Thomas Leuzinger, Leiter Betrieb der NSNW AG, die für den Unterhalt der Nationalstrassen in den Kantonen Aargau, Baselland und Solothurn verantwortlich ist, spricht von einer laufenden Zunahme des Litterings. «Die Situation im Einzugsbereich der Autobahnen hat sich in den letzten Jahren verschärft», sagt er.

Was Leuzinger und seine Reinigungsteams zusehends beobachten: Aus dem fahrenden Auto werfen die Leute nicht nur PET-Flaschen, Papier und Verpackungsmaterial, sondern vermehrt auch Kartons, Lebensmittel, Kleidungsstücke und Schuhe weg.

Autobahnauffahrt als beliebter Tatort

Ganz beliebt sind Autobahnauf- und -abfahrten. Und auf den Rastplätzen entsorgen gewisse Zeitgenossen sämtlichen Haushaltkehricht. Bestenfalls stopfen sie den Unrat in die Abfallkübel. Im schlimmeren Fall deponieren sie Ladungen von «Güsel» wild, irgendwo auf dem Rastplatz oder bei einer Einfahrt.

Wenn es um den Abfall geht, wird die Autobahn mancherorts zum rechtlosen Raum. Zweifellos spielt bei diesem Autobahn-Littering die Psychologie eine Rolle: Aus der Beinahe-Anonymität des dahinrasenden Autos etwas einfach wegzuwerfen, fällt offensichtlich besonders leicht. Zumal die Gefahr, dabei ertappt zu werden, gering ist, befindet sich einer ja bereits im Augenblick der Tat in hohem Tempo auf der Flucht.

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Vermeintliches Bagatelldelikt

Und wenn schon Littering? Ist doch bloss ein Bagatelldelikt, so die gän­gige Meinung mancher Fahrer, auch wenn mittlerweile verschiedene Kantone dafür Bussen erheben.

Die Zeche für das ungebührliche Verhalten und das Littering zahlen nicht die Verursacher, sondern die Autobahn-Reinigungsdienste. Für sie wird es immer aufwendiger und schwieriger, die Fahrbahnen und die angrenzenden Grünräume sauber zu halten.

Aufwändige Aufgabe

«Diese Aufgabe bindet bei uns beträchtliche Ressourcen», so Leuzinger. Der «Güsel» auf dem Asphalt, den Banketten und Böschungen sieht nicht einfach bloss hässlich und unästhetisch aus.

Er birgt auch zusätzliche Risiken und Gefahren. Und je mehr Dreck herumliegt auf den Strassen, desto kritischer reagiert die Öffentlichkeit. «Die Toleranz gegen Verunreinigungen schwindet; saubere Fahrbahnen werden heute grundsätzlich vorausgesetzt», stellt Lüchinger fest.

Reaktion ist nötig

Dahingestellt bleibe, ob vielleicht diejenigen am lautesten nach Sauberkeit rufen, die selber am unbekümmertsten wegwerfen. Tatsache ist, dass die NSNW aufgrund des öffentlichen Drucks und des tatsächlichen unübersehbaren «Güsels» und Drecks entlang der Nationalstrassen nicht darum herumkommt, sich dem Problem zu stellen.

Die bislang ergriffenen Massnahmen zielen in zwei Stossrichtungen: Mit einem ausgeklügelten Reinigungskonzept, das in diesem Jahr nochmals ausgebaut worden ist, und mittels eines koordinierten Einsatzes aller Werkhöfe versucht die NSNW, den Abfall schneller und effizienter zu beseitigen.

Punktuelle Zusatzreinigung

Ausser der Grundreinigung, die zweimal jährlich ausgeführt wird, erfolgen nun je nach Verschmutzungsgrad drei- bis sechsmal jährlich punktuelle Zusatzreinigungen. Hinzu kommen spontane Interventionsreinigungen bei grosser Verschmutzung, etwa nach verlorener Ladung oder wenn ein Tierkadaver herumliegt.

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500 Tonnen pro Jahr

Pro Jahr sammeln die Reinigungskräfte der NSNW so rund 500 Tonnen Material ein. Der Aufwand schlägt sich in zusätzlichen Kosten in der Höhe von einigen hunderttausend Franken nieder.

Die zweite Stossrichtung der Massnahmen bezweckt die Sensibilisierung der ­Bevölkerung. Hinweistafeln entlang der Autobahnen machen die Verkehrsteilnehmenden auf die Abfall- und Littering-Problematik aufmerksam.

Präsenz markieren

Darüber hinaus nutzen die Autobahn-Reinigungsdienste alle Gelegenheiten, um die Öffentlichkeit aufzurütteln, zum Beispiel den nationalen Clean-Up-Day am 11. und 12. September 2015 (siehe Kasten).

Die Einsatzkräfte der NSNW sind dann an sämtlichen Autobahnanschlüssen in ihrem Einzugsgebiet demonstrativ in Putzaktion. Die geballte Präsenz der Reinigungsequipen soll, so die Hoffnung der Verantwortlichen, die Verkehrsteilnehmenden sensibilisieren, künftig ihren Abfall korrekt und nicht auf den Autobahnen zu entsorgen.

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Deutliche Fortschritte auf Bahnhöfen

In Dauereinsatz gegen das Littering befinden sich auch die Reinigungskräfte der SBB. Das Problem hat sich schon vor Jahren verschärft, direkt in den Zügen mit dem Aufkommen der Gratiszeitungen, auf den Bahnhöfen zudem mit dem Rauchverbot. Seit also nicht mehr in den Bahnwaggons und in den Hallen zur Zigarette gegriffen werden darf, rauchen die Bahnpassagiere umso häufiger auf den Perrons.

Um dann die Kippen achtlos aufs Gleis zu werfen. Diese Zigarettenstummel müssen jeweils in mühseliger Handarbeit zwischen den Schottersteinen herausgeholt werden, ebenso weiterer Unrat wie etwa Kaugummis. «Das ist eine aufwendige und gefährliche Arbeit», sagt SBB-Sprecherin Franziska Frey.

SBB hat hohe Putzkosten

Die Bekämpfung des Litterings schlägt sich bei den SBB in erheblichen Entsorgungskosten nieder, die aber laut Frey nicht im Detail aufgeschlüsselt werden. Zwar haben die SBB in den letzten Jahren im Kampf gegen das Littering direkt in den Zügen einige Fortschritte erzielt. Dies nicht zuletzt dank rund 1000 Reinigungskräften, die in Schichten praktisch rund um die Uhr im Einsatz stehen.

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Die Menge an Kehricht ist in den Zügen jedoch stark vom Passagieraufkommen abhängig. Besonders problematisch bleiben Extrazüge etwa zu Open-Airs oder zu Fussballspielen. Diese müssen jeweils nach dem Einsatz von den Reinigungskräften in Sonderschichten entmüllt und gesäubert werden.

Auch ein Zeichen gegen Vandalismus

Klar ist: Saubere Züge und Bahnhöfe verbessern die Kundenzufriedenheit und erhöhen die Sicherheit. Sie tragen ausserdem dazu bei, den Vandalismus einzudämmen. Das alles bedarf jedoch enormer Anstrengungen, besonders im Aussenbereich der Bahnhöfe. «Trotzdem ist dort das Littering weiterhin zunehmend, ungefähr parallel zum steigenden Passagieraufkommen», so Frey.

Das ist insofern enttäuschend, als die SBB in den letzten Jahren ihr Littering- und Abfallkonzept kontinuierlich ausgebaut haben. 2012 wurde das jüngste Kapitel eröffnet, mit ­einer ersten Recyclingstation auf dem Bahnhof Bern. Diese gab Bahnkunden die Möglichkeit, ihre Abfälle auch unterwegs getrennt zu entsorgen.

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Erfolgreicher Berner Versuch

Der Versuch in Bern wurde zum Erfolg, denn 95 Prozent der wiederverwertbaren Stoffe wurden in der Tat dem Recycling zugeführt. Ähnliche Resultate erbrachte wenig später ein weiterer Versuch beim Bahnhof Löwenstrasse der Durchmesserlinie in Zürich.

Mittlerweile haben die SBB das Konzept auf die Bahnhöfe Basel SBB, Genf Cornavin, Luzern und Hauptbahnhof Zürich ausgeweitet. Insgesamt sind 579 neue Recyclingstationen und 431 Aschenbecher aufgestellt worden. Die SBB rechnen in diesem Jahr mit rund 500 Tonnen Zeitungen, Alu-Dosen und PET-Flaschen, die nun statt verbrannt wiederverwertet werden.

Spielerische Aktionen

Die Eröffnung der Recyclingstationen haben die SBB durch die Kampagne «Danke, dass Sie Abfall am Bahnhof getrennt entsorgen» sowie mit spielerischen Aktionen auf den Bahnhöfen unterstützt. Derzeit prüfen die SBB-Verantwortlichen, ob weitere Bahnhöfe mit Recyclingstationen ausgerüstet werden sollen.

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Voraussichtlich (der definitive Entscheid ist noch nicht gefallen) werden sich die SBB auch heuer wieder am Clean-Up-Day beteiligen, um die Bahnreisenden weiter zu sensibilisieren: Für die Benutzung der Recyclingstationen und gegen das Littering.