. Im Jahr 2018 belief sich der Import aus der Schweiz auf 1,8 Milliarden Dollar. Das gesamte Handelsvolumen zwischen beiden Ländern betrug 3,1 Milliarden Dollar. Wir glauben, dass dies weiter wachsen kann.

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«Wir lehnen das Urteil des EuGH ab, welches das Instrument einer Politkampagne gegen uns ist.»

Eli Cohen, Wirtschaftsminister von Israel

Schweizer Unternehmen sind an der Ausschreibung für den Ausbau der Eisenbahn interessiert. Wie stehen deren Chancen?
Im Rahmen des WTO-Übereinkommens, das sowohl von Israel wie auch von der Schweiz unterzeichnet wurde, werden die Ausschreibungen der israelischen Bahn transparent durchgeführt. Wir schätzen die Qualität und Präzision der Schweizer Produkte und Eisenbahngesellschaften sehr. Ich lade alle Unternehmen ein, an den von Israel Railways veröffentlichten Ausschreibungen teilzunehmen.

Die EU hat beschlossen, dass Lebensmittel wie Orangen und Olivenöl aus den isra­elisch besetzten Gebieten im Westjordanland gekennzeichnet werden müssen, wenn sie in der EU verkauft werden. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat das in einem Urteil bestätigt.
Wir lehnen das Urteil des EuGH ab, welches nur das Instrument einer Politkampagne gegen uns ist. Das Urteil zielt darauf ab, eine Doppelmoral gegen Israel zu fahren.

Inwiefern?
Weltweit gibt es über 200 laufende Verfahren über Gebietsstreitigkeiten. Aber der Gerichtshof hat noch kein einziges Urteil zur Kennzeichnung von Produkten aus diesen Gebieten gefällt. Das Urteil ist politisch motiviert und diskriminierend.

Israel befindet sich im Konflikt mit einigen Nachbarn. Dennoch wird fleissig Handel betrieben. Trotz Krieg und einem Embargo der Arabischen Liga treiben Muslime und Juden Handel miteinander. Araber kaufen Cybertechnologie und liefern Ölderivate. Nun heisst es, dass der Handel noch stärker werden könnte. Inwiefern?
Der Handel mit dem Westen, Asien und Lateinamerika macht den grössten Teil unseres Handels aus. Dennoch haben wir trotz den geopolitischen Herausforderungen immer Mittel und Wege gesucht, um den Handel und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn im Nahen Osten zu entwickeln.

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Zum Beispiel?
Israel hat je ein bilaterales Handelsabkommen mit Ägypten und Jordanien abgeschlossen und wir betreiben Handel mit anderen Ländern der Region.

Die Wirtschaft als Friedensstifter?
Dieser Handel ist nicht nur wegen seines wirtschaftlichen Nutzens wichtig, sondern trägt auch zu den Bemühungen um eine Normalisierung in der Situation mit den Nachbarn bei.

Nähe zum Staat

Wirtschaft: Israels Staatsanteil ist hoch: 33 Prozent der Arbeitnehmenden sind beim Staat beschäftigt. In der Industrie arbeiten 17 Prozent, in Tourismus, Handel und Finanzen 20 Prozent und 28 Prozent in anderen Bereichen wie Dienstleistungen. Etwa die Hälfte der staatlichen Auslandschulden hat Israel bei den USA, die Hauptquelle für wirtschaftliche und militärische Unterstützung.

Politik: Am 2. März finden innerhalb eines Jahres zum dritten Mal Parlamentswahlen statt. Bislang konnten keine tragfähigen Mehrheiten gebildet werden. Verzögerungen auf Budgetseite haben dadurch Auswirkungen auf die Wirtschaft. Viele dringende ­Investitionen in das Startup-Ökosystem und in die Infrastruktur wurden auf die lange Bank geschoben.

Ähnlich wie in der Schweiz sind in Tel Aviv und Jerusalem Mieten und Immobilienpreise stark gestiegen. Die Löhne sind nicht gleich stark mitgezogen, worunter die Kaufkraft leidet. Wie wollen Sie das lösen?
Die Wohnkosten in den grossen Städten der Welt einschliesslich Tel Aviv, Zürich und Genf steigen ständig, das ist wahr. Es gibt viele Lösungen zur Senkung der Wohnungs- und Lebenshaltungskosten, von denen die meisten in Israel umgesetzt werden, wie geförderte Wohnprojekte zum Eigentum oder zur Miete, speziell für junge Familien. Darüber hinaus haben wir neue Akteure nach Israel geholt, um durch Wettbewerb die Preise und damit die Lebenshaltungskosten zu senken. Ein Beispiel dafür ist der Pharmasektor.

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Israels Produktivität hinkt im OECD-­Vergleich seit vier Jahrzehnten hinterher. Weil der Bildungssektor in einem schlechtem Zustand ist? Kritiker sagen, dieser ­zehre immer noch von den Vorleistungen der Pioniergeneration.
Seit seiner Gründung hat das Land viel Geld und Mühen ins Bildungs-, Forschungs- und Entwicklungssystem investiert. Unser Erfolg – siebzig Jahre nach der Unabhängigkeit –, Israel zu einer der fortschrittlichsten Volkswirtschaften und einer lebendigen Demokratie gemacht zu haben, ist hauptsächlich auf unsere Investitionen in Humankapital zurückzuführen.

Das war damals. Wie ist es heute?
Heute sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, gemessen am BIP, die zweithöchsten der Welt. Darüber hinaus ist das Budget des Bildungsministeriums das zweitgrösste aller Ministerien.

Also irren die Kritiker?
Es stimmt, dass einige Bevölkerungsgruppen auf dem Arbeitsmarkt unterrepräsentiert sind, etwa ultraorthodoxe Männer und arabische Frauen.

Was tun Sie dagegen?
Die Regierung finanziert Programme, um deren Anteil am Arbeitsmarkt zu erhöhen. Wenn diese beiden Gruppen in Zukunft ausserhalb des Arbeitsmarktes bleiben, wird es sehr schwierig sein, das derzeitige Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten.

Wird das gelingen?
Die gute Nachricht ist: Wir sehen erste positive Ergebnisse. Aber es liegt noch viel ­Arbeit vor uns.