Man sollte sich von den scheinbar besseren BIP-Wachstumsprognosen für 2020 vs. 2019 nicht blenden lassen. Unsere Prognose für 2020 muss dreigeteilt werden: erstens in ein «geerbtes Wachstum» aus dem Jahr 2019 von rund 0.35 Prozent, das 2020 auch stattfände, wenn in jedem Quartal Stagnation verzeichnet würde.

Zweitens fliessen die Lizenzgebühren, die das IOC und die UEFA für die Olympischen Spiele beziehungsweise die Europameisterschaft einnehmen, in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Schweiz. Dies hebt das BIP um weitere 0.25 Prozent an.

Ab- und Aufwärtsrisiko

Dadurch sinkt, drittens, das «zugrunde liegende» Jahreswachstum 2020 in unserer Prognose auf blosse 0.6 Prozent. Die Nettomigration, in der Vergangenheit ein wichtiger Wachstumstreiber, ist gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2013–2018 um 24 Prozent auf jährlich rund 45'000 Personen gesunken. Seit April 2019 liegt der PMI der Industrie in der Schweiz unter 50 Punkten, was sich mit dem Abschwung deckt.

Weil dieser Sektor nur rund 18 Prozent der Wirtschaft ausmacht, ist eine ausgemachte Rezession nicht unser Basisszenario für die Schweiz. Die Tendenz in diesem zyklischen Sektor ist aber so beunruhigend, dass wir mit einem graduellen Anstieg der Arbeitslosigkeit bis Ende 2020 rechnen.

Die Inflationszahlen für September überraschten leicht negativ, weshalb die Prognose für 2020 nach unten korrigiert wurde. Der allgemein erwartete Mietkostenrückgang hat sich 2019 bisher nicht manifestiert, stellt aber weiterhin ein Abwärtsrisiko für die Inflationsprognose für 2020 dar. Unerwartet steigende Energiepreise sind hingegen das grösste Aufwärtsrisiko.

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Kein einheitliches Bild in der Eurozone

Auch nach 20 Jahren gemeinsamer Geldpolitik unter der Ägide der EZB ist es schwierig bis unmöglich, ein einheitliches Narrativ für die Entwicklung des gesamten Währungsraums zu entwickeln. An Deutschland und Frankreich zeigt sich, dass die Entwicklungen in den einzelnen Ländern in Sachen Arbeitsmarktbedingungen oder Fiskalimpulse stark variieren können.

Unser Basisszenario für die Weltwirtschaft bis 2022 trägt den Titel «Gebietsweise auftretende, milde Rezession». Diese etwas grobe Beschreibung bedeutet, dass nicht die ganze Eurozone in eine technische Rezession fallen wird. In einigen Ländern und Sektoren geht die Wirtschaftstätigkeit jedoch stark zurück.

Rezessionskandidat Nr. 1 war für uns schon immer die deutsche Industrie. Derweil sind andere Länder nur beschränkt betroffen. Es kommt ganz auf ihre Exportabhängigkeit und ihren fiskalischen Spielraum an. In Österreich und Finnland verschlechterte sich die Stimmung, während die Dynamik in Frankreich, den Niederlanden und Griechenland besonders solide blieb.

Wirtschaftsbedingungen in Belgien

Im Oktober verbesserten sich die Unternehmens- und die Konsumentenstimmung in Belgien. An diesem Land lassen sich die Wirtschaftsbedingungen der Eurozone als Ganzes wohl am besten abschätzen.

Seit letztem Monat wurden die Inflationserwartungen erneut nach unten korrigiert, sowohl in unserer Analyse als auch beim Konsensus von mehr als 30 Expertenprognosen. Die Gesamtinflation wird in der Eurozone bis zum ersten Quartal 2020 vorübergehend steigen.

Aber die zugrunde liegende Dynamik reicht nicht aus, um die Gesamtinflation mittelfristig in den Zielbereich der EZB von «knapp unter zwei Prozent» zu bringen. Unsere Prognose für die durchschnittliche Jahresinflation für 2020 und 2021 beträgt 1.3 Prozent.

*Marc Brütsch, Chefökonom bei Swiss Life Asset Managers