Wie wichtig ist Davos noch? Zahlreiche Hochkaräter meiden das Weltwirtschaftsforum in diesem Jahr. Von den Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten etwa ist nur der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz da. Und auch andere zeigen, dass das WEF drei Jahre nach Pandemiebeginn offenbar nicht mehr ganz oben auf der Agenda steht.

US-Finanzministerin Janet Yellen ist zwar diese Woche in der Schweiz, doch nach Davos kommt sie nicht. Stattdessen hält sie ihr erstes persönliches Treffen mit dem chinesischen Vize-Premier und Wirtschafts- und Finanzminister Liu He – der am Dienstag am WEF eine Rede halten wird – am Mittwoch in Zürich ab.

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Die beiden würden «ihre Meinungen über makroökonomische Entwicklungen und andere wirtschaftliche Fragen austauschen», sagte das US-Finanzministerium in einer Erklärung.

Entspannung ja, aber nicht in der Taiwan-Frage

Das chinesische Handelsministerium bestätigte das Treffen am späten Montag. Es ziele darauf ab, die wirtschafts- und finanzpolitische Koordinierung zu stärken und die Vereinbarungen umzusetzen, die während eines Gipfeltreffens zwischen dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und Joe Biden Ende letzten Jahres getroffen wurden. Handelsteams hätten eine «solide Kommunikation» aufrechterhalten, sagte das Ministerium.

Die Staatschefs Biden und Xi hatten sich erst im November am Rande des G20-Gipfels in Bali, Indonesien, getroffen. Es war die erste persönliche Sitzung der Staatsoberhäupter und gilt als Auftakt für eine leichte Entspannung in der Beziehung der beiden Länder. 

Hart bleiben beide Seiten aber bei den Themen Taiwan, Handel und Menschenrechte. Yellen hat sich in den vergangenen Monaten für eine sogenannte «Friend-Shoring»-Politik eingesetzt. Sie würde dazu führen, dass sich die USA und ihre Verbündeten bei der Lieferung kritischer Güter weniger auf China verlassen würden.

Dies und die Bemühungen, China den Zugang zu wichtigen Technologien zu verweigern, haben Peking dazu veranlasst, die USA des wirtschaftlichen Protektionismus zu beschuldigen und eine Beschwerde bei der Welthandelsorganisation einzureichen.

Was vom US-China-Treffen in Zürich erwartet wird

Während Aussenminister Antony Blinken Peking Anfang 2023 besuchen will, hatte Yellen noch im Dezember gesagt, sie habe keine konkreten Pläne für eine ähnliche Reise – sei aber offen für diese Möglichkeit. Die ist nun mit der Öffnung Chinas und der Teilnahme von Liu am WEF offenbar schneller gekommen als gedacht.

Neben der Ansprache mehrerer heikler Themen könnte Yellen das Zürcher Treffen auch nutzen, um Liu während eines Kongresses der Kommunistischen Partei im Oktober über den Zustand der chinesischen Wirtschaft und die Richtung der Wirtschaftspolitik nach Xis Machtkonsolidierung zu befragen.

Yellen sagte im November gegenüber Bloomberg News, dass die grössere Machtkonzentration bei Xi und der Wechsel führender Beamter in Peking die Unsicherheit über die Richtung der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt erhöht hätten. Yellen könnte zu den jüngsten Entwicklungen nachhaken, die darauf hindeuten, dass das neue Führungsteam tatsächlich bereit ist, dem Privatsektor mehr Raum und Unterstützung zu geben.

Yellen reist weiter nach Afrika

Liu, mit dem Yellen bislang drei Videokonferenzen abgehalten hat, gehört zu jenen Beamten, von denen erwartet wird, dass sie ihren derzeitigen Posten aufgeben, wenn Xi im März seine neue Regierung vorstellt.

Das persönliche Kennenlernen könnte entsprechend keinen grossen Einfluss mehr haben. Interessant ist es allerdings auch vor dem Hintergrund, dass Yellen anschliessend weiter nach Afrika reist. Die elftägige Reise in den Senegal, nach Sambia und Südafrika ist Teil einer Strategie der Biden-Regierung, Beziehungen auf dem Kontinent aufzubauen und Chinas Einfluss in den Entwicklungsländern entgegenzuwirken.

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Mit Material von Bloomberg