Keyu Jin ist es gewohnt, eine Position zu vertreten, die irritiert und nicht immer gut ankommt. Auch in Luzern sorgten die Worte der Harvard-Abgängerin zuweilen für gehobene Augenbrauen und auch für eine Störung der Veranstaltung durch Vertreter der tibetischen Gemeinschaft in der Schweiz. Die Wirtschaftsprofessorin vertrat in Luzern eine Haltung, die in den groben Zügen der Linie der chinesischen Regierung entspricht.

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«China will nicht so sein wie die USA, China will auch nicht so sein wie Europa», sagte die Professorin der London School of Economics and Political Science mehrmals in ihrem Referat via Videolink. Denn China gehe seinen eigenen Weg und den müsse man im Rest der Welt akzeptieren. Dazu gehöre auch, dass Chinas Modell endlich als Erfolgsmodell gesehen werde. «Die allermeisten Chinesinnen und Chinesen können heute sagen, dass sie ein besseres Leben führen als ihre Eltern. Wer kann das schon in den USA?» fragte die Professorin etwas provokativ. Die Antwort darauf lieferte dann überraschend eine Gruppe von Menschenrechtsaktivistinnen, die sich unter die Zuhörerschaft in Luzern gemischt hatte und mit ihren Zwischenrufen den Auftritt Keyu Jins kurzfristig unterbrach.

Moderatorin Christine Meier suchte sofort den Dialog mit einem der Aktivisten und wollte wissen, was denn die Forderung der tibetischen Gemeinschaft in der Schweiz sei. Nach ein paar weiteren Zwischenrufen der Aktivisten, forderte ein Sprecher, dass man den Menschenrechten mehr Platz einräume und mit China keine Geschäfte machen solle. Ausserdem war auf Transparenten der Aktivistinnen und Aktivisten die Forderung eines Boykotts der olympischen Winterspiele in Peking zu lesen.

Harmonische Gesellschaft

Unbeirrt von diesem Unterbruch fuhr die chinesische Professorin danach weiter, die Vorteile von Chinas Modell aufzuzeigen. Die kommunistische Regierung habe es geschafft, die Gesellschaft harmonischer zu machen zum Beispiel mit dem Kampf gegen die Korruption oder auch indem sie grosse Konzerne in ihrer Macht beschneide. «Das Volk mag es, wenn sich auch die Leute an der Spitze an Regeln halten müssen», sagte Keyu Jin und nannte Xi JInpings Antikorruptionskampagne als gutes Beispiel für die Vorteile des kommunistischen Systems in China. Man müsse hier einfach die Fakten sehen. Ein Modell, in dem der Staat so viel zu sagen habe wie in China, könne auch viele Vorteile haben.

Die «Handelszeitung» ist Medienpartner des Europa Forum Lucerne.