Sie waren Direktorin der School of Engineering an der ZHAW. Nun sind Sie etwas mehr als hundert Tage als Staatssekretärin im Amt. Haben Sie Ihre Karriere geplant?

Martina Hirayama: Ich glaube, es ist schwierig, sich als Karriereziel Staats-sekretärin für Bildung, Forschung und -Innovation zu setzen. Ich hatte immer das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und habe jeweils die Chancen, die sich mir boten, gepackt.

Was hat Sie seit Ihrem Amtsantritt am meisten überrascht?

Ich denke, ich konnte mir aufgrund meiner früheren Tätigkeiten ein ganz gutes Bild der Aufgabe machen, die mich erwartet. Was mich positiv überrascht hat, ist das hohe Tempo, mit dem die verschie-denen Aufträge bearbeitet werden. Nicht überrascht hat mich die hohe Qualität, die hatte ich schon bei meinen früheren Kontakten mit dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) festgestellt.

Welches sind zurzeit die grössten Herausforderungen für die Bildungslandschaft Schweiz?

Aus Sicht des SBFI ist die Vorbereitung der nächsten BFI-Botschaft wichtig. Wir sind daran, mit den verschiedenen Akteuren zu schauen, welche Rahmenbedingungen es für 2021 bis 2024 braucht. Zudem soll die Chance gepackt werden, neue Dinge auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. In diesem Kontext steht auch die -Digitalisierung, die den gesamten BFI--Bereich betrifft. In der Bildung geht es um die Inhalte von Lehrplänen oder die Nutzung von neuen Lehrformen. Ein wich-tiger Punkt ist die Lehrerausbildung. Im Bereich Berufsbildung beschäftigen wir uns mit Berufsbildung 2030, um fit und -attraktiv für die Zukunft zu sein. Auch hier ist Digitalisierung ein wichtiges Thema.

Was steht beim SBFI als Nächstes auf der Agenda?

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Beteiligung der Schweiz an den nächsten EU-Rahmenprogrammen in Forschung, Bildung und Raumfahrt. Die Forschungszusammenarbeit, die für die Hochschulen wie für die Wirtschaft sehr relevant ist, ist grundsätzlich in den Bilateralen I geregelt. Dennoch sind für jede Programmgeneration die konkreten Bedingungen für eine Zusammenarbeit auszuhandeln. Wir gehen davon aus, dass wir bis Ende Jahr vom Bundesrat ein Verhandlungsmandat haben, um die entsprechenden Gespräche aufzunehmen. Wir sind alle an einem möglichst starken europäischen Forschungs- und Innovationsraum interessiert. Die Schweiz hat grosses Potenzial, ihn mit ihren europäischen Partnern zu stärken. Wir sind langjährige, zuverläs-sige, starke Partner, das weiss auch die -Europäische Union.

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Was geschieht, wenn die Schweiz das -institutionelle Rahmenabkommen nicht unterzeichnet?

Ich kann nur für den Bereich Bildung, Forschung und Innovation sprechen. Es gibt wie gesagt keine rechtliche Verbindung zwischen dem institutionellen Rahmenabkommen, das den Marktzugang betrifft, und dem Forschungs-, Bildungs- und Raumfahrtprogramm. Aber es kann sein, dass unsere europäischen Partner einen politischen Link machen, was wir nicht hoffen. Aber auch dann gibt es verschiedene Möglichkeiten. 2014 haben wir schon einmal erlebt, was es bedeutet, wenn man an Forschungsrahmenprogrammen nicht assoziiert ist. Wir sind -davon überzeugt, dass es für Europa wichtig ist, dass die starken europäischen Partner gemeinsam bei den nächsten europäischen Forschungs-, Bildungs- und Raumfahrtprogrammen zusammenarbeiten. Wir sind willens, uns da voll einzubringen, und gehen davon aus, dass dies möglich sein wird. Wir haben einen guten informellen Austausch in diesem Kontext. Und sollte es nicht möglich sein, dass wir uns zu fairen Bedingungen beteiligen können, werden wir uns nicht passiv verhalten, sondern die Möglichkeiten nutzen, die wir haben. Klares Ziel ist aber eine Mitarbeit unter fairen und transparenten Rahmen-bedingungen an den erwähnten Pro-grammen.

Die Vermittlerin

Name: Martina Hirayama
Funktion: Direktorin des Staats-sekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI)
Alter: 48
Familie: verheiratet, zwei Kinder
Ausbildung: Studium der Chemie an der Universität Freiburg, der ETH Zürich und am Imperial College -London, Nachdiplomstudium in -Betriebswirtschaften, ETH Zürich

SBFI Es ist das Kompetenzzentrum des Bundes für Fragen der Bildungs-, Forschungs- und Innovationspolitik. Es fördert die Bereiche mit jährlich rund 4,5 Milliarden Franken.

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Was muss in der Bildungslandschaft Schweiz geschehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben? 

Wir haben die Offenheit, die sehr wichtig ist für die internationale Kooperation. Das Qualitätsbewusstsein, das sehr relevant für die entsprechende Positionierung aller Institutionen ist. Eine gute Balance zwischen Wettbewerb und Kooperation sowohl in der Schweiz als auch international. Es ist wichtig, Synergien zu nutzen, wenn man gemeinsam mehr erreichen kann. Im internationalen Kontext können dies gemeinsame Projekte oder gemeinsame Forschungsinfrastrukturen sein, ein gutes Beispiel dafür ist das Cern. Internationaler Austausch ist in allen Bereichen wichtig, sei dies in der Berufsbildung, in den Hochschulen, unter Studierenden und Dozierenden.

Die Fachhochschulen sind gesetzlich den universitären Hochschulen -gleichgestellt. Es fehlt jedoch noch immer ein PhD FH. 

Es lohnt sich, das Gründungsmotto der Fachhochschulen heranzuziehen: «Gleichwertig, aber andersartig». Dazu gibt es eine klare Haltung vonseiten des Bundes und der Kantone im Rahmen der Schweize-rischen Hochschulkonferenz, die dahin geht, dass sich aus der Andersartigkeit unterschiedliche Aufgaben der universitären Hochschulen und der Fachhochschulen ergeben. Andersartig sind auch Zugang, Aufgaben, Fokussierung und Abschlüsse. Die Fachhochschulen sind die Hochschulen des berufsbildenden Wegs, sie sind -praxisorientiert und führen Studierende mit dem Bachelor-Abschluss zum Regel-abschluss, der entsprechend berufsbefähigend sein soll. Das Doktorat ist den uni-versitären Hochschulen vorbehalten, aber man hat mit der Kooperationsmöglichkeit zwischen Fachhochschulen und Universitäten einen guten Weg gefunden, die Fachhochschulen an der Doktoratsausbildung zu beteiligen. Es gibt seit dem Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz Programme, die über projektbezogene Mittel finanziert werden und solche gemein-samen PhD fördern. Diese Kooperationen tragen zu einer besseren Vernetzung von Universitäten und Fachhochschulen bei, weil sich auch die Professoren der verschiedenen Hochschultypen besser kennenlernen.

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Also ist ein PhD FH gar kein Thema?

Man hat den Weg der Kooperationsprogramme eingeschlagen. Ich denke, dass das eine gute Möglichkeit ist, um gemeinsame Erfahrungen zu sammeln.

Was können die Fachhochschulen tun, um ihre Absolventen auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten?

Entscheidend ist ein regelmässiger Austausch mit den zukünftigen Arbeitgebern, um die sich verändernden Bedürfnisse zu erkennen und in die Lehre miteinzubeziehen. Aus demselben Grund halte ich es für sehr wichtig, dass sich die Dozierenden in anwendungsorientierter Forschung und Entwicklung engagieren, und mit den Wirtschaftspartnern, die ja später die Absolventen einstellen, zusammenarbeiten. Die Anwendungserfahrung soll nicht nur bei Arbeitsbeginn an der Fachhochschule, sondern auch während der Tätigkeit an der Fachhochschule greifen. Zudem sollten die Fachhochschulen regelmässig ihre Curricula und Strategien überprüfen, mit Einbezug externer Experten, weil eine Aussensicht immer bereichernd ist. Und natürlich sollen auch Fachhochschulen Erfahrungen mit neuen Lehrformen -sammeln.

Die Weiterbildung an den Fachhochs-chulen ist teilweise doch sehr unüber-sichtlich. 

Es gibt tatsächlich viele Weiterbildungen. Auch, weil die Fachhochschulen gezielt auf die Bedürfnisse von Studierenden und Arbeitgebern eingehen. Das ist richtig und wichtig. Man hat aus meiner Sicht mit den drei Hauptbezeichnungen CAS, DAS und MAS einen grossen Schritt vorwärts gemacht: Für diese Abschlüsse gibt es einen Rahmen, der vom Umfang her relativ klar ist und dann inhaltlich sehr unterschiedlich ausgestaltet sein kann. Der «Wert» dieser Abschlüsse hängt von den einzelnen Hochschulen ab, die ihre Angebote mit Blick auf Arbeitsmarkt und Nachfrage autonom platzieren. Man muss sich -bewusst sein, dass Weiterbildung kos-tendeckend angeboten werden muss. -Studierende investieren viel Zeit und Geld, -weshalb sie in der Regel auch ganz genau hinschauen. Wenn Angebote nicht gut sind, verschwinden sie deshalb auch schnell wieder vom Markt.

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Wie sollen sich die Fachhochschulen in Zukunft positionieren?

Die Fachhochschulen haben eine wichtige Rolle für den Denk- und Werkplatz Schweiz. Sie haben eine wichtige Rolle in unserem gesamten Bildungssystem, indem sie ein Hochschulstudium über den Weg der Berufsbildung ermöglichen. Unsere Wirtschaft braucht dringend hoch qualifizierte Fachkräfte, die aus den -Fachhochschulen kommen. Es braucht auch dringend anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung sowie Dienstleistungen; dazu leisten die Fachhochschulen einen erheblichen Beitrag.
Ebenso  wie zur Innovationsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft. In der Weiterbildung sollen Fachhochschulen auch in Zukunft arbeitsmarktrelevante Angebote schaffen. Qua-lität in der Hochschullandschaft ist wichtig, auch die Fachhochschulen müssen -schauen, wo sie Schwerpunkte setzen, um wettbewerbsfähig zu -bleiben.

Was raten Sie den Fachhochschulen in der Schweiz?

Mir sind die Fachhochschulen als Teil -unserer sehr erfolgreichen Bildungs-, -Forschungs- und Innovationslandschaft sehr wichtig. Es ist mir ein grosses An-liegen, dass sich die Fachhochschulen, die sich über die letzten Jahre hervor-ragend entwickelt haben, mit ihrem -Profil in der Schweiz und international gut positionieren können. Und ich bin mir sicher, dass dies auch weiterhin gelingen wird.