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Machtnetz von Philipp Müller: Der rasende Philipp

Philipp Müller

FDP-Nationalrat Philipp Müller liebt Jasskarten und schnelle Autos – nun soll der Gewerbler aus dem Aargau den Freisinn auf Erfolgskurs trimmen.

Von Stefan Barmettler
am 02.04.2012

Er sei «ein unabhängiger Langweiler», kokettiert Philipp Müller (59). Ein Machtnetz habe er nicht, könne es mit allen gut, besonders selbstverständlich mit der eigenen Fraktion. Innerparteiliche Gegner? Keine. Müller ist bemüht, vor seiner Wahl zum Parteipräsidenten der FDP keine Irritationen zu provozieren.

Seine bevorstehende Kür ist eine Zäsur für die serbelnde Partei: Eine Verjüngung ist es nicht, denn der Neue ist bloss ein Jahr jünger als der Alte, Fulvio Pelli. Es geht primär um Stil: Nach der Zeit der unterkühlten Juristen (Fulvio Pelli, Rolf Schweiger,Franz Steinegger) tritt nun ein munterer Vielredner an, der zu grober Wortwahl («Tubel», «Scheisse», «Geldsack») neigt und eine unbändige Lust an ­Provokationen hat. Die unverblümte Art bringt ihm beim breiten Fussvolk und in den Medien Pluspunkte ein – viel spannender wird es sein, wie das Wirtschaftsestablishment auf den begnadeten Populisten mit Bleifuss reagiert und ob er sich als teamfähig erweist. Beruhigend ist immerhin, dass er sich von seinem Hauptthema Asylpolitik befreite und zunehmend anderes freisinniges Kerngeschäft (Steuerquote, «Too big to fail», Staatsquote) beackert. Müller macht es sich zum Ziel, einen Turnaround beim Freisinn hinzulegen. Wenn auch er dies nicht schafft, wird es eng für die Siegerpartei von einst.

Die Freunde

Müllers Alter Ego heisst Otto Ineichen. Mit dem quirligen Luzerner Unternehmer (Otto’s) und FDP-Nationalrat versteht er sich fast blind. Sie machen gemeinsam Politik, gehen oft essen, ­nehmen selten ein Blatt vor den Mund, wohnen in Luftlinie bloss 15,4 Kilometer voneinander entfernt und überraschen das FDP-Kader immer wieder mit unkonventionellen Vorschlägen. Ihren grossen Auftritt hatten sie mit der Grossbanken-Schelte und der Promotion der sogenannten Weissgeldstrategie. Zu den Kritikern aus Industrie und Gewerbe gehörte bis zur Bundesratswahl auch Johann Schneider-Ammann.

Müllers Verbündete sitzen weniger in den Konzernzentralen in Zürich oder Zug, sondern eher beim Gewerbeverband, mit dem er in 75 Prozent der Fälle stimmt. Bestens versteht er sich mit dem ­ehemaligen Verbandspräsidenten Bruno Zuppiger (SVP) und mit Eduard Engelberger (FDP). Der Druckunternehmer aus Stans NW sass bis 2011 in der Fraktion und gilt als Müllers politischer Ziehvater. Von Engelberger übernahm er die Mitgliedschaft in der Staatspolitischen Kommission des Nationalrats. Ins Müller-Lager gehört auch Werner Messmer, diplomierter Baumeister und ehemaliger Thurgauer FDP-Nationalrat, der in jener Findungskommission sitzt, welche die Wahl des Präsidenten vom 21. April vorbereitet.

Die Gegner

Müllers grösstes Ärgernis sitzt in der eigenen Fraktion: Doris Fiala. Die Zürcher Nationalrätin hat den Aargauer schon mal als «Profilneurotiker» abgekanzelt und dem «Duo infernal» Philipp Müller / Otto Ineichen den Parteiaustritt nahegelegt. Leise Vorbehalte gegenüber Müller erklingen aus dem Wirtschaftsflügel. Rolf Schweiger, Wirtschaftsanwalt aus Zug und kurzzeitig FDP-Präsident, ­Peter Gomez, Präsident der SIX Group und der «Freunde der FDP», oder Avenir-Suisse-Direktor Gerhard Schwarz hätten sich eine gemässigtere Alternative vorstellen können. Ergo lancierte der Wirtschaftsflügel den Glarner Ständerat Pankraz Freitag, der aber gar nicht erst antrat. Auch mit Parteipräsident Pelli hat sich Müller schon tüchtig gezofft. Anlass war sein Einstehen für die SVP-Einbürgerungsinitiative gegen die Masseneinwanderung. Pellis Kritik interpretierte Müller als «Kampfansage».

Müller habe einen Bankentick, heisst es im Bundeshaus. Schon früh hat er sich auf die Grossbanken Credit Suisse und UBS ­eingeschossen. Mal kritisierte er Kaspar Villiger und Oswald Grübel («Ich habe kein Verständnis für das Verhalten der UBS-Führung»), dann lästerte er über die Knausrigkeit der CS gegenüber Kunden mit wertlosen Lehman-Produkten.

Der Rennfahrer

Vom Gokart bis zur Formel 3 sass Müller schon hinter jedem Lenkrad. Während Jahren bolzte er, damals noch mit Schnauz, im Porsche-Team über Europas Rennstrecken. In einem Toyota wurde er 1986 Europameister bei den Marken-Tourenwagen, später fuhr er gegen Hans-Joachim Stuck. Auch privat ist er stets schwer motorisiert. Lange war der Porsche sein Markenzeichen, kürzlich ist er auf einen Mercedes mit 630 PS umgestiegen. Folgerichtig sitzt der Autofreak im Vorstand des Automobil Clubs der Schweiz. Kürzlich ist Ungeheuerliches passiert: Der erklärte Bahnabstinenzler legte sich ein 1.-Klasse-GA der SBB zu. ­Neben Hubraumstärke pflegt er das Kunst- und Combat­schies­sen. ­Comicfigur Lucky Luke («schneller als sein Schatten») ist ihm ein ­Vorbild.

Die Karriere

Müller profilierte sich über die Asylpolitik. Die Hälfte seiner Anträge als Parlamentarier beschäftigt sich mit dieser Thematik. Er ist Erfinder der 18-Prozent-Initiative, die den Ausländeranteil limitieren wollte. Die eigene FDP war klar dagegen, FDP-Frau Vreni Spoerry sass im gegnerischen Komitee. Selbst die SVP war gespalten: Christoph Blocher dagegen, Ulrich Schlüer dafür. In den letzten Jahren hat sich «18-Prozent-Müller» breiter ausgerichtet, dabei half ihm die Mitgliedschaft in der einflussreichen Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK), in der er seit 2007 sitzt.

Als Politiker gibt er sich betont unabhängig. Er sitzt in keinem externen Verwaltungsrat. Auch die beiden Zutrittsausweise ins Bundeshaus, die Parlamentarier gerne an Freunde und Lobbyisten vergeben, hält er zurück. Fraktionskollegen rühmen seine Dossiersicherheit und Detailkenntnisse, kritisieren aber seinen Hang zur penetranten Besserwisserei.

Die Familie

Müller stammt aus dem Bezirk Kulm, Zentrum des aargauischen Rechtsfreisinns. Nach der Sekundarschule in Reinach in der Hallwilersee-Region absolvierte er eine Lehre als Gipser/Stuckateur. Mit 22 Jahren übernahm er das elterliche Geschäft, das vor einem Schuldenberg stand. Er baute den Kleinbetrieb zu einem Generalbauunternehmen aus, das heute schwergewichtig in der Renovation aktiv ist. Der Politiker war bis vor zwei Jahren verheiratet. Zu seiner Ex-Frau ­Esther hat er ein entspanntes Verhältnis. Aus der Ehe stammen drei Töchter.

Der Aargauer gilt als einer der grossen Charmebolzen im Berner Nachtleben. Regelmässig wird der Jimi-Hendrix-Aficionado mit Politikerinnen beim Znacht gesichtet. Parteigrenzen kennt er keine, kürzlich war er mit einer einflussreichen SP-Frau unterwegs.

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