Der St. Galler SVP-Nationalrat Toni Brunner hat seinen Rücktritt aus der Politik per Ende Jahr angekündigt. «Ich habe es gesehen», sagte Brunner am Freitag in einem Interview vom Samstag.

Der ehemalige Präsident der SVP Schweiz will sich künftig vermehrt um seine Familie und den Bauernhof kümmern. «Am Samstag erhält der Nationalratspräsident mein Rücktrittsschreiben», erklärte Brunner.

Irgendwann werde auch der Politbetrieb in Bern repetitiv, führt der Politiker weiter aus. Neben der Politik seien seine Familie, sein Bauernhof und der Landgasthof immer etwas zu kurz gekommen.

Doch Brunner bewog noch ein weiterer Aspekt zu seinem Entscheid: «Zöge ich die Legislatur durch, müsste meine Partei in St. Gallen bei den Parlamentswahlen im nächsten Herbst mit einem Bisherigen weniger antreten, was zu einem Sitzverlust führen könnte. Also mache ich lieber Platz für einen Jungen.»

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Der heute 44-jährige Brunner wurde 1995 als jüngster Nationalrat aller Zeiten gewählt. Er war damals 21 Jahre alt. Hätte er die nächste Legislatur in einem Jahr angetreten, wäre er der jüngste Alterspräsident geworden.

Prägender Kopf der Partei

Von 2008 bis 2016 war Brunner Präsident der grössten Partei der Schweiz. Unter ihm erreichte die SVP bei den Parlamentswahlen 2011 mit 29,4 Prozent ein Rekordergebnis. Auch ein weiterer Ziel des Toggenburgers, einen SVP-Bauern in der Landesregierung zu stellen, erfüllten sich mit der Wahl des Waadtländers Guy Parmelin.

Toni Brunner bei der Vereidigung im Jahr 1995

Toni Brunner bei der Vereidigung im Jahr 1995: Damals 21-jährig.

Quelle: Keystone

Brunner, der als politischer Ziehsohn des SVP-Chefstrategen Christoph Blocher gilt, prägte die Partei, etwa deren rigide Migrationspolitik, den antieuropäischen und antiökologischen Kurs und den Einsatz für Armee und Landwirtschaft.

Während seiner Parteipräsidentschaft wurden die Ausschaffungsinitiative, die Masseneinwanderungsinitiative, die Selbstbestimmungsinitiative und die Durchsetzungsinitiative lanciert. Doch auch die Abspaltung der BDP fiel in Brunners Amtszeit.

Der Instinktpolitiker

Bundesrat wollte Brunner, der Bauernsohn aus Ebnat-Kappel, nie werden. Auch wenn ihn Blocher und die «Weltwoche» immer wieder als idealen Kandidaten sahen, war seine Antwort stets ein klares Nein. Als Stolperstein für den Instinktpolitiker galten vor allem seine mangelnden Sprachkenntnisse.

Die Arbeitsweise der Politik kommentierte er in dem Interview am Samstag mit Kritik: «Was ich generell in der Politik vermisse, ist die Authentizität. Ich kam so jung in die Politik, dass gar keine Zeit blieb, um mir eine Rolle zurechtzulegen. Ich habe gar nie gelernt, mich diplomatisch auszudrücken. Redete, wie mir der Schnabel gewachsen ist.»

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Mit Eveline Widmer-Schlumpf und mit Samuel Schmid ging er in dem Interview zudem hart ins Gericht. «Für mich war respektlos, was Widmer-Schlumpf gemacht hat. Wenn man hinter dem Rücken der eigenen Leute mit dem Gegner kooperiert. Es ging ihr um das eigene Ego und nicht um das Wohl des Landes.» Und Schmid habe ständig etwas zu meckern und zu kritisierten gehabt.

Im Nationalrat sass Brunner während 23 Jahren fest im Sattel. Er galt stets als bekennender Parteipolitiker. Für Sachpolitik interessierte er sich nur am Rande. Das liess sich an seinen Vorstössen im Parlament und seinem halbherzigen Engagement in den Kommissionen ablesen.

Wie sehr ist die Volkspartei noch eine Wirtschaftspartei?

Von 2008 bis 2016 präsidierte Toni Brunner die SVP. Es waren prägende Jahre für die Volkspartei. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative war eine Wegmarke in der Politik. Sie war Ursprung für eine Neudefinition des Verhältnisses zur Europäischen Union und sorgt bis heute für Diskussionen. Die Standpunkte der SVP haben sich zusehends von den Bedürfnissen der Wirtschaftsverbände entkoppelt. Deshalb die Frage: Wie sehr ist die Volkspartei noch eine Wirtschaftspartei?

Die beiden «Handelszeitung»-Redaktoren David Vonplon und Ralph Pöhner. Sie sprachen unter anderem mit Michael Hermann, dem Chef der Politforschungsstelle Sotomo, Hans Hess, dem Präsidenten von Swissmem, Valentin Vogt, dem Chef des Arbeitgeberverbandes, und Monika Rühl von der Economiesuisse. Das Verdikt: «Be­gonnen hat die SVP vor hundert Jahren als Bauern- und Gewerbepartei. Im Grunde ist sie das geblieben.» Lesen Sie den ganzen Text hier.

 

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Brunner bewies dagegen bereits früh, dass er etwas von politischer Feldarbeit versteht. Mit Blocher, Ueli Maurer und Caspar Baader gehörte er zum Kreis der Unermüdlichen, die für die Sache der SVP durch die Sääli und Mehrzweckhallen der Schweiz tingelten.

Fairer Verlierer

Misserfolge nahm Brunner meist gelassen. Zweimal scheiterte «das beste Pferd im Stall» bei den St. Galler Ständeratswahlen, 2011 an Gewerkschaftsbund-Präsident Paul Rechsteiner (SP). «Es weht ein SP-Lüftchen durchs Land», kommentierte Brunner die Wahlniederlage.

Tradition, aussenpolitische Abschottung, Skepsis gegenüber dem Staat und Fremden: Brunner vertrat solche Positionen nicht nur, er verkörperte sie als Landwirt, als Mitbesitzer des Landgasthofs Sonne – Haus der Freiheit und Initiant eines Ländler-Radios.

Privat ist Brunner mit Esther Friedli liiert. Die PR- und Politikberaterin führte vom heimischen Hof aus zum Beispiel den Wahlkampf von «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel. Aktuell ist sie Parteisekretärin der SVP des Kantons St. Gallen.

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Toni Brunner im Herbst 1995

Toni Brunner im Herbst 1995: Zog als Bauer ins Parlament.

Quelle: Keystone

(sda/ise)