Die Börse reagierte gar nicht auf die Zustände auf den amerikanischen Strassen: Die Wall Street schloss am Montag freundlich – ein Anzeichen dafür, dass die Unruhen nach dem Tod von George Floyd in der Finanzwelt als nicht besonders revolutionär erachtet werden.

Dennoch, etwas ist anders: Die amerikanischen Grosskonzerne kommen fast nicht umhin – sie müssen sich in den «George Floyd Protests» irgendwie positionieren. Fast alle – von Amazon bis Walmart, von JP Morgan oder Goldman Sachs bis Uber – veröffentlichten eine Stellungnahme zur Lage im Land.

Wobei: Am häufigsten waren dabei eher allgemeine und vorsichtige Statements – für Diversität, für «Inclusion», gegen Rassismus. Alphabet-CEO Sundar Pichai twitterte beispielsweise, dass Google und Youtube ihre Plattformen für «racial equality» einsetzen würden. IBM-Chef Arvind Krishna rief die Angestellten dazu auf, «an even more inclusive culture» in der Firma zu schaffen.

Anzeige

Mit am klarsten äusserte sich Nike, womit der Sportschuh-Konzern allerdings auch seine Firmen- und Image-Tradition fortführte. Die «Swoosh»-Firma veröffentlichte nun einen Spot, der dazu auffordert, für einmal nicht ruhig zu bleiben beziehungsweise den Rassismus nicht länger zu akzeptieren:

Relativ klar Stellung bezog auch Netflix. Der TV-Konzern kommentierte auf seinem Twitter-Account: «Ruhig bleiben heisst Komplize sein. Black Lives Matter. Wir haben eine Plattform und wir haben gegenüber unseren schwarzen Mitgliedern, Angestellten, Kreativen und Talenten die Pflicht, die Stimme zu erheben.» (mehr)

Überhaupt wagen es Unternehmen aus dem Kultur- und Medienbereich etwas eher, für #BlackLivesMatter direkt Stellung zu beziehen. So beispielsweise ViacomCBS, so ferner WarnerMedia, welches auf allen seinen Kanälen einen Satz des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin platzierte: «Weder Liebe noch Terror machen blind: Blind macht die Gleichgültigkeit.» («Neither love nor terror makes one blind: indifference makes one blind.»)

Vorsichtiger (beziehungsweise allgemeiner) war L’Oréal mit dem Statement «Speaking out is worth it» – also ebenfalls mit einer Aufforderung, Stellung zu beziehen. 

Anzeige

Auffällig war indes der Positionsbezug der Citigroup in dieser Situation – respektive des Citigroup-Finanzchefs: In einem Blog-Post wiederholte Mark Mason erst zehnmal den Satz, den der von einem Polizisten getötete George Floyd sagte, bevor er starb: «Ich kann nicht atmen.»

Dann sprach er von Systemproblemen, «die nicht verschwinden, solange wir sie nicht frontal angehen. Wir müssen unsere Stimme erheben, immer, wenn wir Hass, Rassismus und Ungerechtigkeit sehen. Ich weiss, dass ich das tun werde – und ich hoffe, Sie werden es auch.» Es folgte die Aufforderung, doch der Bürgerrechts-Organisation NAACP Geld zu spenden.

Citigroup
Quelle: Screenshot
Anzeige

Von einem systemischen Problem spricht auch Blackrock-Konzernchef Larry Fink auf Linkedin («these events are symptoms of a deep and longstanding problem in our society and must be addressed on both a personal and systemic level»).

Wie sind solche Äusserungen einzuschätzen? Die «New York Times» stellt fest, dass die Menge und relative Deutlichkeit der Stellungnahmen aus den Konzernzentralen doch speziell sind; dazu zitiert die Zeitung Americus Reed, Marketing-Professor der Wharton Business School: «Es gibt einen allgemeinen Trend, dass die Konsumenten von den Managern eine Position verlangen und wissen wollen, wo sie stehen. Das schafft die Möglichkeit, sich nicht nur über die Funktion zu differenzieren oder darüber, wer die bessere Mausefalle hat, sondern über Werte. Das ist smart: Sie nehmen Stellung, so hoffe ich, weil es moralisch erforderlich ist, aber auch, weil sie das langfristige ökonomische Spiel verstehen.»

Anzeige

«Zu wenig Fortschritte»

Allerdings sind die Äusserungen dann doch so abgewogen, dass eine ganz grosse Mehrheit der US-Bürger sie unterschreiben kann. Der CEO des Kommunikationsriesen Comcast, Brian Roberts, schrieb seinen Angestellten zum Beispiel: «Rassismus, Ungerechtigkeit und Gewalt haben keinen Platz in unserer Gesellschaft. Doch wir machen immer noch zu wenig Fortschritte in diesem Land – und so ist es wichtig, dass wir in diesem Augenblick einen Schritt zurück treten, die ernsten Themen ins Auge fassen und versuchen, darüber zu reflektieren.»

Anzeige

Tendenziell sind dabei die internen Memos der Konzernchefs deutlicher als Tweets oder Communiqués, die sich ans breite Publikum richten. Bob Bradway, der Chef des Biotech-Konzerns Amgen, meinte in einem Schreiben an die Mitarbeitenden zum Beispiel: «Wäre dies (die Tötung von George Floyd) ein isoliertes Ereignis, so wäre es bereits inakzeptabel. Aber es ist kein isoliertes Ereignis. Es ist Teil eines Musters, das auf eine tragische Weise deutlich wird, in den USA und auf der ganzen Welt. Gleiches Recht und gleiche Chancen mögen unsere Ideale sein, aber sie sind noch nicht unsere Wirklichkeit.»

Und weiter: «Viele unserer Kollegen fühlen sich unfähig, ihr Potenzial bei Amgen auszuschöpfen, und sie fühlen sich unsicher in ihrem Quartier – nur wegen der Farbe ihrer Haut. Das ist für mich inakzeptabel und muss ändern.»

Anzeige

Google, Sony und EA sagen Lancierungen ab

Sony verschiebt die virtuelle Medienkonferenz zur Lancierung der neuen Playstation-5-Konsole – wegen der Proteste in den USA. Der kalifornische Spielepublisher Electronic Arts verzichtet auf einen Event zur Einführung des aktualisierten Games «Madden NFL 21». Und Google sagt die Einführung des neuen Android-11-Handybetriebssystems vorerst ab; das Ereignis hätte an diesem Mittwoch – 3. Juni 2020 – stattfinden sollen. 

Alle drei Verschiebungen werden mit den Unruhen auf den amerikanischen Strassen erklärt.

«Wir haben nicht das Gefühl, dass jetzt die Zeit zum Feiern ist, und darum wollen wir jetzt zurückstehen und dazu beitragen, dass wichtigere Stimmen gehört werden», teilte Sony mit. Electronic Arts schrieb in seinem Statement: «Wir stehen zur afroamerikanischen/schwarzen Gemeinschaft von Freunden, Partnern und Kollegen.» Man werde einen anderen Zeitpunkt finden, um über Football zu reden – doch «das hier ist grösser als ein Spiel, grösser als Sport und verlangt von uns allen, dass wir zusammenstehen und uns zum Wandel verpflichten». (Bloomberg

Anzeige

(rap)