An der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich gaben in der über 175 Jahre langen Vergangenheit fast nur Männer den Ton an. Doch nun weht ein neuer Wind auf dem Campus: Immer mehr Frauen studieren, forschen und administrieren an der ETH – und immer mehr Frauen wagen von dort den Sprung ins Unternehmertum. 

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Deepjudge beispielsweise, welches Paulina Grnarova mit drei Mitstreitern geschaffen hat. Das Startup automatisiert die Juristerei. Seine Software bearbeitet die Dokumente, die in diesem Gewerbe so wichtig sind: Der Algorithmus durchforstet Gerichtsunterlagen, sucht nach Gesetzestexten und schwärzt in Texten heikle Begriffe ein.

Noch in diesem Jahr wird Grnarova die Deepjudge-Software lancieren. Die dreissigjährige Spezialistin für künstliche Intelligenz will auch andere Frauen dazu inspirieren, eine Firma ins Leben zu rufen: «Ich möchte gerne ein Vorbild sein», sagt sie gegenüber der «Handelszeitung».

Paulina Grnarova, Deepjudge

Paulina Grnarova: Die Gründerin von Deepjudge kennt sich mit künstlicher Intelligenz aus.

Quelle: David Torcasso

Auch Rrreefs kam dank Know-how aus der ETH Zürich zustande: Die ETH-Biologin Ulrike Pfreundt, die Künstlerin Marie Grismar und die Meeresbiologin Hanna Kuhfuss wollen mit ihrem Verein Korallenriffe retten.

Die Idee der drei Gründerinnen ist clever: Sie fabrizieren mit 3D-Druckern Bausteine aus Ton und versenken sie im Meer. Diese tönernen, hohlen Klötze, die an Lego-Spielzeug erinnern, bilden dann die Basis für natürliche Korallenriffe.

Ein künstliches Riff aus Ton

Dass der Trick funktioniert, beweisen die drei mit ihrem Pilotprojekt vor der Küste Kolumbiens, für das sie über Crowdfunding 70’000 Franken erhielten. Das kolumbianische Projekt soll nur der Anfang sein – «wir wollen grosse Riffe bauen, sonst könnten wir es auch gleich sein lassen», sagt Pfreundt gegenüber der «Bilanz». Innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre will Rrreefs bis zu tausend Kilometer an künstlichen Riffen anlegen.

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Ulrike Pfreundt: Die Co-Gründerin von Rrreefs war Postdoc an der ETH Zürich.

Quelle: Michael Buholzer für BILANZ

Während sich Rrreefs um den Zustand der Meere sorgt, kümmert sich die Jungfirma Digit Soil um die Gesundheit des Bodens. Das Startup der Biotechnologin Sonia Meller und ihres Teams entwickelt ein Verfahren, um die Bodenqualität zu messen. Ein erster Schnelltest soll noch Ende dieses Jahr auf den Markt kommen. 

Bei Duramon, einem weiteren Startup, geht es nicht um unverbaute Böden, im Gegenteil: Beton heisst die Expertise von Yurena Seguí Femenias und ihren Mitgründern. Die Mission ist aber durchaus nachhaltig, denn Duramons Technologie verlängert die Lebensdauer von Betonbauten. Es handelt sich um Sensoren, die erkennen, wann Sanierungen nötig werden, weil die Stahlträger im Beton sich zu zersetzen beginnen.

Lernconsulting, Startup Nummer fünf, ist auf Lernhilfe und Lerndidaktik spezialisiert, während Simplex DNA, die Jungfirma von Kristy Deiner und vier Mitgründern, sich auf die Analyse von DNA-Datensträngen versteht und dafür ein Testkit entwickelt hat.

ETH-Startups: Überdurchschnittlich erfolgreich

Ob diese spannenden sechs Startups von Frauen Erfolg haben, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Die Chancen für eine lange geschäftliche Zukunft stehen gut, die Spin-offs der ETH Zürich sind für Jungfirmen überdurchschnittlich erfolgreich. Das zeigt eine Studie aus dem letzten Jahr. Die ganz grosse Mehrheit der Startups überlebt die schwierigen ersten fünf Gründerjahre – sie sind also überdurchschnittlich langlebig. Weiter stechen sie hervor, weil sie auffallend viele Jobs schaffen.

Nebst Zahlen gibt es auch Namen, die den Spin-off-Erfolg belegen: Sensirion ist einer davon. Die Sensoren des Konzerns aus Stäfa werden sogar von Google verwendet – die Gründer waren früher Doktoranden an der ETH. Der GPS-Modul-Hersteller U-blox, der Pflanzenfleischfabrikant Planted oder die auf CO2-Speicher spezialisierte Firma Climeworks sind weitere Erfolgsunternehmen, die im Umfeld der ETH Zürich ihren Anfang nahmen.

(mbü)