Beat N.* steht im Hinterzimmer einer Beiz beim Limmatplatz und klopft im Sekundentakt auf die Taste eines Spielautomaten. Er spielt eine Variante von Black Jack. «8! 4! 21! Das sieht gut aus.» Nach dem nächsten Click verliert Beat alles: 200 Franken weg – und das in 5 Minuten. «Am Automaten wärme ich mich nur auf», sagt er. Um richtige Summen geht es ein paar Häuser weiter, bei den Sportwetten, in den illegalen Internet-Cafés.

Fussballzocker bescheren illegalen Wett­anbietern traumhafte Umsätze, also Anbietern ohne Schweizer Lizenz. Zur EM 2016 reiben diese sich besonders die Hände. Sie rechnen mit deutlich höheren Einnahmen als in Jahren ohne Meisterschaft. Ihr Angebot beinhaltet höhere Gewinnquoten und Live-Wetten im Minutentakt. Heimische legale Angebote wie Sporttip und Totogoal haben das gar nicht im Programm.

520 Millionen Franken mit illegalen Sportwetten

Bereits ohne Fussballeuropameisterschaft lassen Sportwettenspieler an nur ­einem Wochenende in den Zürcher Stadtbeizen, Bars und Cafés  rund 5 Millionen Franken Bruttospielertrag (BSE) liegen – BSE ist der Umsatz in der Glücksspielbranche: Einnahmen minus Auszahlungen. Auf ein Jahr hochgerechnet ergibt das 260 Millionen Franken. Bei einem gesamtschweizerischen Marktanteil des Stadtgebietes Zürich von 50 Prozent ergibt das landesweit 520 Millionen Franken BSE mit illegalen Sportwetten. Laut Insidern ist das allerdings konservativ ge­rechnet, es dürfte noch viel mehr sein.

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Im Vergleich dazu erzielten die staatlich lizenzierten und damit legalen Sport­wettenanbieter Swisslos und Loterie Romande im vergangenen Jahr einen BSE von 27 Millionen Franken, also nur einen Bruchteil von demjenigen im Schwarzmarkt. Derweil fliesst die gut halbe Milliarde aus illegalen Sportwetten unversteuert in die Taschen dubioser Wett-Clans. Unter dem Radar von Fiskus und Justiz. Wichtigster Sportwettenmarkt der Schweiz ist Zürich. Die illegale Wettbranche ist im Stadtgebiet in drei Rayons aufgeteilt. Ein Zürcher Sportwettenkönig und Lokalbetreiber, der weder mit Namen noch mit seiner Beiz in der Zeitung stehen möchte, sagt: «Die Langstrasse machen die Türken, Altstetten gehört den Albanern, und die Russen sind überall dabei.»

Katz-und-Maus-Spiel

Wer als Lokalbetreiber Sportwetten abseits der Alleinanbieter Swisslos und Loterie Romande ermöglicht, macht sich strafbar, nicht der Spieler. Dem Anbieter drohen bis zu 10 000 Franken Busse – bis hin zum Entzug der Lokallizenz. Die Exeku­tive, die zum Vollzug für eine Mini-Razzia mit nicht mehr als einer Handvoll Polizisten ausrückt, fürchten sie nicht, weil sie den Beamten immer eine Nasenlänge ­voraus sind.
Die organisierte Kriminalität im illegalen Wettspiel wächst stetig. Für das Jahr 2015 vermeldet die interkantonale Lotterie- und Wettkommission Comlot immerhin 52 Hausdurchsuchungen infolge strafbehördlicher Ermittlungen, 2014 waren es 40. Doch angesichts von schweizweit Hunderten Lokalen und Wettspielstätten, die wie Pilze aus dem Boden schiessen und  illegales Glücksspiel anbieten, ist der Erfolg der Behörden bescheiden.

Beim ersten Verstoss wird für den illegalen Wettanbieter eine Busse von 500 Franken fällig. Beim zweiten Verstoss können es bereits 3000 Franken sein. «Die Maximalsumme musste aber noch nie jemand bezahlen», sagt ein Wettanbieter. «Wenn wir an einem Wochenende 10 000 Franken einnehmen und im Schnitt nur alle vier Monate gebüsst werden, dann ist das ein gutes Geschäft.» Erst in letzter Konsequenz würde das Lokal zugesperrt werden. «Aber bevor das passiert, wird die Lokallizenz dem Bruder überschrieben. Dann geht das Spiel von vorne los.»

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Wettbetreibern und Polizei. Das Angebot illegaler Sportwetten ist kaum nachzuweisen. Sie finden auf Computern und in Internet-Cafés statt. Wittert der Lokalbesitzer einen Polizisten, drückt er einen Knopf auf seinem Handy. Sämtliche besuchte Internetseiten verschwinden von den Schirmen und werden aus dem Computerspeicher gelöscht. Die Ermittler können nichts beweisen. Manche Streifen­polizisten kapitulieren und helfen lieber, als zu strafen. Spieler Beat sagt: «Wenn ich ein neues Wettlokal suche, frage ich am besten einen Polizisten.»

Organisierte Kriminalität

Das Wettspiel gedeiht prächtig in den Strassen von Zürich. So sind die Anbieter in der Hierarchie der organisierten Wettkriminalität nicht das letzte Glied in der Kette. Es gibt noch eine Ebene darüber: Die Organisatoren. Sie regeln teilweise aus dem Ausland und per Telefon, in welchen Lokalen welche Spiele angeboten werden und welche Summen angenommen und ausgespielt werden dürfen. Sie gleichen Wettstände zwischen den Lokalen aus. Wenn ein Wettlokal mehr Auszahlungen als Einnahmen geleistet hat, dann wird es von ­einer anderen Spielstätte vorübergehend querfinanziert. Schliesslich bleibt das Geld in der «Familie». Die wirklich hohen Wetteinsätze von 100 000 Franken und mehr «auf Sieg» einer Fussballmannschaft werden nur per Telefon abgewickelt.

Diejenigen, die buchstäblich draufzahlen, sind die Spieler in den Beizen, an den Terminals. Viele sind mehr oder weniger verschuldet, spielsüchtig oder haben mit anderen Problemen zu kämpfen. Ein Spieler an der Bar eines Wettlokals im Kreis 4 prahlt mit dem Gewinn von 10 000 Franken. Von Beruf ist er Programmierer. Kleinlaut legt er nach: «Dafür habe ich bereits 30 000 Franken eingesetzt.» Gemäss Schlussbericht des Forschungsinstituts Ferarihs gibt es die meisten Spielsuchtgefährdeten – im Fachjargon «Häufigspieler»  – unter den Lotto- und Sportwettenspielern.

Ausgeklügeltes System

Die Sonne senkt sich über Zürich und taucht die Stadt in ein Abendrot. Bei Dämmerung suchen die ersten Zocker ihre Stammbeiz mit Wettstation auf. Eine Beizentour unter den Wettbegeisterten beginnt abends und geht bis zum Morgengrauen. Viele Zocker sind arbeitslos, die meisten verdienen in ihrem Job nicht, was sie an den Wochenenden verspielen. Einige sind bei legalen  Glücksspiel- und Sportwettanbietern wie den lizenzierten Casinos und Lotteriegesellschaften gesperrt. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als illegal zu spielen.

Während es an der Langstrasse langsam dunkel wird, trifft Spieler Beat seinen Kollegen Ruedi M*. Zusammen gehen sie in den nächsten Mobilfunkshop von Lycamobile. Hinter einem Turm von Monitoren mit Live-Bildern vom Geschäftslokal und Wettquotentafeln sitzt Ali*, der Telefonwertkarten und gute Tipps «vercheckt». Ali schickt die Spieler Beat und Ruedi ins Wettlokal WinWin*, derzeit der angesagteste Schuppen für Wettprofis.

Das Wetten findet im WinWin an gewöhnlichen Computern statt. Die Webseite im Angebot heisst wir-wetten.com, eine der gefragtesten Zockerseiten der illegalen Schweizer Sportwettenszene. Die Seite wird aus dem  kärntnerischen Klagenfurt aus betrieben: Erlaubt in Österreich, verboten in der Schweiz. In der Ecke des Lokals steht ein ans Internet angeschlossener Automat, an dem die beiden Zocker jeweils einen Lade-Bon für 500 Franken mittels Prepaid-Karte lösen. Mit dem Bon gehen sie zur Bardame, die neben Kaffee und Bier blaue Scheckkarten mit einem Zugangscode ausgibt. Jetzt können sie sich an einem Computer im Lokal einloggen. Beat setzt 800 Franken auf Rumänien. Im besten Fall räumt er 2200 Franken ab. Im schlimmsten Fall verzockt er alles.

Spieler wie Beat und Ruedi sowie unlizenzierte Wettanbieter will der Bundesrat künftig daran hindern, illegale Sportwetten abzuschliessen. Seiten wie Bwin, Interwetten und Wir-Wetten sollen gemäss Gesetzesvorlage von den Telekombetreibern in der Schweiz gesperrt werden. So steht es in der Botschaft zum neuen Geldspielgesetz, worüber nach wie vor die Parlamentarier brüten. Wie das gelingen kann, darüber rätseln Juristen, Behörden und Politiker allerdings bis heute. Wenn eine Seite gesperrt wird, gehen zwei neue dafür auf.  Weder die Zocker noch die Wettanbieter wollen es sich nehmen lassen, mit  Fussballwetten Geld zu machen.

*Namen und Lokalnamen geändert