Sie vertreiben «In-store-Retail-Media-Lösungen». Können Sie kurz erklären, was damit gemeint ist? 

Retail-Media bedeutet grundsätzlich, Werbung innerhalb von Webshops und digitalen Marktplätzen zu schalten. Das kann in unterschiedlicher Form passieren. Auf der einen Seite können Hersteller in gesponserte Produkte investieren. Sprich: Coca-Cola bezahlt Coop dafür, dass Coca-Cola ganz oben bei den Suchergebnissen erscheint, wenn der Kunde nach dem Begriff «Cola» sucht. Oder aber Coca-Cola bucht eine Video- und Display-Werbung und wird den Kundinnen und Kunden direkt als Empfehlung auf der Landingpage angezeigt. Das sind Möglichkeiten für Hersteller, zielgruppenorientiert die eigenen Produkte dort zu platzieren, wo sie direkt gekauft werden können. 

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Was bedeutet «In-store» im Kontext Ihres Produkts? 

Wir haben mit unserem Unternehmen eine Möglichkeit geschaffen, Retail-Media auf die physische Welt zu übertragen. Was bedeutet, dass wir die beschriebenen Partnerschaften vor Ort in den Ladengeschäften umsetzen können. 

Wie darf man sich das vorstellen? 

Unsere Technologie steckt in sogenannten Displays, also aufstellbare Monitoren, auf denen Werbung ausgespielt wird. In der Nähe des Screens befindet sich jedoch zusätzlich ein visueller Sensor, also eine umfunktionierte Kamera, die ungefähr und anonymisiert abschätzen kann, was für ein Shopper-Profil sich gerade davor aufhält. Sind es Frauen? Paare? Ein Vater mit seiner Tochter? Junge Menschen? Diese Informationen werden in Echtzeit ins System eingespeist und die Werbung kann sofort zielgruppengenau für diese Personen ausgespielt werden. 

Woher wissen Sie, welche Zielgruppe sich für welche Produkte interessiert?

Durch Treueprogramme wie beispielsweise «Coop Supercard» und «Migros Cumulus» wissen Detailhändler bereits sehr viel über ihre Kundschaft. Diese Daten helfen ihnen, die Shopper in Zielgruppen zu segmentieren. Auf der anderen Seite wissen Hersteller wie beispielsweise Coca-Cola oder Ricola sehr viel über ihre Zielgruppen. Sie nennen sie meistens «Personas». Mit unserer Technologie helfen wir, diese zwei Welten zusammenzubringen. So können die Hersteller ihre «Personas» in den Shopper-Segmenten der Detailhändler wiederfinden und in Echtzeit über smarte Werbescreens ansprechen. 

Wo bleibt da der Datenschutz?

Der ist komplett gewährleistet. Wenn es um Datenschutz geht, gehen wir sogar weiter als das, was das Gesetz verlangt. Wir haben eine Architektur gebaut, die nicht mal fähig ist, Personendaten zu speichern. Das nennt sich «privacy by design».

Wie erfolgreich ist euer Produkt? 

Wir haben 2016 mit der Entwicklung gestartet und haben es recht schnell auf den Markt gebracht. Damals haben wir die Technologie allerdings für einen anderen Anwendungsfall eingesetzt – für autonome Läden wie Amazon Go. 2021 haben wir dann eine radikale, aber nötige Entscheidung getroffen, die sich mittlerweile als gewinnbringend herausgestellt hat. Wir haben alle Karten auf Retail-Media gesetzt, das Produkt radikal verschlankt und sogar eine neue AG mit neuem Zweck gegründet. Das war gewagt, weil der Markt dafür noch nicht da war. Die Strategie basierte auf der Antizipation von künftigen Marktentwicklungen. Doch dank agilen Unternehmensstrukturen, einer selbstkritischen Arbeitsweise und vor allem durch einige Kundinnen und Kunden, die es doch einfach mal ausprobiert haben, hat unser Start-up Bestand. Und seit nun etwa zwölf Monaten läuft es wirklich sehr gut. Mittlerweile sind wir 35 Mitarbeitende und arbeiten mit Unternehmen auf der ganzen Welt zusammen. So sind beispielsweise bekannte Namen wie Walmart, Carrefour, Tesco und Spar Kunden von uns. 

Was denken Sie, hat sich im Markt verändert, dass es nun bei Ihnen so gut läuft?

Die Strukturen und auch Einstellungen der Detailhändler haben sich verändert. Auslöser war sicher Corona wie auch die immer weiter zunehmende Digitalisierung. Retail-Media boomt auch online erst seit ein paar Jahren. Die Hersteller haben verstanden, dass sie dort sein müssen, wo die Kunden direkt mit wenigen Klicks ihre Produkte kaufen können. Niemand sucht mehr über Google oder eine andere Suchmaschine nach «Cola und Shop». Du gehst direkt auf deinen bevorzugten Online-Shop und suchst dort nach «Cola». 

Was waren in Ihren Augen die einschneidendsten Veränderungen?

Detailhändler sind risikoavers. Corona hat sie jedoch gezwungen, ein wenig mutiger und digitaler zu agieren. Das hat dazu geführt, dass plötzlich mehr Digitalexperten und -expertinnen eingestellt werden mussten. Dass neue Rollen und sogar Abteilungen geschaffen wurden. Die haben geschaut, wie sie damit umgehen, dass man plötzlich virtuell so präsent sein musste. Und diese Menschen sind heute noch da und sorgen für Innovationen. Was auch deshalb wichtig ist, weil die Realität zeigt, dass im Bereich des Lebensmittelkaufs immer noch der Laden bevorzugt wird. Ganz im Gegenteil zu Technik und Kleidung. Neun von zehn Menschen kaufen Lebensmittel direkt vor Ort. 

Wie wichtig ist künstliche Intelligenz für Ihr Produkt? 

Es ist das Kernprodukt. Wir sehen unsere Aufgabe darin, KI in die Digitalisierung zu bringen. Diese ist mittlerweile recht fortgeschritten. Das neue Werkzeug KI nun zu integrieren, ist der nächste Schritt. Und der muss schnell passieren, sehr schnell. Wichtig ist, dass man KI als Ergänzung sieht, als neues Werkzeug. Unsere Aufgabe ist, sie als vertrauensvolle Technologie zu verstehen, aber auch zu dieser zu machen. Daher auch der Umbau der Kameras zu datenschutzkonformen visuellen Sensoren, die wir in unserer Lösung nutzen. Die Funktion der Aufzeichnung haben wir ihr weggenommen, also das, was zu Missbrauch führen könnte. Wir haben sie trainiert, ohne Nutzung von Personendaten zu segmentieren und zielgruppengerechte Kommunikation und Werbung zu ermöglichen. Wir haben quasi eine «gute» KI entwickelt, die nicht fähig ist, «böse» zu werden.

Iman Nahvi
Quelle: ZVG
Zur Person

Iman Nahvi ist Gründer und CEO der Advertima Vision AG. Sein Kernthema ist es, KI als nutzbares Tool in digitalisierte Geschäftsprozesse zu integrieren. Der gebürtige Iraner führt das Unternehmen unter anderem gemeinsam mit seinem Bruder und sieht in Funktionen wie Machine-Learning, Computer-Vision und Big Data viele Chancen.

Und das sicher mit guten Leuten. Sie sitzen in Zürich in unmittelbarer Nähe zur ETH an der Quelle, um diese zu finden. Wie relevant ist das für den Geschäftserfolg?

Die Schweiz und Zürich sind zukunftsweisend, wenn es darum geht, Innovationen zu ermöglichen. Die Frage ist jedoch immer, findest du das Team dafür. Unser Team besteht zur Hälfte aus Ingenieuren, die anderen sind aufs Business fokussiert. Marketing, Sales, Customer-Services, Projektmanagement – denn du kannst das beste Produkt haben: Wenn es keiner kennt oder besser versteht, bringt dir das wenig. Letztere finden wir nicht zuletzt in St. Gallen, wo wir unser Headquarter haben. 

Woher nehmen Sie diese Innovationskraft? 

Ich war neun Jahre alt, als meine Familie aus dem Iran in die Schweiz gezügelt ist. Mein Vater hat dann ein Taxiunternehmen gegründet. Zwei Wagen, viel Arbeit. Ich habe an der Universität Zürich meinen Bachelor in Banking and Finance gemacht. Und dann habe ich meinem Vater vorgeschlagen, dass wir das mit den Taxis nachhaltiger aufstellen. Als Erstes konnten wir Erdgas Schweiz überzeugen und waren damit der erste Betrieb in St. Gallen, der das Thema Nachhaltigkeit im Fahrgasttransport umgesetzt hat. Später waren wir auch die Ersten, die Elektroautos eingesetzt haben. Ich habe dabei viel gelernt und weiss, dass Innovation Herausforderung mit sich bringt, aber möglich ist. 

Wie geht es weiter? 

Wichtig ist, zu verstehen, dass heute alles möglich ist, auch das, was unmöglich ist. Das zeichnet auch unser Unternehmen aus. Ich habe die agilen Strukturen erwähnt. Wenn du heute an festen Prozessen festhältst, wenn du dich selbst durch Strukturen beschränkst, hast du keine Chance. Vor allem nicht in der Digitalbranche. Es geht darum, bestehende Technologien zu verstehen – und wie du sie nutzen kannst. Um im zweiten Schritt zu schauen, wo es noch Engpässe oder Lösungen braucht. Erfolgreich ist der, der Bestehendes in seinem Sinne nutzt, oder dort Antworten findet, wo es noch keine gibt.

Wilma Fasola von Handelszeitung
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