Für junge Berufsleute ist der Lohn ein Faktor unter vielen. Das zeigen Studien zur Motivation von Millennials. Das ist fürs Schweizer Milizsystem eine gute Nachricht. Milizarbeit wird zwar häufig auch – mehr oder weniger – entschädigt, dennoch dürfte dies nur bei den wenigsten den Ausschlag für ein politisches, soziales oder militärisches Amt geben.

Mit Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger, SVP-Nationalrätin Natalie Rickli und Armeechef Philippe Rebord traten Verfechter des Schweizer Milizsystem kürzlich in Zürich an einer Veranstaltung von Axa Investment Managers auf.

Traditionell und günstig

Für Nationalrätin Rickli sind es ideelle, aber auch praktische Gründe, die für das Milizsystem sprechen. Einerseits sei dieses eine Besonderheit der Schweiz, der es Sorge zu tragen gelte. Als Milizparlamentarierin schätze sie es, ihre Berufserfahrung einbringen zu können. Andererseits ist für sie das Milizsystem ein Hauptgrund, warum die Schweiz über praxisnähere Gesetze verfüge als andere Länder.

Auch aus wirtschaftlicher Sicht spreche einiges fürs Milizsystem. Ein Punkt sind für Reiner Eichenberger etwa die Kosten. Freiwillige und durch die Sache motivierte Leute bräuchten weniger Lohn. Zudem könnten diese punktuell und nach Arbeitsanfall eingesetzt werden, für den Rest des Jahres seien die Kosten gleich null.

Erfüllung neben dem Job

Daneben gäbe es auch Vorteile für die Milizler. Sie profitierten vom Wissenstransfer - vom Milizamt zum Vollzeitjob und umgekehrt. Lebenslanges Lernen und Abwechslung - das dürften Millennials schätzen. Ein zweiter Punkt dürfte aber noch wichtiger sein. Junge Berufsleute sind ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und entwickeln sich gerne weiter. Laut einer Studie von PWC schauen acht von zehn aktiv nach neuen Arbeitsmöglichkeiten oder wären offen für Angebote. Ein Milizamt bietet sich als Treffpunkt an, um neue Leute kennenzulernen und neue Möglichkeiten erschliessen zu können.

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Auf die Frage, welcher Faktor für die letzte Jobwahl der entscheidendste war, gab über ein Drittel die «Reputation der Organisation/Arbeitgeber» an. Auch dieser Indikator spricht für ein Milizamt. Zudem schätzen Millennials Flexibilität.

Mangel trotz Attraktivität

Trotz den vielen Vorteilen haben immer wieder Gemeinden Mühe ihre Ämter zu besetzen. Fehlt der Nachwuchs? Reiner Eichenberger kann der jungen Generation keinen Vorwurf machen, denn heute sei schlicht das Angebot grösser. Statt für die Gemeinde oder als Feuerwehrmann können sich Interessierte auch bei Sportklubs, für Kulturlokale, bei Gemeinschaftsgärten oder etwa in der Flüchtlingsbetreuung engagieren.

Manche haben die Politik vielleicht einfach nicht auf dem Radar. Ändern will dies der Schweizerische Gemeindeverband, der zusammen mit Economiesuisse und der «Gruppe junger Gemeinderäte Oberaargau» Werbung für das Milizsystem macht. «Mehr Junge in den Exekutiven» heisst ihre Kampagne, die letztes Jahr gestartet ist.

Keine Steuern auf Freiwilligenarbeit

Gefordert sind auch die Unternehmen, denn Verständnis und Entgegenkommen seitens der Firma sind wichtige Voraussetzungen für ein Milizamt. Fortschrittlich zeigt sich etwa die SBB. Dort bekommen politisch engagierte Mitarbeiter 15 zusätzliche – bezahlte – Ferientage. Ebenfalls hilfreich sind Teilzeitstellen, flexible Arbeitszeiten und Freistellungen.

Für gut bezahlte Vollzeitarbeiter könnte die Steuerbefreiung von Freiwilligenarbeit ein Anreiz sein. Diese Forderung bringt Reiner Eichenberger vor: «Wenn Leute sich über ihren Vollzeitjob hinaus engagieren und dann 50 Prozent ihrer Entschädigung wieder über die Steuer abgeben müssen, dann ist das nicht akzeptabel.» Geld sei nicht alles, was zähle, sei aber die Glaubwürdigkeits des Danks: «Das kann in Form von Geld sein, muss es aber nicht.»