Die im Juli 2022 unter Vermittlung der UNO und der Türkei erreichte «Black Sea Grain Initiative» brachte die Getreideauslieferung aus dem Hafen Odessa nach monatelanger Blockierung wieder in Gang. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels haben die russischen Behörden die Vereinbarung erneut aufgekündigt – ohne damit für Überraschung zu sorgen.  

Ukraine: Lieferkette und Zukunft der Logistik absichern  

Logistikalternativen kommt daher weiterhin grosse Bedeutung zu. Aus der akuten Kriegs- und Krisensituation entstanden zukunftsweisende Kooperationen. Dies zeigte auf eindrückliche Weise das vom Ukrainian Agribusiness Club und vom UCA Bevent Anfang Oktober 2022 organisierte Webinar «Agricultural Logistics between Ukraine and the EU: Time of Disillusionment». Als offizieller ukrainischer Behördenvertreter zeigte Mykhaylo Sokolov, Advisor to the Minister of Agrarian Policy and Food of Ukraine, die staatlichen Unterstützungsmassnahmen zur Aufrechterhaltung der Agrarwirtschaft als wichtiger Pfeiler der ukrainischen Volkswirtschaft auf.  

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Alex Lissitsa, CEO der ukrainischen Getreidehandelsgesellschaft IMC, nimmt durch seine internationalen Branchenkontakte eine wichtige Vermittlungsrolle ein. Er betont: «Politische Verantwortliche in der Ukraine, EU und weltweit müssen Verantwortung übernehmen und die richtigen langfristigen Eckpfeiler einschlagen!» Solidaritätsbekenntnisse der EU-Politik seien gut. Notwendig seien jedoch kurzfristige, praktische Schritte, wie etwa die Anerkennung von seitens der Ukraine etablierten grenzsanitarischen Standards und die Erleichterung der Importformalitäten.  

Starke Kooperationen mitten in (Ost-)Europa  

Wo genau liegt die Mitte Europas? Zumindest nach ukrainischer Lesart kommt diese Ehre dem in den ukrainischen Karpaten nahe der rumänischen Grenze liegenden Dorf Dilowe (ukrainisch Ділове, russisch Деловое, Delowoje, slowakisch Trebušany, ungarisch Terebesfejérpatak) zu.  

Ukraine und die Schweiz: Verantwortung als wirtschaftlicher Überlebensfaktor

Freiheitlich-rechtsstaatliche Demokratien wie die Schweizerische Eidgenossenschaft sehen sich mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine an ihre Grundprinzipien erinnert. Der Kommentar. Weiterlesen.

Im Webinar-Austausch teilten die Vertreterinnen und Vertreter der ukrainischen Nachbarländer die Einschätzung von Alex Lissitsa. Cezar Gheorghe, Berater beim Romanian Farmers Club, und Gerard de la Salle (Agro-Kon, Polen) forderten kurzfristige Erleichterungen an der EU-Grenze. Und Ludwig Striewe, Vertreter des deutschen Unternehmens BAT Agrar, sagte: «Die einschränkenden EU-Importauflagen beschämen uns, auch mit Blick auf die grossen Verluste.»  

Einigkeit besteht auch zum Thema Handlungsbedarf: Dringend notwendig ist der solidarische Ausbau der im Verlauf des Jahres 2022 intensivierten grenzüberschreitenden Schienentransporte sowie die traditionelle Flusslogistik. Mit einer verstärkten westeuropäische Nachfrage nach ukrainischen Agrarprodukten gewinnt die verstärkte Ausschiffung über die Ostseehäfen an Bedeutung. Jedoch: Die sichere und freie Transportlogistik über die Schwarzmeerhäfen können diese Alternativen nicht ersetzen. Denn die traditionellen Zielländer der ukrainischen (und russischen) Getreidelieferung liegen im Nahen Osten und in Afrika. Der Schiffstransport erweist sich sowohl mit Blick auf die Kapazitäten wie der Nachhaltigkeitsbilanz als unschlagbar. Der Ausbau der Bahn- und Flussschiffslogistik bietet langfristig eine sinnvolle Ergänzung und Absicherung. Der Strassentransport erweist sich wortwörtlich als Notlösung. Durch kilometerlange Dauerstaus an der EU-Grenze, steigende Treibstoffpreise, beschränkte Kapazitäten und grosse Zeitaufwände überschreiten die Transportkosten teilweise den Wert der transportierten Ware. Mangels genügender Alternativen nutzen derzeit nach wie vor viele den Strassentransport.  

Anbaukreislauf in Gefahr  

Anfang März 2022 fielen wichtige Agrargebiete rund um die Hafenstadt Cherson unter russische Besatzung. Wie durch viele renommierte Medien wie beispielsweise «The Guardian» regelmässig dokumentiert, wurden in der Folge viele Getreidesilos systematisch leer geräumt und wurde die Fracht über die Krimhäfen als angeblich «russisches Getreide» ausgeliefert, beispielsweise um das syrische Assad-Regime zu stützen.  

In den Ackerbauregionen unter ukrainischer Kontrolle liess sich die Aussaat- und Erntesaison 2022 trotz starker Beeinträchtigung und in vielen Fällen persönlicher Gefährdung aufrechterhalten. Der Zusammenbruch des Anbaukreislaufs und der globalen Ernährungsversorgung droht trotz dieser eindrücklichen Leistung jedoch weiterhin. «Wir haben derzeit nicht hauptsächlich ein Lagerproblem, sondern hauptsächlich ein Liquiditätsproblem», warnt Alex Lissitsa. Bisher hätten viele Ackerbaubetrieben dank gegenseitiger Unterstützung und dem Rückgriff auf die Reserven an Saatgut, Treibstoffen und agrartechnischer Ressourcen überlebt. Jetzt stünden jedoch viele kriegsbedingt vor grossen Liquiditätsproblemen. Ohne massive finanzielle Unterstützung drohe nun der Zusammenbruch des Agrarkreislaufs von Aussaat und Ernte.  

Bestellungen statt Bedauern

«We need orders – not regrets!», betont Anastasiia Bilych. Die Fachfrau mit PhD in «Sustainable Development in Agribusiness» kennt als Marketing- und Nachhaltigkeitsverantwortliche der Bio-Agroindustrial Group Arnika Organic die Herausforderungen aus erster Hand. Arnika Organic steht für einen Verbund von auf biologisch bewirtschafteten Agrarbetrieben in der Poltawa-Region, etwa auf halber Distanz zwischen Kiew und den umkämpften Regionen im Süden und Osten. Mit insgesamt rund 15’000 Hektaren zählt Arnika Organic zu den grössten Biobetrieben Europas. Mit Blick auf die Sicherung und den Ausbau der Lieferlogistik betont auch Anastasiia Bilych, die Bedeutung der solidarischen Kooperation aller Akteure. Sie ergänzt: «Somebody needs to show responsibility and take the lead!»  

Anastasia Bilych

«We need orders – not regrets!», sagt Anastasiia Bilych.

Quelle: ZVG

Nach einer Aussaat- und Erntesaison unter Kriegsbedingungen zieht Anastasiia Bilych eine vorsichtig positive Bilanz: «In unserem Betrieb sieht es nach Abschluss der Erntekampagne sogar so aus, als ob die diesjährige Ernte besser ausfällt als die letztjährige.» Die Herausforderung bezüglich Lagerung und Logistik bestehen dennoch: «Wir arbeiten jetzt an der Möglichkeit, unsere Produkte über die Häfen von Danzig und Gdynia in die skandinavischen Länder, das Vereinigte Königreich und nach Deutschland zu liefern.» Trotz der Nachteile sei derzeit nach wie vor der LKW-Strassenweg das meistgenutzte Transportmittel.  

«Donau Soja» – echter Wandel durch neue Handelspartnerschaften  

Beim Aufbau echter und fairer europäischer West-Ost-Handelspartnerschaften hat sich trotz der politischen Leitplanken seit 2012 eine Praxiskooperation mit Zukunftsperspektive etabliert: Der Verein «Donau Soja» verbindet seit der Lancierung 2012 «Europa Bohne für Bohne», und das seit 2012. «Wir wollten einen Verband von progressiven Unternehmen gründen, unter Einbindung der Zivilgesellschaft, mit dem Ziel einer europäischen Eiweisswende», erinnert sich Donau-Soja-Präsident und Mitgründer Matthias Krön im Rahmen einer Jubiläumsfeier Ende September 2022 im Wiener Hotel Intercontinental an die Anfangszeit. Die grosse Aufgabe: die europäische Eiweisswende und als erster Schritt die Veränderung der Sojakette, namentlich als GVO-freie und ökologische Alternative zum Bezug aus China und Brasilien.  

Donau Soja ist ein internationaler gemeinnütziger Verein mit Hauptsitz in Wien (Österreich) und Regionalbüros in Novi Sad (Serbien), Kiew (Ukraine) und Chişinău (Moldawien) sowie einer Vertretung in Bukarest (Rumänien). «Gentechnikfreiheit, Rückverfolgbarkeit, regionaler Anbau und nachhaltige Produktion (keine Landnutzungsänderung!) sind die Kernkriterien der Qualitätszeichen von Donau Soja und Europe Soya», so Matthias Krön.  

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