Die Fluggesellschaft Swiss bietet ihrer Kundschaft in den kommenden Monaten auf den Langstrecken in der First- und Business-Klasse eine Auswahl der besten «Taste of Switzerland»-Menus an. Auch ein neuer Kabinenservice in der Business-Klasse soll das Reisen individueller machen, die Reisenden sollen essen können, wann sie möchten – und nicht mehr dann, wenn das Wägeli neben ihnen steht.

Die echten Innovationen im Reise- und Mobilitätsbereich finden indes auf anderen Gebieten statt (siehe auch Artikel auf der nächsten Seite). So sind viele junge Flight Attendants, deren Stellen bei der Swiss abgebaut wurden, bei Edelweiss untergekommen.

Im Sommer 2020 und 2021 erholte sich der Freizeit- und Ferienreiseverkehr viel rascher als derjenige der Geschäftsreisen. Davon profitieren die wichtigen Anbieter im Reise- und Mobilitätsbereich unterschiedlich.

Gemäss den Analysten von Bernstein, einer Investmentbank, teilen sich die Fluggesellschaften in Europa in zwei Kategorien auf: auf der einen Seite die Hub-basierten Anbieter mit kleinem Inlandverkehr und vielen Langstrecken, auf der anderen Seite die mit einem hohen Anteil an gut zahlenden Geschäftsreisenden. Zu dieser Kategorie zählen neben der Swiss-Konzerngesellschaft Lufthansa auch Air France-KLM und IAG, die Dachgesellschaft von British Airways und Iberia. Sie spüren, dass die USA und wichtige asiatische Destinationen wie China, Japan und Singapur für Europäer und Europäerinnen auf absehbare Zeit geschlossen bleiben. Sie reagieren jeweils mit Kostensenkungen, der Ausflottung älterer Flugzeuge und späterer Einflottung neuer Modelle.

Strategien kommen an ihre Grenzen

Laut den Analysten sind diese Geschäftsmodelle nicht grundsätzlich überholt, denn interkontinentale Reisen werden zunehmend wieder möglich. Zwei neue Herausforderungen sind aber schon jetzt absehbar: zum einen die zunehmende Konkurrenz durch die Billig-Airlines wie Wizz oder Ryanair in Europa – wer beispielsweise aus dem Tessin günstig nach Sizilien reisen will, hat die Auswahl zwischen zwei grossen Mailänder Flughäfen mit drei Gesellschaften. Wer aus dem schweizerischen Mittelland günstig in Richtung Balkan reisen möchte, bucht bei Billig-Airlines ab Basel.

Nicht nur sauber, sondern rein

Zum anderen verschieben die Reiseeinschränkungen und Quarantänebedingungen auf absehbare Zeit die Kalkulationsbasis für Langstrecken. Weniger Flüge, eine Reduktion der Anzahl der Business-Class-Sitze und ein Auf- beziehungsweise Ausbau der Eco-Plus-Angebote sind die wichtigsten Neuerungen. Ob und in welcher Form das oberste Kundensegment zurückkommt, ist offen: Die Analysten der Credit Suisse und der Citigroup gehen von 20 bis 25 Prozent aus, die nie mehr zurückkommen werden. Geschäftsreisen haben sich teilweise in Richtung der kleinen Privatjets verlagert. Die Netjets-Karten sind die neuen Statussymbole, sie haben die Vielfliegerkarten längst abgelöst. Hier, bei den 6- bis 15-Plätzern, sind die Corona-Hygieneanforderungen leichter zu handhaben, viele Passagiere fühlen sich auch subjektiv wohler und können dem Gedrängel auf den Flughäfen (noch) besser aus dem Weg gehen – zumal viele Reisende und auch viel Bodenpersonal die Routinen der Vielfliegerei regelrecht verlernt haben.

Vor und nach den Peak-Zeiten kommen neue Kundinnen und Kunden.

 

Grösserer Reinigungsaufwand, längere Aufenthaltsdauern – bei Airbnb buchen die Kundinnen und Kunden ebenfalls anders. Auch hier gibt es eine zweigeteilte Entwicklung: Lokale und regionale Angebote laufen in Europa gut, besonders wenn die Anreise mit dem Auto möglich ist. Eine höhere Flexibilität bei den Annullierungen und Umbuchungen hat der Plattform ebenfalls geholfen, sich rasch vom Einbruch im Frühling 2020 zu erholen.

Wie bei vielen digitalen Plattformen gibt es auch hier Innovationen bei den Algorithmen: Nachdem sich bei der ersten Corona-Welle gezeigt hatte, dass und wie wichtig die Kundenbewertungen zur Sauberkeit und Hygiene der Unterkünfte ist, suchen die Algorithmen gezielt nach den damit zusammenhängenden Einschätzungen. In Städten in den USA, beispielsweise im Bundesstaat Texas, wo es seit März 2020 nie Reiseeinschränkungen gegeben hat und der sich deshalb gut als Vergleichsumgebung eignet, zeigt sich, dass und wie wichtig dieser Faktor für die Vermietbarkeit der Unterkünfte geworden ist.

Länger und anders

Airbnb geht es deutlich besser als vielen angeschlossenen Vermietern, die ihre Kapazitäten im Sommer 2021 nicht wie erwünscht verkaufen konnten. Oder das Interesse konzentrierte sich auf die wenigen Wochen während der Sommerferien in einzelnen Ländern.

Allerdings zeichnen sich auch hier Veränderungen ab: Vor und nach den Peak-Zeiten kommen neue Kundinnen und Kunden. Sie bleiben deutlich länger, sie kommen mit mehr Gepäck, sie erkundigen sich nach einem Arbeitstisch im Appartement und installieren ihre Notebooks. Tagsüber sitzen sie am Notebook oder sie telefonieren.

Was sie wirklich hertreibt, erschliesst sich erst an den Randzeiten und an den Wochenenden: Dann schauen sich diese neuen Kundinnen und Kunden die Umgebung in Hinblick auf die Qualitäten und als zukünftigen Standort für die Homeoffice-Wochen an.

Das erfordert neue Einschätzungen. Denn ausserhalb der Hochsaison sind viele schöne Destinationen öde und viele Fazilitäten nicht zugänglich.