Letzte Woche feierte En Marche! ihr einjähriges Bestehen. Am 6. April 2016 verkündete der damalige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron die Gründung der Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft. Ziel seines Projekts: «Die französische Gesellschaft voranbringen und eine Dynamik gegen die politische Blockade entfachen.»

Ein Jahr später ist die heisse Phase des Wahlkampfs angelaufen. Noch gut zwei Wochen bleiben bis zum ersten Wahlgang. Der 39-jährige Macron ist inzwischen nicht mehr Minister, sondern einer der Favoriten für die Präsidentschaft.

En Marche! leistet sich bis zu 80 Festangestellte

«Er hat die Frische und zugleich Tiefe, die es braucht, um das Land voranzubringen», sagt Christian Dargnat. Der ehemalige Direktor von BNP Paribas Asset Management zählt zu den engsten Vertrauten des Kandidaten und ist im Team Macron zuständig für das Fundraising. Der 51-jährige tritt an diesem Abend in Genf vor Macron-Sympathisanten auf und trifft sich zuvor für ein Gespräch mit der «Handelszeitung». Der Banker ist überzeugt, dass Macron mit der Erfahrung aus seiner Zeit in der Privatwirtschaft das Rüstzeug zum erfolgreichen Präsidenten mitbringt. Wie Dargnat, war der junge Präsidentschaftsanwärter vor seiner politischen Karriere in der Finanzindustrie tätig.

Die beiden sind sich bewusst, dass auch in der Politik das Portemonnaie eine entscheidende Rolle spielt. «Bis zum heutigen Tag haben wir 11 Millionen Euro gesammelt.» Gemäss dem Französischen Gesetz darf eine Person maximal 7'500 Euro pro Jahr für eine Partei spenden. Während den Präsidentschaftswahlen sind es 12’100 Euro. Insgesamt 35'000 Leute haben En Marche! bereits finanziell unterstützt. «Wir können uns heute ungefähr 70 bis 80 Festangestellte leisten», so Christian Dargnat.

Unterstützung aus der Schweiz

Damit die Bewegung auch schlagkräftig bleibt, ist sie auf den Einsatz ihrer freiwilligen Helfer angewiesen. Auch in der Schweiz, wo für den Hoffnungsträger der neuen Mitte kräftig die Werbetrommel gerührt wird. Verständlich, denn immerhin wohnen gut 200’000 französische Staatsbürger (inkl. Doppelbürger) in ihrem östlichen Nachbarland.

Macron und Dargnat können hier auf die tatkräftige Unterstützung von Joachim Son-Forget zählen. Der 33-jährige leitet zusammen mit Jérôme Berthier (38) die Kampagne von «en marche!» in der Schweiz. Son-Forget, Arzt am Lausanner Universitätsspital und Berthier, Ingenieur in leitender Position in einem IT-Unternehmen, tingeln bereits seit mehreren Monaten durch die Schweiz um ihre Mitbürger von Macrons Programm zu überzeugen. Um die 1’300 Unterstützer zählt die Bewegung gemäss den Kampagnenleitern mittlerweile hierzulande.

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«Qualitäten, die ich in der Schweiz gelernt habe»

Son-Forgets relativ späte Berufung für die Politik erklärt sich der eloquente Franzose mit dem zunehmenden Unmut über die aktuelle Situation in seinem Land: «Ich möchte so meinen Beitrag für die Wiederherstellung von Frankreichs Ansehen leisten.» Als Auslandfranzose ist er überzeugt, dass seine «Schweizer Qualitäten» im Wahlkampf gefragt sind: «Zuhören, ein Gefühl für den Konsens und eine gewisse Bescheidenheit entwickeln. Das sind alles Qualitäten, die ich in der Schweiz gelernt habe.» Und die heute in Frankreich so dringend gebraucht werden?

Für Christian Dargnat ist klar, dass die Zeit reif ist für eine Veränderung. In der V. Republik beherrschen seit 1958 die gleichen Formationen die Politik: «Die Wahrscheinlichkeit, dass sich nun im 2. Wahlgang erstmals weder die Republikaner, noch die Sozialisten wiederfinden, war noch nie so gross. Das ist ein Erdbeben für unser Land», so Dargnat.


Christian Dargnat vor «En Marche!»-Sympathisanten in Genf (rechts in der Mitte sitzend v.l.: Jérôme Berthier und Joachim Son-Forget, Photo: Marco Brunner)

Ein Balanceakt

Doch Macrons Position in der Mitte des politischen Spektrums ist ein Balanceakt. Angesprochen auf die Unterstützung durch Manuel Valls, ehemaliger Premierminister in der Regierung von Präsident Hollande, meint Christian Dargnat: «Die Unterstützung freut uns. Doch er hat nie eine Rolle in unserer Bewegung gespielt und wird wohl auch nie eine übernehmen.» Trotz diesen Beteuerungen gehen die Meinungen über die Frage, ob Emmanuel Macron auch wirklich den so ersehnten Wandel bringen wird, auseinander. Konkurrent François Fillon wirft ihm vor, nur eine Fortsetzung der Regierung Hollande zu sein und führt Valls Unterstützung als Beweis dafür ins Feld.

Das Profil des Kandidaten Macron ist vielen zu schwammig. Seine Bewegung möchte zwar die Kluft zwischen Links und Rechts überwinden. Man will es programmatisch allen recht machen. Wird dem Kandidaten Macron genau das zum Verhängnis? Christian Dargnat verneint: «Die Classe politique muss sich ändern. Wir leben in einer Phase der Transformation. Wirtschaftlich, geopolitisch, gesellschaftlich. Das heisst, dass in dieser Phase die traditionelle Kluft Rechts-Links im Begriff ist zu explodieren. Die Leute können sich nicht mehr mit den klassischen Parteien identifizieren. Wir wollen Sauerstoff ins System bringen.»

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Eine VI. Republik?

Oft ist die Rede vom System, wenn man mit Franzosen über die kommenden Wahlen spricht. Ein System das nicht mehr funktioniere. Ein System das erneuert werden müsse. Jean-Luc Mélenchon, Kandidat der Linken Formation «La France insoumise» (in etwa: das aufsässige/aufständische Frankreich) fordert gar das Ende der V. Republik. Christian Dargnat hält nichts von dieser Idee: «Wenn man die Institutionen ändern möchte, so muss man mit kühlem Kopf an die Sache gehen. Alle wollen eine Republik, die funktioniert. Die effizienter ist, die gerecht ist. Aber das alles sollte Teil einer sachlichen Diskussion sein, und dies nicht einen Monat vor der Präsidentschaftswahl

Emmanuel Macron und En Marche! als Alternative für Frankreich. Als Weg aus der Blockade eines vertrackten Systems. Forderungen wie einen Wechsel hin zum Proporzsystem, mehr Dezentralisierung und einer Vereinfachung des Steuersystems kommen auch aus dem Publikum, an diesem Abend in der Aula eines Genfer Gymnasiums. Christian Dargnat unterstützt all diese Anliegen und wird besonders bei einem Punkt geradezu konkret und schon fast kämpferisch: «Wir sind die einzige politische Bewegung in Frankreich, die sich klar zu Europa bekennt. Das deutsch-französische Couple ist unabdingbar für die Zukunft Frankreichs und Europas