Das Europa Forum wählt gemeinsam mit Ringier Axel Springer Schweiz jährlich 25 Impulsgeberinnen und Impulsgeber aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Generation Zukunft. Es werden damit Menschen gewürdigt, die mit ihren Leistungen, Visionen und Ideen im Zusammenhang mit dem Jahresthema des Europa Forums wertvolle Spuren hinterlassen, einen relevanten Beitrag leisten und letztlich auf ihre Art prägend sind. Nachfolgend fünf Porträts aus dem Bereich Politik.

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Sanija Ameti, 30: Freiheitskämpferin

Sie liebt die Härte ihrer Statements und fällt damit auf. Sie macht ihre Herkunft als bosnisches Flüchtlingskind zum Thema und sorgt für Respekt und Aufsehen. Um Distanz zu erhitzten Debatten zu finden, reist sie gerne nach Paris oder Berlin. «Schliesslich bin ich Europäerin», sagt Sanija Ameti und lacht. Dort kann sie auch an ihrer Doktorarbeit schreiben und Museen besuchen. 

Seit Ameti die europaphile Bewegung Operation Libero im Co-Präsidium anführt, steht sie noch mehr im Rampenlicht als zuvor. National aufgefallen war sie erstmals im Abstimmungskampf gegen das sogenannte Antiterrorgesetz. Sie bekämpfte es, mit der Überzeugung, dass gesetzliche Vollmachten unter Umgehung richterlicher Kontrollen in angespannter Lage vom Staat missbraucht werden könnten – «auch in der Schweiz», glaubt Ameti. Den Reflex, dass der Staat zu Übergriffen fähig ist, erwarb sie sich aus ihrer Geschichte. Wer in die Schweiz flüchtet, um Freiheit zu erlangen, gibt sie nicht grundlos auf.

Ihr Brot verdient die dreissigjährige Juristin als Assistentin an einem Lehrstuhl für Rechtswissenschaften an der Uni Bern: Studenten betreuen, Prüfungen korrigieren, Seminare organisieren, Ersatzvorlesungen halten und forschen. Ihre Freizeit wird von der Politik dominiert: der Think-Tank Foraus, Operation Libero und Grünliberale in Zürich. Ametis Spezialgebiet ist Cybersicherheit. Man findet von ihr diverse Aufsätze zum Thema, die unter Fachleuten auf reges Interesse stossen. Einer handelt davon, dass soziale Medien mit Algorithmen arbeiten, die extremistische Meinungen künstlich befördern – und damit den öffentlichen Dissens fördern, so Ameti. Das sei gefährlich für den politischen Diskurs in Demokratien. Ja, sie habe schon Offerten zur Arbeit in der Schweizer Cyberabwehr erhalten, ob privat oder von der Armee. Bisher hat sie abgewinkt. Zuerst wolle sie an der Uni Bern abschliessen. Andreas Valda

5 Fragen an Sanija Ameti

Ihr Wunsch für Europa?
Europa ist bereits eine regulatorische Weltmacht – es muss aber auch eine Weltmacht
der Werte werden, eine freie und sichere Heimat für Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft und Religion.

Ihre grösste Sorge?
Dass die Schweiz in ihrer Selbsttäuschung von Souveränität ihre europapolitische Handlungsfähigkeit nicht wiedererlangt.

Worauf sind Sie stolz?
Auf meine Geschichte, die mir meine Eltern als verfolgte muslimische Europäer mitgegeben haben.

Ihre erste Amtshandlung, wenn Sie EU-Vorsitzende wären?
Ich würde als Erstes die EU nach Schweizer Vorbild demokratisieren.

Was wollen Sie in zehn Jahren erreicht haben?
Gelassenheit.

Clément Beaune, 40: Leidenschaft für Europa

Der «Liebling» des Präsidenten, sein «geheimer Trumpf» oder der «Orchestermeister» Frankreichs in Brüssel. Mit seinen gut 40 Jahren – im August wird er 41 – ist der französische Staatssekretär für europäische Angelegenheiten Clément Beaune einer der wenigen Politiker, die fast nur Komplimente erhalten. «Ultrakompetent» und «zugänglich» sind einige der Eigenschaften, die ihm zugeschrieben werden, obwohl er lange Zeit im Schatten von Emmanuel Macron stand, bevor er 2020 in die Regierung eintrat. Und obwohl er seine grosse Schüchternheit noch heute bei jeder Rede überwinden muss, wie er gesteht. Eine weitere Stärke ist seine aufrichtige Leidenschaft für Europa.

Seine ersten Erinnerungen an Europa sammelte der gebürtige Pariser zwischen 1989 und 1991 nach dem Fall der Berliner Mauer bei regelmässigen Reisen mit der Familie nach Mitteleuropa. «Ein wahrer Schmelztiegel der Kulturen und das Gefühl, dass etwas los ist», beschreibt er seine Gedanken. Später setzte Beaune seine Erfahrungen mit Europa in Dublin fort, wo er 2001 ein Erasmus-Studium absolvierte. Dabei arbeitete er vor allem mit der Italienerin Caterina Avanza zusammen, die heute als politische Beraterin tätig ist und ihn an ihre gemeinsame Erkenntnis erinnert, dass diese kulturelle Mischung «entwickelt und demokratisiert werden muss».

Interview et portrait de Clément Beaune, Secrétaire d’Etat auprès du Ministre de l’Europe et des affaires étrangères, chargé des affaires Européennes. Prise de vue réalisée le mercredi 2 septembre dans son bureau au Quai d’Orsay à Paris. Photo : Julien Daniel / MYOP pour Der Spiegel

Clément Beaune

Quelle: Julien Daniel / MYOP

«Dennoch war mein Lebenslauf keineswegs vorgezeichnet», erklärt der Gastronomie- und Italienliebhaber. Denn der ENA-Absolvent, der in einem «mitterrandianischen» Umfeld aufgewachsen ist, war vor allem «von der Politik und von aktuellen Ereignissen» begeistert. Es sei ein «Zufall des Lebens» sowie seine Tätigkeit für Emmanuel Macron ab 2014 im Wirtschaftsministerium, die ihn dazu brachten, sich für Europa einzusetzen. Nicht an einer Karriere in Brüssel interessiert, ist Clément Beaune im Übrigen davon überzeugt, dass Europa in den Mitgliedstaaten verteidigt werden muss. Das sei ein ständiger Kampf, sagt er, da in dieser EU, die zwar seit dem Brexit und durch die darauffolgenden Krisen gestärkt wurde, aber immer noch von internen Spannungen durchzogen ist, nichts selbstverständlich sei. Solenn Paulic

Nicola Forster, 37: «Foraus»-Denker

Die Liste von Forsters Engagements und Gründungen ist so lang, dass man sich fragt, wie der 37-Jährige diese bewältigt: die Think-Tanks Foraus und Staatslabor, Grünliberale Zürich, Asia Society Switzerland, Stiftung Science et Cité, Schweizerische Unesco-Kommission, um nur einige zu nennen. Darauf angesprochen, lacht er und sagt, er arbeite «oft weit in die Nacht hinein». Er habe viel Energie für Dinge, die ihn begeistern. Mit einigen verdient er auch sein Leben. Forsters jüngstes Engagement: Präsident der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Der Verein ist einem grossen Kreis bekannt, weil er seit 1860 die Rütliwiese, das Schweizer Nationalheiligtum, verwaltet. Über das historische Erbe des SGG spricht Forster mit Stolz: 1810 gegründet, 1848 den Bundesstaat mit auf den Weg gebracht, 1925 die AHV mit auf dem Weg gebracht und gleichzeitig die genossenschaftliche Mobiliar-Versicherung mitgegründet. Jetzt will Forster eigene Meilensteine setzen. Als Erstes lanciert er im Verein einen Think-Tank namens «Pro Futuris», der die demokratische Kultur stärken soll «in einer Zeit, in der tiefe Gräben durch die Bevölkerung gehen». Zur Europa-Frage schreibt er gemeinsam mit dem deutschen EU-Parlamentarier Andreas Schwab an einem Buch. Beide wollen die Gräben zuschütten, die zwischen der Schweiz und der Europäischen Union in der Frage der Bilateralen Verträge entstanden sind.

Foto: Nathalie Taiana, 22.07.2021, Zürich (ZH), Nicola Forster, Präsident der SGG (verwaltet das Rütli und organisiert 1. August-Feier, aufgenommen beim Landesmuseum Zürich

Nicola Forster

Quelle: Nathalie Taiana

Bekannt geworden ist Nicola Forster im Jahr 2008 mit der Jugendkampagne zur Abstimmung über die Personenfreizügigkeit für die EU-Oststaaten. Da war er Jurastudent und erst 23. Er gründete Foraus und hatte deshalb zeitlich Mühe, das Studium abzuschliessen. Doch thematisch passte es zusammen: «Politik ist die Gestaltung des Rechts», sagt Forster. Er schaffte das Lizenziat doch noch und stürzt sich seither in immer neue Aufgaben. Im Nationalrat ist er erster Ersatzkandidat, sollte jemand aus der GLP-Fraktion zurücktreten. Ob er eine solche Aufgabe noch obendrauf packen könnte, ist unklar. Aber es wäre der konsequente Weg bis nach weit oben in der Politik. Andreas Valda

Lea Wermelin, 37: Politik im Blut

Wenn man die Dänin Lea Wermelin nach den Anfängen ihrer politischen Karriere fragt, nennt sie Gespräche mit ihrer Grossmutter am Küchentisch als Schlüsselmomente. «Ich wurde wahrscheinlich Sozialdemokratin, als ich noch sehr jung war. Ich sass unter der Woche nach der Schule in der Küche meiner Grossmutter und sprach mit ihr über das Leben während des Krieges und darüber, dass sie mit 13 Jahren aus Schweden nach Dänemark kam, um als junges Dienstmädchen hier zu arbeiten. Ich glaube, das hat mich in jungen Jahren geprägt.» 

Inzwischen hat es die 1985 geborene Politikerin bis zur Umweltministerin im Kabinett Frederiksen in Dänemark gebracht. Dort gestaltet sie die Nachhaltigkeits- und Umweltpolitik des Landes mit, die immer wieder mit innovativen und avantgardistischen Ansätzen in diesen Bereichen auf sich aufmerksam macht. Auch die politisch hoch relevanten Themen Energie, Ernährung und Landwirtschaft fallen in den Zuständigkeitsbereich der jungen Politikerin. Mittlerweile kann Wermelin bereits auf eine längere politische Karriere zurückblicken: Bereits 2014 hatte sie als Spitzenkandidatin für ein politisches Amt kandidiert und wurde 2015 mit 18,4 Prozent der Stimmen in ihrem Wahlkreis ins Parlament gewählt. 

Miljoeminister Lea Wermelin S besoegte mandag formiddag mink-massegravene i Nr. Felding ved Holstebro. Foto: Morten Stricker , Holstebro. *** Minister of the Environment Lea Wermelin S visited the mink mass graves in Nr Felding near Holstebro on Monday morning Photo Morten Stricker, Holstebro PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: MortenxStricker MortenxStrickerx cop108 spdk20201207-145624-L

Lea Wermelin

Quelle: imago images/Ritzau Scanpix

Ein weiterer Grund für ihr Engagement? Wermelin möchte nicht, dass ihre Tochter in einer Gesellschaft aufwächst, in der die Kluft zwischen Arm und Reich und zwischen Stadt und Land immer grösser wird, wie sie in einer Erklärung sagt. Mit den Dossiers Umwelt, Ökologie und Nachhaltigkeit ist sie in einer entscheidenden Position, um eine nachhaltige Zukunft für Dänemark zu gestalten. Wermelin studierte an der Universität Kopenhagen, arbeitete in Teilzeit als studentische Hilfskraft im Aussenministerium und absolvierte ihr Auslandsstudium in Lund. Heute ist sie eine der prominentesten Politikerinnen des Landes. Stefan Mair

Nora Wilhelm, 29: Change-Makerin

Sie ist Ende Mai gerade erst 29 Jahre alt geworden und hat bereits einen Lebenslauf zusammengebaut, der auch 50-Jährigen gut zu Gesicht stünde. Nora Wilhelm, Mitgründerin, Leiterin und Catalyst – was man wohl am besten mit «Beschleunigerin» übersetzt – von Collaboratio Helvetica. Diese Organisation will gesellschaftlichen Wandel vorantreiben und hat konkret das Ziel, durch sektorenübergreifende Zusammenarbeit die Umsetzung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, die in der Agenda 2030 niedergelegt sind, in der Schweiz zu befördern. Von 2016 bis 2020 vom Pionierfonds der Migros unterstützt, steht Collaboratio Helvetica inzwischen auf eigenen Beinen. Die Organisation bringt Menschen, Institutionen, Ämter und auch Firmen, die innovative Projekte zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele umsetzen möchten, zusammen und befähigt sie. Ziel ist, letztlich ein Netzwerk von Changemakern aufzubauen, die sich gegenseitig in ihrem Engagement unterstützen.

Nora Wilhelm

Nora Wilhelm

Quelle: ZVG

Nach frühen Jahren im aargauischen Buchs ist Nora Wilhelm in Genf aufgewachsen, hat in St. Gallen einen Bachelor in Internationalen Beziehungen erworben und schraubt seit 2020 an der Business School der britischen Elite-Uni Cambridge an einem Master in Social Innovation; das Programm endet in diesem Jahr. Sie tritt als Rednerin, etwa auf der TED-Plattform, am Städtetag, an der Deza-Jahreskonferenz oder an der ETH für ihre Sache auf und hat für ihren Einsatz schon zahlreiche Auszeichnungen erhalten. So wurde sie von der UN-Bildungsorganisation Unesco zur «Young Leader» ernannt und vom Wirtschaftsmagazin «Forbes» wurde sie Ende 2020 in die exklusive Gruppe der «30 unter 30»- Leader in der Schweiz berufen. Von 2014 bis 2016 präsidierte sie das Europäische Jugendparlament in der Schweiz, ausserdem präsidiert sie den Berner Hub der Global Shapers Community beim World Economic Forum (WEF). Dirk Ruschmann

Millennials im Brennpunkt

«Let Europe arise. Die nächste Generation übernimmt in herausfordernden Zeiten. Welches Europa wollen die Millennials jetzt?» lautet das diesjährige Hauptthema der Gesprächs- und Ideenplattform Europa Forum. Als Höhepunkt der Jahresaktivitäten findet am 23. und 24. November 2022 das Annual Meeting im KKL Luzern statt.

Zu den namhaften Speakerinnen und Speakern zählen alt Bundesrätin Doris Leuthard, Deutschlands früherer Aussenminister Sigmar Gabriel, Historiker und Publizist Timothy Garton Ash, Schriftstellerin Nora Bossong, Chefin Sicherheitspolitik des VBS Pälvi Pulli und Politexperte Fabrice Pothier. Sichern Sie sich jetzt Ihr Ticket.