Politische Börsen haben kurze Beine. Diese Börsenweisheit beruht auf der Erkenntnis, dass politische Ereignisse – von Wahlen bis hin zu militärischen Konflikten – die Aktienkurse nur für kurze Zeit beeinflussen.

Dass sie aber die Märkte verunsichern können, ist unbestritten. Das wurde in den letzte Tagen einmal mehr deutlich, wie die Grafik der Woche zeigt: 

Darin ist der Verlauf des Aktienindexes Euro Stoxx 50 in den Tagen rund um das Europawahl-Wochenende für die letzten drei Europawahlen in den Jahren 2014, 2019 und 2024 abgebildet. Die schwarze, senkrechte Gerade zeigt den Börsenstart am Montagmorgen, der negative Bereich auf der linken Seite umfasst die Börsentage vor dem Wahlwochenende.

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Der Index besteht aus 50 der meistgehandelten Aktien aus der Eurozone, zum Beispiel dem niederländischen Halbleiterkonzern ASML Holding und dem französischen Luxusbranchenprimus LVMH. Der Euro Stoxx 50 wird vielfach zu Vergleichs- und Benchmarking-Zwecken für andere Finanzprodukte eingesetzt.

Unschwer zu erkennen: Über das Wahlwochenende hat sich der Kurs zum Teil bedeutend verändert. Die Ereignisse um die diesjährige Europawahl scheinen die Finanzmärkte verunsichert zu haben.

Zum Börsenstart gab der Index immerhin 1,2 Prozent nach. In Frankreich schnitten die Rechts-aussen-Parteien besser ab als erwartet – und Präsident Emmanuel Macron rief kurzerhand Parlamentswahlen aus. Das populistische Rassemblement National mit seinem Spitzenkandidaten Jordan Bardella wird künftig mehr als doppelt so viele Sitze im Europäischen Parlament stellen wie die Partei Macrons. Die politische Verunsicherung schlägt auch stark auf den Euro Stoxx 50 durch, weil französische Aktien mit über 40 Prozent des Gewichts stark vertreten sind. Auch der Euro geriet unter Druck und ist zum Franken unter 0.96 gefallen. Und der Rendite-Spread zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen hat sich etwas ausgeweitet. 

2019 steht im Zeichen des sino-amerikanischen Handelskonflikts

Die letzten Europawahlen 2019 hingegen waren an den Börsen kein grosses Thema. Die frischgebackene Euroskeptiker-Fraktion «Identität und Demokratie» gewann zwar 40 Sitze, doch der Aufstieg der rechtsextremen und rechtspopulistischen Kräfte war weniger stark als befürchtet. Am Montag nach der Wahl starteten die europäischen Kurse freundlich in die Woche. 

Wie die Schweizer Parlamentswahlen im selben Jahr wurde auch das Europaparlament 2019 von der grüne Welle erfasst – die Fraktion der Grünen und die Macron-Fraktion gewannen je 22 Sitze dazu.

Überschattet wurden die letzten Europawahlen von anderen Ereignissen: Zwei Börsentage nach der Europawahl knickten die Kurse über Nacht ein. Die damalige US-Regierung unter Donald Trump schürte mit Äusserungen zu Sanktionen gegen Huawei die Angst vor einem Handelskrieg mit China, was sich an den Börsen weltweit niederschlug. Auch wurde ein EZB-Bericht veröffentlicht, der Italien ein schlechtes Zeugnis für zukünftige Wachstumsaussichten ausstellte. 

Aufatmen nach den Wahlen 2014

Auch nach den Wahlen 2014 öffneten die europäischen Börsen mit positiven Vorzeichen. Dies, obwohl Euroskeptiker viele Sitze dazugewonnen hatten. In Grossbritannien wurde Nigel Farages Ukip stärkste Partei im EU-Parlament – ein Vorbote für den Brexit zwei Jahr später.

Die Linke mit dem ehemaligen griechischen Premierminister Alexis Tsipras als Spitzenkandidat verdoppelte fast ihre Fraktionsstärke. Doch die etablierten wirtschaftsfreundlichen Parteien verloren nicht so stark wie erwartet, was bei den Anlegerinnen und Anlegern für Erleichterung sorgte. 

rop
Peter Rohnerist Chefökonom der Handelszeitung.Mehr erfahren